Eine Hausärztin über das Impfen: „Manche sind fordernd und aggressiv“

Was ändert sich in der Praxis, wenn die Hausärztin impft? Wie ergeht es den Arzthelfer:innen? Das erfahrt ihr im Interview!

ALEX-Autor Noé Leeker schreibt in seinem Impfhelfer Blog über die Schwierigkeiten der Corona-Impfungen in einer Hausarztpraxis. Jetzt kommt der Rest des Praxisteams zu Wort. Im Gespräch mit Arzthelferin Jessica und Ärztin Dr. Wiebelitz fragt er nach: Wie verändert sich der Praxialltag, wenn sich viele Patient:innen bei der Hausärztin impfen lassen? Was können die Patient:innen tun, um dem Praxisteam zu helfen? Welche Hoffnungen haben sie für 2022?

Das komplette Interview mit dem Praxisteam

Noé: Die erste Frage: Inwiefern greift das Impfen in den Alltag und die normalen Abläufe der Praxis ein?

Jessica: Es ist viel mehr Arbeit, besonders in der Verwaltung. Ein Riesenaufkommen an Patienten, die anrufen, Briefe schicken, herkommen, und Termine möchten. Wir können gar nicht so viele Termine anbieten, wie wir Patienten haben, die gerne geimpft werden möchten. Wir sitzen hier nach der Sprechstunde noch und rechnen die ganzen Sachen ab. Man muss aufpassen, dass die ganzen Erklärungen [Einwilligingserklärungen für die Impfung, Anm. d. A.] auch richtig ausgefüllt sind. Es ist schon ein unheimlicher Mehraufwand.

Noé: Welche Auswirkungen gibt es auf die Versorgung der Patient:innen, wenn Sie als Hausärztin impfen?

Dr. Wiebelitz: Wir müssen bei der Organisation darauf achten, dass die Patienten nur zum Impfen kommen. Viele haben auch so etwas auf dem Herzen und sehen uns [ihre Ärzte, Anm. d. A.] ja nicht mehr so oft, wegen der Corona-Pandemie. Deshalb ist es schwierig, die Impfung schnell und zügig zu erledigen und gleichzeitig auch den Patienten gerecht zu werden. Man sieht in letzter Zeit, dass die Patienten weniger zum Arzt gehen, sich seltener vorstellen und dann auch mehr krank sind.

Frau Dr. Wiebelitz an ihrem Schreibtisch

Warum sollte die Hausärztin impfen?

Noé: Jetzt sind ja schon so ein paar Probleme durchgeklungen. Bevor wir weiter über die Probleme sprechen, würde ich gerne über die schönen Momente sprechen. Was könnt ihr dazu sagen?

Dr. Wiebelitz: Als wir [im Frühjahr 2021, Anm. d. A.] mit den Impfungen begonnen haben, war das so: Die Patienten haben sich alle sehr gefreut, die waren regelrecht euphorisch. Jetzt ist es so, dass die Patienten vor allem dankbar sind, sich von der Hausärztin impfen lassen zu können. Die freuen sich über weniger Zeitaufwand, weniger Stress. Und es ist so, ein Teil entscheidet sich erst jetzt zur Impfung. Die sind halt noch unsicher, sind aber auch froh, wenn sie es in einer Hausarztpraxis machen können. Hier ist die Umgebung für sie vertrauter. Sie kennen den Arzt bzw. die Ärztin und die Helfer:innen Da fühlen sie sicherer. Und sowas freut mich doch sehr.

Noé: Welche Momente tragen eine Arzthelferin über der Tag?

Jessica: Wenn man auch mal ein Dankeschön von den Patienten hört, wenn sie sich dann doch gefreut haben, dass sie kommen durften und sie auch ihre Termine wahrnehmen. Das finde ich sehr schön. Und natürlich, wenn sie dann fröhlich aus der Praxis gehen und nicht mit einem Miesepeter-Gesicht an mir vorbeilaufen.

„Teilweise demoralisierend“ – Probleme mit dem Impfen

Noé: Was sollte anders laufen? Vielleicht zuerst aus der Sicht einer Arzthelferin.

Jessica: Wir machen das momentan außerhalb der offiziellen Sprechzeiten. Wir kürzen unsere Sprechzeiten dafür. Das ist für Patienten, die Rezepte wollen oder Behandlung brauchen ein Problem, weil wir dadurch weniger Zeit haben. Auch die Beschaffung des Impfstoffs ist schwierig, teilweise sogar demoralisierend. Wir kriegen aus der Apotheke zu hören: „Ihr kriegt nur einen Impf-Vial mit sechs Impfungen pro Woche von BioNTech.“ Aber die Patienten wollen alle nur BioNTech. Und wir kriegen den ganzen Frust ab, das ist schwierig. Wir müssen das dann vorsichtig mit den Patienten besprechen, welchen Impfstoff sie bekommen.

