Berlin Art Week: Heilung im Hospital Hekmat

Eine Woche voll Kunst: Es ist wieder Berlin Art Week! Mit über 50 Partnern aus der Berliner Kunstszene finden in Austellungseröffnungen und Sonderveranstaltungen statt. Unsere Autorin Jaqueline Frank hat die Ausstellung „Female Remedy“ im Haus am Waldsee besucht.

Krankenschwestern, Nonnen und Patient:innen an der Schwelle zum Wahnsinn: So wirkt das Hospital Hekmat auf den ersten Blick. Es ist ein Sanatorium, also ein Ort zur Heilung. Betritt man diesen bizarren Ort, begegnet man grotesken, teils schaurigen Figuren. Aufgestellte Mannequins in extravaganten Kostümen; ein Krankenzimmer, dessen Wände mit bedruckten Vorhängen geschmückt sind. Krankenhausbetten für Shirley, Peeweee, Bridget & Co. und eine „Kapelle“, volltapeziert mit Zeitungsartikeln, herausgerissenen Buchseiten und Fotos. Das alles ist Teil der Installation „Female Remedy“ von Leila Hekmat.

Im Rahmen der Berlin Art Week, die vom 14. – 18. September stattfindet, wurde das Haus am Waldsee in Zehlendorf in das Hospital Hekmat transformiert. Bis Januar 2023 kann die Ausstellung besucht werden.
Leila Hekmat, der kreative Kopf hinter der Ausstellung, wurde 1981 in Los Angeles geboren und lebt mittlerweile seit 10 Jahren in Berlin. In ihren Arbeiten setzt sie sich oft mit gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen* und deren Sexualität auseinander. In Anlehnung an das absurde Theater und die Commedia dell’Arte nutzt sie Satire, um gegen den festen Griff von Normen und Regeln zu protestieren. Daneben umfasst ihre künstlerische Praxis auch Performances und Theaterstücke – dafür erstellt sie aufwändige Kostüme und Bühnenbilder.

Krankensaal im Hospital Hekmat mit Betten für "Shirley" und "Margo St. Margo" (Female Remedy, Leila Hekmat)

Das "Frauenleiden Hysterie"

Auch in ihrer neuen Ausstellung Female Remedy setzt sie sich mit gesellschaftlichen Normen an Frauen und besonders das Verhältnis von Kranksein und Gesundheit auseinander. So gibt es deutliche Bezüge zu der medizinischen Behandlung der sogenannten „Frauenleiden“ im 19. Jahrhundert. Darunter fiel als typische Frauenkrankheit zum Beispiel auch die „Hysterie“. Eine Behandlungsmethode der angeblichen Symptome umfasste einfallsreiche Methoden wie verordnete Masturbation (die teilweise auch von Ärzten durchgeführt wurde), das Liegen auf einem Nagelbett oder Trepanation. Bei letzterem wird mit einem Bohrwerkzeug ein Loch in den Schädel von Patient:innen gebohrt, angeblich um böse Geister zu befreien. Anspielungen auf diese Behandlungsmethoden finden sich in Hekmats Arbeiten wieder.

Nagelbett im Hospital Hekmat (Ausstellung Female Remedy, Leila Hekmat)

Eines darf in einer Heilanstalt nicht fehlen: Eine Kapelle!

„Es gibt keine Heilung für das Frausein.“

Mittlerweile gilt der Begriff der Hysterie als veraltet. Klar ist heute auch, dass viele Frauen, die an angeblich an dieser „Krankheit“ litten, unrechtmäßig eingewiesen und behandelt wurden. Vor diesem Hintergrund erscheint der Titel der Ausstellung Female Remedy, auf Deutsch „Weibliches Heilmittel“ oder „Weibliche Abhilfe“, in einem anderen Licht. Der Titel ihrer Ausstellung sei ganz klar ironisch, sagt Hekmat. „Es gibt keine Heilung für das Frausein.“

Denn oftmals betraf die Diagnose der ominösen Krankheit besonders die Frauen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprachen. Die (fiktiven) Biografien solcher Charaktere greift Hekmat in ihrer Arbeit auf. So sind die Patientinnen im Hospitals Hekmat Frauen, die gerne Ärger machen, auch mal während Beerdigungen lachen und sich weigern, leise zu sprechen oder höflich zu sein. Jede von ihnen hat ein eigenes Krankenbett.
Entsprechend werden die Figuren mithilfe besonders bunter, schräger und extravaganter Collagen und Kostüme dargestellt, die teilweise sogar erschreckend oder schaurig wirken. „Manche Leute sehen sie als grausam an, aber ich sehe das nicht so“, erklärt die Künstlerin. „Ich denke, das ist Satire. Es sind oft radikale und kühne und extreme Darstellungen von Ideen, die auf humorvolle Weise umgedreht und verdreht werden.“ Daher sei ihr Lieblingsmagazin die französische satirische Zeitschrift Hara Kiri, die monatlich von 1960 bis 1985 erschien und dessen Mitarbeiter:innen die Charlie Hebdo gründeten. „Sie haben oft sehr kontroverse Bilder, aber ich empfinde sie nicht als grausam, sondern eher als erfrischend“, sagt Hekmat.

Der Toilettenraum (Female Remedy, Leila Hekmat)

Zusammenschluss der Außenseiterinnen

Hekmat hat mit dem Hospital Hekmat einerseits ein religiöses Sanatorium für Frauen entworfen, die nicht den konventionellen Normen entsprechen und die Erwartungen an ihre Rolle nicht erfüllen können. Gleichzeitig kommt eben diese Gruppe von Figuren, die in der Gesellschaft als Außenseiterinnen gelten, im Hospital zusammen. Das Sanatorium wird für sie somit zu einem sicheren Ort, in dem sie sich so absurd, schaurig und abstoßend zeigen können, wie sie wollen es wird das „vernunftswidrige Innere der Patientinnen gefördert“. Hekmats „Idee ist, dass die Frauen keine Heilmittel brauchen, sondern nur die Unterstützung, den Humor und die Liebe der anderen“. Kann die Erfahrung im Hospital Hekmat für die Patientinnen also vielleicht doch heilsam sein?

Drei Bewohnerinnen des Sanatoriums (Female Remedy, Leila Hekmat)

Eine Woche voll zeitgenössischer Kunst

Im Rahmen der Berlin Art Week startet „Female Remedy“ am 15. September 2022 im Haus am Waldsee. Die Ausstellung geht noch bis zum 8. Januar 2023 (Öffnungszeiten: Di bis So, 11-18 Uhr, Eintritt 7€ - ermäßigt 5€). Am 16. Und 17. September 2022 findet zusätzlich die begleitende Live-Performance Symptom Recital: Music for Wild Angels statt. Dafür wird für die Ausstellung in Form einer Soundinstallation adaptiert. Die Besucher:innen erwartet eine Art Konzert bzw. Musical mit emotionalen Monologen.

Die Berlin Art Week, ins Leben gerufen von „Kulturprojekte Berlin“, hat aber noch viel mehr Ausstellungen zu bieten, denn über 1.000 Künstler:innen beteiligen sich an dem Festival. Die Galerie C/O Berlin zeigt bspw. die Ausstellung „Queerness in Photography“, die sich mit Darstellungen von Identität, Gender und sexueller Orientierung in der Fotografie befassen.
Diesjähriger Festivaltreffpunkt sind die Uferhallen im Wedding, wo auch einige künstlerische Performances stattfinden. Und am letzten Tag, dem 18. Oktober gilt bei vielen Partner-Museen übrigens auch kostenloser Eintritt. Das gesamte Programm der Berlin Art Week findet ihr hier.

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