Leben mit der Taliban: So schwer ist der Alltag in Afghanistan

Jul 13, 2018
Mandel-, Aprikosen- und Granatapfelbäume im Garten von Ahmads Familie.

Ahmad aus Afghanistan kam vor drei Jahren nach Deutschland. Seine anstrengende Flucht legte er größtenteils zu Fuß zurück. Heute träumt er von seiner Rückkehr. Das Problem: Seine Heimat wird von den Taliban dominiert. Sie drohten, Ahmad zu töten.

Wenn ich abends in Berlin durch die Straßen spaziere, wenn ich höre, wie die Autos hupen, rieche, wie die Bäume duften, dann schließe ich manchmal meine Augen und denke nur an eines – meine Heimat Kandahar.

Ich heiße Ahmad. Ich bin 24 Jahre alt. Afghanistan kenne ich nur im Kriegszustand. Selbst meine Eltern kennen es nur so. Jeden Tag erreichen mich auch in Deutschland die Meldungen von zu Hause: 38 Soldaten getötet, 40 Polizisten erschossen.

Seit knapp drei Jahren lebe ich in Deutschland. Hier habe ich alles bekommen, was ich mir immer gewünscht habe: eine Arbeit, eine Wohnung, viele Freunde. Ich bewege mich ohne Angst durch die Straßen, ohne Angst gehe ich zur Universität oder zur Arbeit. Und ich frage mich immer wieder eines: Warum können wir in Afghanistan nicht so leben?

Die Taliban verbieten alles

Meine gesamte Familie lebt noch in Kandahar, in dem Dorf Khalaj. Einmal im Monat ruft mich mein Vater an, manchmal auch nur jeden zweiten Monat. In Khalaj gibt es kein stabiles Telefonnetz. Seitdem die Taliban die Herrschaft übernommen haben, schalten sie das Telefonnetz nur morgens zwischen 4 und sechs Uhr frei.

Wer es sich leisten kann, hat ein Satellitentelefon. Meine Familie auch, aber das ist so teuer, dass man es wirklich nur selten benutzt.

Ich habe fünf Geschwister – drei Brüder und zwei Schwestern. Ich vermisse sie. Sehr.

Zwei junge afghanische Männer sitzen im Garten

Ahmads Bruder Humayoon (18) gemeinsam mit dem Cousin Hamid (10) im Garten der Familie in Khalaj

Neulich habe ich mit meinem Bruder Humayoon (18) telefoniert. Er ist ein netter und hübscher Junge. Er liebt Karate, wollte immer ein  Kämpfer werden. „Wenn ich groß bin, gehe ich zur Armee und werde Kommandeur“, sagte er.

Wir sind uns in diesen Dingen nicht ähnlich. Wir haben immer viel gestritten, aber jetzt … jetzt vermisse ich ihn. Er hat mir ein Foto von sich geschickt. Ich war schockiert. Er sah komplett anders aus als vor drei Jahren. Sein Gesicht war kaum zu erkennen, so viel Bart trug er. Am Telefon frage ich ihn: „Warum hast du so viel Bart?“

Humayoon lacht und sagt: „Du bist in Deutschland und weißt nicht, was hier los ist. Die Taliban haben uns verboten, uns zu rasieren. Ich darf auch keine Musik mehr hören, kein Handy haben, keine Jeans tragen, nicht zur Schule gehen.“

Ein Leben wie im Gefängnis

Das Leben in Afghanistan ist ein Leben wie im Gefängnis. „Kannst Du nicht weggehen?“, frage ich meinen Bruder.

„Nein, wir können doch nicht einfach woanders hingehen“, antwortet er. „Wir haben so viel Landwirtschaft, so viele Obstgärten. Und außerdem würden uns die Taliban sowieso nicht gehen lassen.“

Ich frage meinen Bruder, wie es meiner Mutter geht. „Schlecht“, antwortet er. Sie müsse jeden Tag für 40 bis 50 Leute kochen, das mache ihr schwer zu schaffen. „Für 50 Leute?“, frage ich ihn ungläubig. „Ja, das sind alles Taliban“, erklärt Humayoon. „Sie übernachten hier, wenn es ihnen passt und kommen einfach rein und verlangen nach Essen.“

Im Garten wachsen Rosen und viele andere Blumen

Der Garten vom Gästehaus der Landwirtschaft, die Ahmads Eltern gehört.

