Schritte ins Licht – Wie ein Berliner Filmfestival Empowerment auf die Leinwand bringt

Nov 28, 2020
Lindy Larsson posiert im Wald in Schweden.
Beim Roma-Filmfestival „AKE DIKHEA?“ erzählen Filmemacher*innen mit Romno-Hintergrund ihre Geschichten. Die Beiträge machen deutlich: Auch heute noch kämpfen viele Roma mit dem schmerzlichen Erbe ihrer Identität. Doch die Sichtbarkeit in einer Welt, die ihnen lange einen Platz verwehrte, kann ihnen keiner mehr nehmen.

Als das Saallicht herunterfährt, richten sich tausend Augenpaare auf ihn. Dort, im gelb-orangenen Halbdunkel der Bühne, steht ein erschöpfter Mann, dessen feine Gesichtszüge zu einer schmerzerfüllten Grimasse verschwimmen. Auf eines der bunt bemalten Bühnenteile gestützt, während vom Orchestergraben aus die ersten zarten Klänge einer Geige zu ihm heraufdringen, beginnt er zu singen. Erst leise und zerbrechlich, als müsste sich seine Stimme erst daran gewöhnen, Gehör zu finden. Dann lauter, immer lauter, bis die Worte in der Sprache seiner Vorfahren den gesamten Saal ausfüllen. „Gelem, gelem, lungone dromensa“ – ich reiste einen sehr sehr langen Weg.

Es ist nicht nur sein eigenes Leid, dass durch ein tragendes Crescendo auch bis in die letzten Reihen des Theaters vordringt. Es ist das Leid seiner Familie, die immer wieder aufgrund ihrer Herkunft mit der Böswilligkeit einer Gesellschaft konfrontiert wurde, die sie nie ganz willkommen hieß. Das vergessene Leid seiner Vorfahren, deren beschwerlichen Weg er in diesem Moment besingt. Der Mann auf der Bühne ist Lindy Larsson, Darsteller am Maxim Gorki Theater und Protagonist des Filmes, in dem eben diese Szene stattfindet. Das Lied, dass er singt, ist die Hymne der Roma.

Die eigene Geschichte erzählen

„Lindy the Return of Little Light“ ist der Eröffnungsfilm der mittlerweile vierten Ausgabe des Roma-Filmfestivals „AKE DIKHEA?“. Dass dieses einmal international und in Pandemiezeiten sogar online stattfinden würde, hätte Gründer Hamze Bytyçi vor vier Jahren noch nicht geahnt. Als damals im Herbst 2017 die ersten Werke von Filmemacher*innen mit Romno-Hintergrund über die Leinwand des Kreuzberger Moviemento-Kinos flimmerten, sei es vor allem darum gegangen, diesen Menschen eine Plattform zu bieten. 

„Wir erzählen viel zu selten unsere eigenen Geschichten. Deshalb ist es unser Hauptziel, in die Community einzuwirken und diese Möglichkeit zu bieten“

Hamze Bytyçi, Künstlerischer Leiter

Als Schauspieler und Politiker, Regisseur und Aktivist setzte sich Hamze schon immer für die Gleichberechtigung der Roma ein. Diese Verknüpfung von Kunst und Aktivismus zieht sich als roter Faden auch durch die diesjährigen Festivalbeiträge. Erst in jüngster Zeit beginnt man mit der Aufarbeitung eines kollektiven Erbtraumas, dass sich ebenso in die Identität vieler Roma eingebrannt hat, wie das konsequente Totschweigen eben jenes. Der auf Romanes „Porajmos“ – das Verschlingen – genannte Völkermord an den Roma zur NS-Zeit ist nur eines von vielen dunklen Kapiteln der gemeinsamen Geschichte. 

Das Ringen mit der eigenen Identität und tief verankerten Selbstzweifeln sind die resultierenden Leitmotive einer Generation, die sich erstmals auch künstlerisch mit dem schmerzlichen Erbe der Roma in Europa auseinandersetzt. Ein Beispiel hierfür ist „Letter of Forgiveness“, ein Kurzfilm der rumänischen Schauspielerin und Regisseurin Alina Serban. Das als bester Kurzfilm ausgezeichnete Historiendrama behandelt die Versklavung der Roma im Rumänien des 19. Jahrhunderts. Es ist eine tragische Geschichte von Mutter und Sohn, deren Schicksal prototypisch für viele Jahrhunderte der Unterdrückung steht.

