Die Ostkreuz-Mole zwischen Partys und Verdrängung

Okt 13, 2021

Rummelsburger Bucht, Berlin: Früher wurde an der Ostkreuz-Mole noch gefeiert, heute wird dort gebaut. Verschwindet hier ein Stück Berlin?

Das Wochenende ausklingen lassen – auf einer spontanen Open-Air-Party mitten in der Stadt. Früher ging das, an der sogenannten Ostkreuz-Mole. Was sich nach Wunschdenken anhört, war vor nicht allzu langer Zeit Realität. Unser Autor Noé Leeker erzählt von der Veränderung „seiner“ Stadt.

Früher war’s besser an der Ostkreuz-Mole

Es ist ein sonniger Sonntagnachmittag, irgendwann zwischen dem VW-Abgasskandal und der ersten Trump-Wahl. Wir schreiben das Jahr 2016. In den meisten WG-Küchen kehrt Ruhe ein, auch die Tanzflächen der Hauptstadt leeren sich. Doch nicht überall herrscht Katerstimmung: Von einer kleinen Wiese an der Ostkreuz-Mole schallen satte Bässe und Gelächter. Das Areal ist gut versteckt zwischen Rummelsburger Bucht und der Bahnhofsbaustelle. Bis zur gesetzlichen Nachtruhe ab 22 Uhr kann das bunte Treiben weitergehen.

Zeitsprung: Es ist Herbst 2021. Ich verabrede mich mit Kommilitonin Charly, gemeinsam wollen wir das Gelände erkunden. Die Wiese ist aufgerissen. Bagger und Baumaterial sind auf dem Areal verstreut. Ein Zaun schützt die Integrität der Baustelle. Obwohl sie die Partys auf der Wiese nicht kannte, macht sie der Anblick der Baustelle traurig: „Man, das ist so traurig, so ein scheiß Aquarium braucht doch niemand.“ Mir geht es ähnlich. Was wird bloß aus meiner Stadt? Und für wen wird hier eigentlich gebaut?

Die Baustelle heute
Wo früher noch gefeiert wurde, ist heute nur noch eine matschige Baustelle.

„Man hätte es einfach deutlich besser machen können!“ – Stimmen aus der Bevölkerung

An dem Ort, wo Berlins neueste aquatische Attraktion entsteht, verschwindet nicht nur die Party-Brache von ein paar Jugendlichen. Außerdem werden historische Wohnhäuser an der Hauptstraße und ein stadtbekannter Techno-Club abgerissen (mehr zum Thema „Clubsterben“ findest du hier). Aber nicht nur deshalb regt sich Widerstand. Ich habe mit Tobias Trommer und Carsten Joost von dem Zusammenschluss der „Initiativen rund ums Ostkreuz“ gesprochen. Beide engagieren sich seit Jahren für mehr Bürger:innenbeteiligung bei den Bauvorhaben.

Sie berichten, einen Bebauungsplan für das Areal gäbe es bereits seit über 10 Jahren. Das Bezirksamt führte damals ein Wettbewerbsverfahren in Eigenregie durch und informierte die Anwohner:innen erst, als der Gewinnerentwurf bereits feststand. Sofort regte sich Widerstand. „Im Entwurf ragten die Gebäude fast bis ans Wasser“, sagt Carsten Joost. Gemeinsam mit Anwohner:innen wurde ein alternatives Konzept erarbeitet und beim Bezirksamt vorgestellt. Den Erfolg dieser Intervention ordnet Joost so ein: „Immerhin konnte über Gespräche mit den Verantwortlichen im Bezirksamt erreicht werden, dass die Uferabstände der Gebäude größer wurden und eine Reihe Punkthäuser zugunsten mehr öffentlicher Freifläche entfielen.“ Weitere Planungsänderungen wurden jedoch abgelehnt. Anders bei dem Projekt „Coral World“. Für das geplante Aquarium waren Änderungen möglich. „Als dann dieser Investor kam, wurde sofort der rote Teppich ausgerollt, aber bei unseren Vorschlägen gings nicht mehr“, so Tobias Trommer.

Plankizze der Änderungs-Forderungen von Anwohner:innen zum 1. Bebauungsplan für die Ostkreuz-Mole (2012)
Grafische Zusammenfassung der Änderungsvorschläge von Anwohner:innen zum ursprünglichen Bebauungsplan

Zuletzt interessierte mich natürlich auch die Sichtweise auf die Partys, die an der Ostkreuz Mole stattfanden. Hierzu noch einmal Carsten Joost: „Viele schöne Orte am Ufer hätte man in die Planungen einbinden müssen. Aber das sind halt die Nischen, die dann verschwinden. Und die historischen Wohnhäuser hätten unter Denkmalschutz gehört.“

Lebensgefühl Ostkreuz-Mole: „Wir sind frei und das ist unsere Stadt“

Diese Meinung teile ich. Es wäre schön, wenn in den neuen Quartieren ein paar Nischen ausgespart blieben. Orte wie die alte Ostkreuz-Mole waren etwas Besonderes.

2016 war ich frische 19 Jahre alt und tief im Party-Sumpf der Hauptstadt versunken. Eine wundervolle Zeit, die von einem überwältigenden Freiheitsgefühl geprägt war. Es mag pathetisch klingen, aber diese kleine Wiese war ein wichtiger Teil davon. Eingepfercht zwischen Bahngleisen, der modrig duftenden Bucht und dem inzwischen geräumten Wohnungslosen-Camp gab es dort ein Stück Freiraum.

Hier finden sich die Freunde wieder, die den Abend davor getrennt verbrachten (auf Open-Air-Partys von Marzahn bis Spandau). Die kleine Wiese ist für alle gut zu erreichen, weil sie mitten in der Stadt liegt. Obwohl die Polizei solche Zusammenkünfte ab 22 Uhr beendete, unterstrichen die Partys an der Ostkreuz-Mole das Lebensgefühl der Raver:innen: „Wir sind frei und das ist unsere Stadt!“

Die Feste der Investor:innen

Während Charly und ich zur Baustelle laufen, schwelge ich in Erinnerungen. Mein Kopf kreist um die Frage, wie es wohl der neuen Generation Nachtschwärmender geht. Können sie sich genauso frei fühlen?

„Der Zaun ist ja offen“, sagt Charly und reißt mich aus meinen sentimentalen Gedanken. Neugierig betreten wir das Gelände, schauen uns um und entdecken den Grund für die Öffnung des Zaunes. Am Ende einer matschigen Piste stehen Festzelte. Es gibt Essen vom Buffet. Männer und Frauen in legeren Outfits schlürfen Sekt. „Sieht mir nach irgendeinem Richtfest der Investor:innen aus“ sage ich zu Charly, sie nickt.

Beim Verlassen der Baustelle schwelgen wir in Erinnerungen an wilde Partys auf verlassenen Industriebrachen. Unsere Stimmung hellt sich auf. Berlin verändert sich, keine Frage. Aber solange unsere Partys bedeutend cooler sind als die Feste der Investor:innen, kann die Stadt ihre wilde Seele behalten. Frei nach dem Motto: Ich könnt uns unsere Party-Wiese nehmen, aber nicht unseren Spirit.“ Und irgendwo wird bestimmt schon eine neue Brache von der nächsten Generation erschlossen.

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