Die Sanierung vom Mehringplatz: Gut gesät ist halb eröffnet

Seit der Posse um den Hauptstadtflughafen BER stehen Berliner Bauprojekte unter besonderer Beobachtung. So auch bei der Eröffnung des Mehringplatzes im Kreuzberger Norden. Aber nicht nur die zeitintensive Sanierung des Platzes stößt auf Kritik.

Vom Rondell zum Mehringplatz: Europäische Geschichte auf 25 Hektar

Der Grundriss des heutigen Mehringplatzes geht zurück auf das Jahr 1734. Damals war das Hallesche Tor noch nicht die quirlige Kreuzung zwischen Hochbahn und U6. Eine Bresche in der Zollmauer bildete eines von 14 Toren zur Residenzstadt des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. Dieser wollte hier Glanz und Gloria Preußens mit dem italienischen Städtebau des Vorbildes, der Piazza del Popolo in Rom, verschmelzen lassen – ein europäischer Ideentransfer im 18. Jahrhundert.

Der Verlauf der alten Zollmauer | Quelle: Wikimedia (User: Sansculotte)

Der Platz hieß damals schlicht und akkurat „das Rondell“. Sicher die treffendste Bezeichnung für den Platz mit seinem kreisrunden Grundriss. Diesen Namen behielt er für etwa 80 Jahre. Danach, im von den Napoleonischen Kriegen gezeichneten Europa, brauchte es eine zeitgemäße Benennung im Zeichen des Sieges über Frankreich: „Belle-Alliance-Platz“. So hieß der Platz bis nach dem 2. Weltkrieg. Zu dieser Zeit war wiederum die Betonung des preußischen Sieges nicht mehr gewünscht. Stattdessen sollte der marxistische Publizist und Historiker Franz Mehring als neuer Namenspatron herhalten.

Die Geschichte des Platzes ist eng verbunden mit der europäischen Geschichte. Napoleons Armee zog im Jahr 1806 über das Rondell nach Berlin ein – und sieben Jahre später auch wieder aus. Nach dem zweiten Weltkrieg war der Platz zu großen Teilen zerstört. Krieg und Frieden, preußischer Militarismus und der Neuanfang im geteilten Berlin sind in den Mehringplatz eingeschrieben, der heute als Problemkiez gilt. Das aktuelle Sanierungsprojekt greift diese Geschichte auf und will den Platz neu erfinden.

Kunstwelt e.V. und die Sanierung vom Mehringplatz

Seit 2005 ist der Verein Kunstwelt e.V. im Quartiersmanagement für den Mehringplatz zuständig. Im Rahmen eines EU-gefördertem Projektes wurden Mittel von fast acht Millionen Euro vergeben. Seitdem hat der Verein dort mehrere Projekte realisiert. Oft lag der Fokus auf kreativen Installationen, wie etwa dem Orakel von Berlin. Auch die Wiedereröffnung des Mehringplatzes fällt zusammen mit der Eröffnung eines solchen Kunstprojektes: dem „Pfad der Visionäre“.

Eine der Steintafeln am Pfad der Visionäre in der Fußgängerzone am Nordende des Mehringplatzes

 

27 in den Boden eingelassene Steintafeln mit Zitaten, eine für jeden Mitgliedsstaat der EU, sollen den Platz und die Geschichte neu interpretieren. Anstelle des militärischen Sieges einer europäischen Macht über die andere soll der Pfad der Visionäre für „Frieden Kommunikation, Austausch und Vielfalt“ stehen. So erklärt der künstlerische Leiter des Pfades, Bonger Voges, die Idee bei einem Pressetermin anlässlich der Eröffnung. Es gehe um eine „städtebauliche Heilungsgeschichte“. Andererseits solle der Pfad aber auch der größtenteils migrantisch geprägten Anwohnerschaft die EU näherbringen und zum „Identifikationsort“ werden.

Voges vs. Tagesspiegel – die Mehringplatz Kontroverse

Dieser künstlerische Ansatz wurde in den 15 Jahren Aktivität von Kunstwelt e.V. im Quartiersmanagement oft kritisiert. Zahlreiche Stimmen aus Medien und Anwohnerschaft warfen dem Verein vor, Fördermittel für teure Projekte und eine aufwändige Verwaltung verschwenden. So berichtete der Tagesspiegel im Juli 2015 von schlecht organisierten und kaum wahrgenommen Projekten im Kiez: Ins Elterncafé wäre niemand gekommen und bei „Boxen gegen Gewalt“ hätte es nicht einmal einen Trainer gegeben. Der Verein hält dagegen: Die Projekte seien gut besucht gewesen. Außerdem sei der künstlerische Ansatz ausdrücklicher Wunsch der Anwohner:innen. Das gehe aus Befragungen hervor, die Verein durchgeführt hat.

