„Religionen haben viele Gemeinsamkeiten“

Feb 21, 2018
zwei junge Frauen schauen sich alte Bücher in einer Ausstellung an.

Über die Jahrhunderte gab es Kriege und Meinungsverschiedenheiten. Trotzdem fanden sich die drei Religionen immer wieder zusammen. Die Ausstellung „Juden, Christen und Muslime“ in Martin Gropius Bau zeigt dies.

Im Kinosaal des Martin Gropius Baus wird diesmal kein Film gezeigt, sondern zur Diskussion geladen. Drei Repräsentanten der großen Konfessionen Judentum, Christentum und Islam sind versammelt, um im Rahmen der Ausstellung „Juden, Christen und Muslime im Dialog der Wissenschaften 500-1500“ miteinander ins Gespräch zu kommen. Ihnen geht es nicht darum, in die unendlichen Tiefen der Religionen abzutauchen und die Unanfechtbarkeit ihrer Weltanschauung herauszustellen, sondern um die Welt menschlicher zu machen. Viele Unterschiede und viel Distanz gibt es zwischen den drei Religionen. Aber in Berlin können wir mehrere Projekte beobachten, die den Kontakt zwischen den Konfessionen aktiv fördern.

Yunus Güllü, Vorstand von Jung-Muslimisch–Aktiv (JUMA), zielt mit seiner Organisation darauf ab, die Stimme der muslimischen Jugend hörbar zu machen. Durch Projekte erhalten JUMA-Mitglieder die Möglichkeit, sich in vielen politischen, sozialen, wirtschaftlichen und medialen Bereichen zu bewegen und zu äußern. Eines von Güllüs Zielen ist die Kommunikation unter den Konfessionen: „Wir sind eine religiöse Organisation. Aber jeder kann zu uns kommen und wir reden miteinander und lernen die verschiedene Strömungen und Religionen gemeinsam kennen.“

„Für mich hat es wenig Relevanz, in welcher Religion die Wahrheit liegt“, sagt Dalia Grinfeld, Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) und geht noch einen Schritt weiter. „Natürlich brauchen wir interreligiöse Gespräche. Nicht nur das, wir sollten auch Projekte miteinander machen“. Grinfeld ist Mitglied der Initiative Jung, Gläubig, Aktiv (JUGA), die aus dem Projekt JUMA hervorging. 14 christliche und jüdische Jugendliche aus Berlin wurden für diesen Verein von erfahrenen Trainern für interkulturelle und interreligiöse Bildung ausgebildet. Das Ziel: anderen jungen Menschen die Bedeutung von Vielfalt und ihrer religiösen und ideologischen Ausrichtung zu vermitteln. Dank ihrer Ausbildung sind diese jungen Menschen in der Lage, die Gesellschaft positiv mitzugestalten.

„Die Religionen haben viele Gemeinsamkeiten“, meint Sophia Quien Parimbelli, Vertreterin der Evangelischen Jugend Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EJBO). Quien Parimbelli stammt aus einem religiösen Elternhaus, erhielt eine christliche Erziehung und ihre Mutter ist Pfarrerin. Durch die Versammlungen innerhalb der Organisation versucht EJBO mehrere gezielte Projekte zu etablieren und beschränken sich nicht auf Religionsangelegenheiten.

Eine junge Frau mit blonden Haaren sitzt auf einem Sessel und lächelt in die Kamera.

Sophia Quien Parimbelli spricht als Vertreterin der Evangelischen Jugend Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz über die Bedeutung des Christentum

Kultur des Dialogs

Prof. Dr. Michael Borgolte, emeritierter Professor für Mittelalterliche Geschichte an der HU Berlin und Gründungsbeauftragter für das Institut für Islamische Theologie, weist beim Dialog der Kulturen im Kinosaal darauf hin, dass in früheren Epochen interreligiöse Kommunikation nicht das Ergebnis von Interesse füreinander, sondern für wissenschaftliche Zwecke war. Laut dem Historiker entwickelte sich über die Jahrhunderte keine wirkliche Gesprächskultur zwischen Religionen, da der Wunsch oft schlichtweg nicht existierte. Man hatte seine eigene Religion und definierte sich darüber. Mit den anderen Glaubensgemeinschaften wollte man gar nicht zu tun haben. „Die Menschen haben sich nicht bemüht, die anderen Religionen überhaupt kennenlernen zu wollen“, sagt er.