Dr. Wiebelitz: Da sind sie auch teilweise verständnisvoll. Sie wechseln auf die anderen Impfungen. Aber es ist leider auch so, dass manche sehr fordernd und aggressiv sind. Das betrifft vor allem die Helferinnen, die müssen das zuerst abfangen. Wenn Patienten schlechte Laune haben, bekommen wir das eben mal mit. Die Impfung zu organisieren und in der Praxis zu machen, das ist schon eine Gratwanderung. Einfach, weil es mit viel mehr Aufwand und Stress verbunden ist. Viele Menschen honorieren das auch, aber es gibt welche, die machen dann eben Probleme. Zum Beispiel sagen viele die Impf-Termine nicht ab, wenn sie sie nicht wahrnehmen. Oder sie machen sich an drei verschiedenen Stellen einen Termin. Das ist immer dumm für uns. Wir verlassen uns darauf, dass die Leute kommen!

Perspektivwechsel: Was können Patient:innen tun?

Noé: Mal von der anderen Seite gedacht: Was könnte ich als Patient tun, um meine Hausarztpraxis beim Impfen zu unterstützen?

Dr. Wiebelitz: Sich an die Verabredung halten, zumindest bekannt geben, ob sie kommen oder nicht. Und die Unterlagen bereit haben. Das klappt aber meistens schon gut. Naja, und ein bisschen gute Laune mitbringen, das ist auch wichtig für uns. Manchmal kommt es eben dazu, dass die Patienten etwas länger warten müssen. Aber wir tun unser Bestes und da ist es schön, wenn wir entspannte Patienten haben. Dann freuen wir uns auch und so geht es allen besser

Noé: Ergänzungen?

Jessica: Nein, das ist eigentlich schon das Wesentliche. Also schön ist es immer, wenn die Patienten schon die Unterlagen ausgefüllt mitbringen, also nicht nur ihren Impfpass und ihre Chipkarte bereithalten. Gut ist auch, wenn dann die Anamnese und die Einwilligungserklärung und schon da ist und wir denen das nicht noch mitgeben müssen. Besonders wenn Leute ihre Lesebrillen vergessen haben, sie keinen Dolmetscher haben oder wenn sie gar nicht lesen können. Da haben wir auch ein paar Patienten. Die hätten das besser lösen können und einfach alle Unterlagen ausgefüllt mitbringen. Das würde die Wartezeiten verringern.

Schwester Jessica im Labor

Ausblick: So einfach könnte die Hausärztin impfen

Noé: Noch eine letzte Frage, Wir befinden uns in der mittlerweile fünften Welle. Bald gibt’s mit der Omikron-Auffrischung die nächste Dosis. Die Impfkampagne ist also noch lange nicht zu Ende. Wie blickt ihr auf die Zukunft?

Dr. Wiebelitz: Zumindest muss man sehen, dass die Impfung wirkt. In der letzten Welle hatten wir keinen Patienten, der schwer erkrankt und auch ITS [Intensivstation, Anm. d. A,] pflichtig war. Also bei denen, die geimpft waren. Jetzt kommt es vor allem darauf an, dass man die Patienten motivieren muss, bei der Stange zu bleiben, damit sie sich impfen lassen. Und wenn jetzt alle zwei Jahre Erfahrung damit haben, können wir auch besser abschätzen: Wann ist eine Impfung nötig und wer braucht die? Wichtig wäre nur, dass diejenigen, die noch zögern, sich einfach mal einen Ruck geben. Weil je mehr Menschen geimpft sind, desto geringer ist das Risiko für alle. Das ist eigentlich das, was man so mitgeben kann. Man muss auch Empathie für die anderen empfinden. Wir geben uns Mühe und die Menschen untereinander müssen sich auch gegenseitig unterstützen. Das kann nicht nur von uns ausgehen.

Jessica: Ja, also mich würde es sehr freuen, wenn das Impfen bald wenigstens in die Praxis-Routine einfließen könnte. So wie die Grippeimpfung zum Beispiel. Die kann man das während der Sprechstunde machen und muss nicht dafür extra Zeit aufwenden, um Patienten extra außerhalb der Sprechzeit zu bestellen. Das würde vieles einfacher machen.

Noé: Also du sprichst da über die Formulare?

Jessica: Genau. Überhaupt das ganze Prozedere, die Abrechnung, die Besorgung des Impfstoffes. Ich würde mir wünschen, dass das alles ein bisschen einfacher wird für die Praxen. Auch für die Patienten, weil es auch für sie sehr anstrengend ist, wenn sie dann ewig auf Termine warten müssen. Es wäre wünschenswert, dass wir genügend für alle habe und die Corona-Impfungen einfach nebenbei machen können.

Noé: Gut, dann danke ich für das Interview und bedanke mich, im Namen von allen Patient:innen, auch für eure Arbeit

Jessica: Gern geschehen.

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