Ich will wissen, ob die Taliban dafür bezahlen. Mein Bruder lacht über diese Frage. „Ahmad, du kennst die Taliban nicht. Es sind schlechte Menschen, wir müssen machen, was sie sagen und können uns nicht wehren.“

„Warum tut die Regierung nichts dagegen“, will ich wissen. „Welche Regierung?“, fragt mein Bruder. In den vergangenen drei Jahren sind die Taliban stärker geworden als jede
Regierung. Jeden Tag explodieren Bomben, Hunderte Menschen sterben.

„Die Menschen sind es leid, dass sie nie sicher sein können. In unserem Dorf sind außer uns kaum noch Familien übrig geblieben. Wer weg konnte, ist weggegangen.“

Dann macht Humayoon Schluss. „Ich muss Aprikosen und Kirschen pflücken für die Frühstücksgäste. Es ist die beste Zeit für Obst, weißt du. Bestimmt ist es schön in Deutschland, aber solches Obst… das findest du dort nicht.“

Auf der Flucht wurde ich beklaut und verhaftet

Meine Reise von Afghanistan nach Berlin dauerte fünf Monate. Den größten Teil des Weges legte ich zu Fuß zurück. Ich lief von Kabul nach Pakistan, von Pakistan in den Iran.

Das schlimmste war der Weg von Iran in die Türkei. Er dauerte 15 Tage. Eines nachts überfielen uns Diebe als wir gerade neben der Autobahn schliefen. Sie nahmen uns alles weg – Geld, Handy, Schuhe, Kleidung. Die Schleuser nahmen uns trotzdem mit, zu viert eingepfercht in einem Kofferraum. Mitten in der Nacht ließen sie uns an der Grenze raus, wir liefen 15 Stunden durch schneebedeckte Berge – ohne Essen, ohne Pause. Die Grenze zur Türkei besteht aus einer zwei Meter hohen Mauer mit Stacheldraht. Von insgesamt 14 Leuten schafften es zwölf über den Zaun, zwei blieben zurück. In der Türkei wurde ich verhaftet, saß für einen Monat im Gefängnis. Dann ließen sie mich gehen. Ich stieg in ein Boot nach Griechenland, von dort lief ich weiter bis nach Deutschland.

Ein junger afghanischer Mann in der traditionellen Kleidung von Afghanistan

Ahmad als 18-Jähriger in Herat (West-Afghanistan)

Warum ich diese Flucht auf mich genommen habe? Weil die Taliban mich sonst getötet hätten. Ich habe nach meinem Abitur als Übersetzer für die US-Armee in Afghanistan gearbeitet. Als das Militär mich nicht mehr brauchte, geriet ich als Verräter ins Visier der Taliban.

Ich träume davon zurückzugehen

Ich erinnere mich noch an das letzte Telefonat, das ich mit meiner Mutter in Afghanistan geführt habe. Ich konnte mich nicht persönlich von ihr verabschieden. Am Telefon flehte sie mich an:
„Bitte geh nicht, bleibe bei uns.“

Ich erinnere mich an die Schönheit Afghanistans. Wir haben herrliche Berge, weite Landstriche, wilde Tiere. Ich erinnere mich an meine Träume, die begraben liegen zwischen diesen Bergen.
Ich kann nicht zurück solange die Taliban dort sind. Aber ich träume davon, dass ich eines Tages wieder zu Hause sein werde – wenn es Freiheit und Sicherheit gibt in Afghanistan.

Du möchtest mehr über Afghanistan erfahren? Zum Beispiel wie man als Flüchtling SPD-Mitglied wird? Oder wie wir das neue Jahr feiern? Bei  FluxFM erzähle ich fünf Dinge über Afghanistan, die du garantiert noch nicht wusstest. Hör doch mal rein!

Text und Fotos von Ahmad Wali Temori

Dieser Text erschien zuerst bei bild.de. Ahmad Wali Temori absolviert derzeit ein Volontariat der Medienanstalt Berlin-Brandenburg bei ALEX Berlin. Im Rahmen dessen absolvierte er eine Wahlstation bei BILD.

Comments

Comments are closed.