Identitäre Erweckungsmomente

Auch für Lindy war die regelrechte Verdrängung der eigenen Identität lange Zeit ein existenzieller Konflikt. Der nach ihm benannte Dokumentarfilm von Ida Persson Lännerberg begleitet seine langwierige Suche nach der eigenen Akzeptanz. Er erzählt die schwierige Kindheit des Darstellers im vermeintlichen schwedischen Idyll bis hin zu dem Punkt, den Lindy selbst als „emotional car accident“ bezeichnet. Die Arbeit am Stück „Roma Armee“, das 2017 im Maxim Gorki Theater Uraufgeführt wurde, wird für ihn zum Erweckungsmoment. 

Nahezu beiläufig erwähnt wird dabei Lindys Homosexualität und die Beziehung zu seinem Mann, der ihm bei seiner filmisch festgehaltenen Sinnsuche als ständiger Ruhepol zur Seite steht. Doch nicht alle LGBTQ+ Menschen teilen derart friedvolle Erfahrungen in Bezug auf die eigene Sexualität. Im Gegenteil: Auch im Deutschland des 21. Jahrhunderts bedeutet Queer sein oftmals, immer wieder Diskriminierungserfahrungen zu machen. Daher legt die diesjährige Ausgabe von „AKE DIKHEA?“ einen bewussten Fokus auf Intersektionalität. Festival-Gründer Hamze Bytyçy will damit einen Raum schaffen, in dem marginalisierte Gruppen aller Richtungen einen Ort des Austauschs finden. 

„[Diskriminierung] ist ein Problem, das nicht von heute auf morgen gelöst werden kann. Deshalb ist es wichtig in Allianzen zu denken gemeinsam und offen darüber zu sprechen.“

Hamze Bytyçy zum diesjährigen Motto „Intersektionalität“
Graphik: AKE DIKHEA?

Na, kiekste?

Schlussendlich ist es nicht nur Lindys Geschichte auf der Leinwand, sondern auch das Festival an sich, das seinen Höhepunkt in einem starken offenen Selbstbekenntnis findet. Wörtlich ins berlinerische übersetzt heiße „AKE DIKHEA?“ nämlich einfach „Na, kiekste?“, wie Hamze erklärt. „Den Namen haben wir auch deshalb ausgesucht, weil anfangs viele dachten, dass wir das nicht hinkriegen würden.“, erzählt er. Zugleich sei der Titel zur Bestärkung derjenigen gedacht, die heutzutage endlich die Möglichkeit hätten, ihre Geschichten nach außen zu tragen – und sich so die eigene Sichtbarkeit selbstbestimmt zurückzuholen. Langfristig wünsche er sich aber auch, dass Roma-Filmemacher*innen losgelöst von ihren eigenen Schicksalen als Bestandteil der Filmlandschaft wahrgenommen werden würden.

Lindy Larsson ging den exakt Gegensätzlichen Weg. Dessen Wandlung vom gefeierten aber innerlich zerrissenen Schauspieler zum stolzen Roma und Aktivisten konnte nicht nur die Festivaljury berühren und begeistern. „Lindy the Return of Little Light“ gewann schließlich sowohl den Preis für den Besten Film, als auch den Publikumspreis. Bei der Abschlussveranstaltung im Kreuzberger SO36 sorgte der Protagonist außerdem für die musikalische Begleitung des Abends. Und als schließlich das Saallicht herunterfuhr und die ersten zarten Töne einer Geige erklangen, erblickten die Zuschauer einen von Ohr zu Ohr grinsenden Mann, der in sich ruhend in den Worten seiner Vorfahren begann zu singen.

Lindy Larsson (Mitte), Hamze Bytyçi (rechts) und Festivalteam. Foto: Stephanie Ballantine.

Text: José-Luis Amsler | Titelbild: Chinema Film Sweden AB