„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“

Jan 23, 2018
Der beleuchtete Aufgang in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beim Salon Sophie Charlotte"

Der Salon Sophie Charlotte lockte zahlreiche Besucher zu einem diskussionsreichen Abend rund um die Frage: „Ist Sprache eine Waffe?“.

Es ist sicherlich ganz im Sinne der Namensgeberin Sophie Charlotte Herzogin von Braunschweig und Lüneburg, wie der jährlich stattfindende Salon Sophie Charlotte am Samstagabend verläuft. Die philosophiebegeisterte Herzogin schuf mit ihren Salons auf ihrem Gut Lietzow einen freigeistigen Treffpunkt für Diskussionen im strengen preußischen Reich. Und so strömen auch am Samstag  zahlreiche Freigeister in das Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, um sich intensiv mit dem Thema Sprache auseinanderzusetzen. In gediegener, intellektueller Atmosphäre, meist mit einem Gläschen Wein ausgestattet, lauschen sie Vorträgen und Podiumsdiskussionen von der erotischen Sprache Goethes, über Kommunikation mit Tieren bis hin zu brandaktuellen Themen, wie die politischen Pöbeleien Trumps. Der große Andrang zeigt, dass die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit ihrer Themenwahl offenbar ins Schwarze getroffen hat: Sprache ist für uns Menschen existenziell. Sie ist in stetigem Wandel und damit auch ein Indikator für unsere Gesellschaft. Dass hierbei aktuelle Themen politischer Dimensionen oder auch die Digitalität nicht fehlen darf, liegt auf der Hand.

Beim diesjährigen Salon Sohie Charlotte sind vor allem die politischen Podien gut besucht.

Der diesjährige Salon Sophie Charlotte hat ein breites, literarisches, politisches und historisches Diskussionsspektrum rund um die Frage „Ist Sprache eine Waffe“.

Über das Verhältnis von Poesie und Programmiersprache

Das Podium „Codepoetry: Dichter und Computer im radikalen Zwiegespräch“ widmet sich hierbei der Verzweigung von Literatur und Poesie mit dem Digitalen. In gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre unterhalten sich Expert*innen darüber, ob Programmiersprachen mit Fremdsprachen zu vergleichen sind und was für neue Möglichkeiten die Interkation von Literatur und Digitalität hervorbringen. Was genau Codepoetry ist, das erklärt Christian Stein, Informatiker und Germanist an der Humboldtuniversität Berlin.

„Es geht darum, dass man Gedichte schreibt, aber nicht in natürlicher Sprache , sondern in Programmiersprache. Das ist also eigentlich eine Verbindung von künstlichen und natürlichen Sprachen. Das Spannende dabei ist, dass diese Gedichte ausführbar sind. Das heißt der Computer kann diese Gedichte interpretieren und tut etwas. Man könnte vielleicht sagen, dass das der direkte Übersprung vom Wort in die Handlung ist. So direkt, wie er noch nie da war.

Das erste bekannte Werk von Code Poetry aus dem Jahr 1990 bot die Diskussionsgrundlage. Geschrieben wurde es von Larry Wall,  Erfinder der Programmiersprache Perl, der sein Gedicht auch entprechend „Black Perl“ nennt. „Prinzipiell kann man Code Poetry aber in jeder Programmiersprache schreiben“, erklärt der Informatiker. „Man muss natürlich eine Programmiersprache bis zu einem gewissen Grade verstehen, aber dazu kommt auch der poetische Teil, in dem es darum geht, mit den Assoziationen des Lesers zu spielen.“ Worüber viel gesprochen wird, ist, dass Code nicht nur von Maschinen, sondern natürlich auch von Menschen gelesen wird und dabei in der Rezeption von Code-Poetry ein kreativer Akt ensteht, den jeder Programmierer unterschiedlich löst. „Also Code ist gar nichts so eindeutiges Starres, sondern etwas ungeheuer Befreiendes, Kreatives“, so Stein. Dieses enge Verhältnis von natürlicher Sprache und Maschinensprache hilft uns auch die Dimension des Digitalen und seinen Einfluss in unserem Alltag zu hinterfragen. „Was ist das für eine Struktur, die da entsteht und die wieder auf uns zurückwirkt?“