Borgolte fügt an, dass das auch heute manchmal noch so sei: „Es gibt immer noch Menschen, die andere Religionen nicht ansprechen wollen.“ Es sei schön, den Wunsch zu haben, mit anderen Religionen zu kommunizieren. Aber das sei nur bei einigen eher jungen Leuten der Fall. Säßen drei religiöse Wissenschaftler auf der Veranstaltung, hätte die Debatte eine ganz andere Form. „Jede Seite würde versuchen, den anderen ihre Ideen vorzuschreiben und zu zeigen, dass man selbst die einzig richtige Religion hat“, so Borgolte. „Sowas kann sich dann schnell in einen Konflikt verwandeln.“

Fünf Menschen sitzen auf einer Bühne vor einer großen Folie und diskutieren.

Die Teilnehmer des Forums repräsentieren die drei großen Religionen: Judentum, Christentum und Islam

Ausstellung “Juden, Christen und Muslime“

Von 1. Dezember 2017 bis zum 4. März 2018 können Besucher des Martin Gropius Baus eine Ausstellung sehen, die zeigt, wie die drei Religionen auf wissenschaftlichem Gebiet über Jahrhunderte zusammen fanden. Unser heutiges wissenschaftliches Leben steht auf den Schultern jener jüdischen, christlichen und muslimischen Gelehrten. Ihre Zusammenarbeit trug zur Übersetzung der Wissenschaften aus mehreren Sprachen bei und ohne ihre Bemühungen gäbe es heute vielleicht so manch wissenschaftliche Schrift nicht mehr.

Die Ausstellung konzentriert sich auf die Begegnung der drei Religionen, um uns die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen ihnen zu zeigen. Allzu gerne wurde diese nach vielen Konflikten zwischen den Glaubensrichtungen vergessen. Dialog und Kommunikation haben schon immer große Bedeutung für die Entwicklung von Zivilisationen gehabt. Religionen kooperierten nicht nur untereinander, um die Wissenschaft zu entwickeln. Der Dialog sollte Gelerntes und Erforschtes auch schützen und bewahren, zum Beispiel vor Kriegen und Invasionen, die den Verlust wissenschaftlicher Ergebnisse hätten verursachen können. So zum Beispiel im Dar al-Hikma in Bagdad (Haus der Weisheit) wo im 8. Jahrhundert muslimische, jüdische und christliche Gelehrte wissenschaftliche Übersetzungen, vor allem aus dem Griechischen, Aramäischen und Persischen in die arabische Sprache anfertigten.

House of One

Da der Fokus der Diskussion im Martin Gropius Bau die Zusammenarbeit von Religionen in Berlin ist, muss auch das House of One erwähnt werden, das eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee unter einem Dach beherbergt. Es soll voraussichtlich ab 2019 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen und  wird das erste Gebetshaus der Welt für drei monotheistische Religionen sein.

Das House of One soll als ein Treffpunkt dienen, an dem Gläubige und Mitglieder der Öffentlichkeit zusammenkommen und mehr über die Religionen und einander erfahren können. Jeder der drei Bereiche im Haus hat die gleiche Größe, aber eine andere Form. In der Mitte befindet sich ein Raum für Dialog und Diskussion und auch für Menschen ohne Glauben. Ein Ort also, an dem auch verschiedene Kulturen voneinander lernen können und der allen Bereichen der Gesellschaft die Möglichkeit bietet, unter einem Dach zusammen zu kommen.

Interreligiöser Dialog: eine Diskussion zwischen Menschen mit Ruhe, Respekt und ohne Vorurteile oder Rassismus. Nur so können Menschen fruchtbar in Kontakt miteinander treten, um Ideen auszutauschen und sich zu verstehen. Ob Martin-Groupius-Bau, JUMA, JSUD oder EJBO: In Berlin, eine Stadt in der viele Religionen und Menschen aus bis zu 180 Nationen Zuhause sind, versuchen verschiedenste Projekte diesen Dialog zu fördern, um friedlichen Austausch und Zusammenleben weiter zu fördern.

Die Ausstellung „Juden, Christen und Muslime im Dialog der Wissenschaften 500-1500“ kann noch bis zum 4. März 2018 im Martin Gropius Bau besichtigt werden.

Text/Fotos: Alaa Alfahel

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