Im Zuge dieser Kontroverse kam es zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen dem Tagesspiegel und Voges, damals Vorsitzender von Kunstwelt e.V. Unter anderem berichtete die Zeitung, Voges habe seine Wohnung im Kiez illegal untervermietet. Diese Anschuldigungen bezeichnete Voges als „Diffamierungskampange“. Trotzdem gab er den Vorsitz von Kunstwelt ab, um Schaden von dem Verein abzuwenden. Dies sei jedoch kein Schuldeingeständnis, so Voges im Tagesspiegel. Fast sieben Jahre später hat sich der Staub gelegt. Die umfangreichen Baumaßnahmen sind abgeschlossen. Während der Sanierung des Platzes wurden auch die Tunneldecken der U6 instandgesetzt. Am 14.05.2022 wurden Mehringplatz und Pfad der Visionäre mit einem großen Straßenfest eingeweiht.

Die Panelgäste (von links nach rechts): Quartiersmanagement, Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann, Moderation, Bonger Voges und Christina Penava, Vorsitzende von Kunstwelt e.V

Beim Pressetermin einige Tage zuvor spricht Voges als künstlerischer Leiter. Etwa 15 Medienvertreter:innen sitzen in einem lichten Raum. Vor ihnen ein ob dem Abschluss des Projekts sichtlich erleichtertes Panel. Fragen zur Untervermietung oder anderer vom Tagesspiegel vorgebrachten Kritiken wurden nicht gestellt.

"Glaubt uns, er ist da..."

Dafür fragte die TAZ kritisch nach der Gefahr einer Gentrifizierung am Mehringplatz. Bezirksbürgermeisterin Herrmann beschwichtigt mit dem Hinweis, dass alle Wohnungen am Rondell im Besitz der Stadt seien. Ein Einwand, den dies TAZ im zum Thema veröffentlichten Artikel nicht gelten lässt.

Die Art, in der negative Folgen für Bewohner:innen zügig ausgeschlossen wurden, ist symptomatisch. Das ganze Projekt wirkt in Teilen weit weg vom realen Leben der Bürger:innen. Beim gut besuchten Straßenfest anlässlich der Eröffnung vom Mehringplatz fand die Platz-Eröffnung abseits des Treibens der Leute statt. Wobei das Wort Eröffnung eigentlich übertrieben ist. Weil der Rasen für die Liegewiese am Tag des Festes noch frisch ausgesät war, wurden die Bauzäune nur für das obligatorischen Durschneiden eines roten Bandes zur Seite gerückt. Bewohner:innen müssen sich noch gedulden, bis sie ihren Platz in Besitz nehmen können.

Der Bauzaun am "eröffneten" Mehringplatz. Die Keimdauer von Rasen beträgt übrigens 6-28 Tage.

Trotzdem sind die Veränderungen am Mehringplatz klar erkennbar. Beim Umrunden der Anlage fallen die neu gebauten Bänke und Blumenbeete auf. Streetart verschönert eine Hauswand am Beginn der Friedrichstraße. Direkt neben dem Pfad der Visionäre wird es im Sommer noch vier open-air Kinovorstellungen geben.

Im Vorbeigehen könnte anderthalb Wochen nach der „Eröffnung“ der Eindruck entstehen, Teile des Rasens seien inzwischen angewachsen. Was da hellgrün durch den Bauzaun schimmert ist aber nur Farbe auf den Wegen. Von der Liegewiese ist noch nichts zu sehen. Indem das Schild auf Deutsch, Englisch und Arabisch um Verständnis bittet, sind alle im Bilde. Auch Tourist:innen, die knapp einen Kilometer hinter dem Checkpoint Charly noch den Pfad der Visionäre entdeckt haben. Ob der sanierte Mehringplatz mit Liegewiese und Europa-Pfad in Zukunft eher Endpunkt für Sightseeing-Touren oder Identifikationsort sein wird, muss sich zeigen.

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