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“

Was wir im digitalen Alltag oft vergessen: Das Digitale besteht aus Text. 0x0a beispielsweise, ist der Code für den Zeilenumbruch und gleichzeitig der Name eines Textkollektivs, bestehend aus Hannes Bajohr und Gregor Weichbrodt. 0x0a verfassen neben Code Poetry weitere digitale Literatur, wie ihr 2015 erschienenes Buch „Glaube Liebe Hoffnung“. Für dieses Werk sammelten Bajohr und Weichbrodt über einen längeren Zeitraum alle von der offiziellen Pegida Seite gelöschten, ausfallenden Kommentare und thematisierten damit das angeblich christliche Selbstverständnis der Bewegung. Dass „Glaube Liebe Hoffnung“ mittlerweile schon für wissenschaftliche Studien herangezogen wurde, zeigt die gekonnte Verbindung von 0x0a zwischen literarischer Kunst und gesellschaftlicher Relevanz. Trotzdem hat digitale Literatur mit großen Vorbehalten zu kämpfen, denn der klassische Literaturbetrieb basiert immer noch auf dem Ideal des selbstschöpfenden Autorengenies. Immerhin kommen während dem Vortrag von 0x0a ein älteres Paar hineingeplatzt mit den Worten: „wir haben gerade experimentiert und dachten wir lernen jetzt nochmal was“. Schließlich lässt Christian Stein noch ein passendes Wittgenstein-Zitat fallen: „Die Grenzen meiner Sprache, sind die Grenzen meiner Welt.“

Wer sich selbst im schöpferischen Akt digitaler Poesie üben will, kann dies im Übrigen mit Bajohrs automatengedichtautomaten hier tun.

Die vielfältigen Themen ziehen ein breites Publikum an, das sich sogar in den Fluren quetscht.

Die vielfältigen Themen ziehen ein breites Publikum an, das sich sogar in den Fluren quetscht.

Wie gehen wir mit politischen Pöbeleien um?

Als passender Übergang von den digitalen Bekenntnissen der Pegida-Wutbürger, geht es beim nächsten Podium, das ich besuche um „Politische Pöbeleien – von Luther bis Trump“. Der vollgestopfte große Leibnitzsaal, in dem das Podium stattfindet, zeigt, dass dieses Thema, neben der Digitalität, einen weiteren Puls der Zeit trifft: das bedrohliche politische Klima. Dass es in dieser Diskussionsrunde mehr um Trump und deutsche Rechtspopulisten, als um Luther geht, verwundert dabei nicht. Zumindest wird festgestellt, dass Luthers antisemitische Pöbeleien, damals durch den Buchdruck gefördert, ebenso wie heute für Ratlosigkeit sorgten. Und wie der Buchdruck damals, spielen dabei auch heute die Medien eine maßgebliche Rolle. Dazu kommt noch, dass Aggressionen, die früher noch unter anderem in klassischen Wirtshausschlägereien ausgetragen wurden, sich heute umso mehr verbal in sozialen Medien entladen. Bleibt die große Frage, wie man damit am besten umgeht. Am besten Twitter löschen heißt es von der einen Seite. Die andere Seite entgegnet schließlich realistisch, dass die Lösung in der Auseinandersetzung liegt.

Auseinandergesetzt wurde sich jedenfalls viel an diesem Abend und es bleibt zu hoffen, dass der Salon Sophie Charlotte diese Tradition der Diskussionskultur viele weitere Jahre aufrechterhält. Denn unsere Sprache ist vor allem unser Instrument um im gemeinsamen Dialog zu stehen.

 

Text & Bild: Schahrzad Zamankhan

Comments

Comments are closed.