Berliner Clubsterben: Ein Blick hinter die Kulissen der Clubgeschichte

Mrz 27, 2020
Ein Grabstein zum Clubsterben

GRIESSMUEHLE im Exil. ROSIS plattgewalzt. ABOUT BLANK und WILDE RENATE vom Ausbau der Autobahn A100 bedroht. Die Zukunft des KitKatClub ungewiss. BASSY Club und WHITE TRASH sind aus Mitte verschwunden. Die Berliner Clubszene ist nicht nur durch die aktuelle Corona-Pandemie bedroht.

Die Liste der chronischen Beschwerden ist lang, die unserem facettenreichen Kulturleben in der Stadt zusetzen und zum Clubsterben führen. Aber wir wollen es hier mal mit dem medizinischen Fachvokabular nicht übertreiben, sondern auf die Themen aufmerksam machen, welche Politik, Clubszene sowie nationale und internationale Besucher*innen beschäftigen.

Weil das Thema Clubsterben auf den ersten – ja und den zweiten Blick – sehr komplex ist, haben wir uns in der Redaktion dazu entschlossen, die Interviewreihe „Berliner Clubsterben“ zu starten. Sechs Episoden, sechs Themen. Wie und wann hat sich das Clubleben entwickelt? Was macht die Clublandschaft Berlins so einzigartig? Warum werden Clubs an den Stadtrand verdrängt und welche Lösungsansätze gibt es in der Politik? Was sind die Forderungen der Akteur*innen? Wir geben euch ein paar Einblicke.

Clubgeschichte Berlins – von den 80ern bis heute

Wann fing das eigentlich an in Berlin? Vom Fall der Mauer, über die 90er bis hin zu den frühen 2000ern ging so einiges. Von den Kellern in West- und Ostberlin bis zu den großen Clubs wie dem Tresor oder dem Berghain. Nach dem Fall der Mauer gab es viele Freiräume und leerstehende Gebäude, die kreativ genutzt werden konnten.

„Dieser Mut der Besetzerszene Westberlins, gepaart mit dem Entdeckergeist und der Freude Ost-Berlins hat dazu geführt, dass Leute sich einfach gesagt haben: „Komm, das nehmen wir uns jetzt.“
Sascha Disselkamp (Betreiber vom SAGE Club)

Über Jahre hinweg hat sich in Berlin so eine international einzigartige und vielfältige Clubkultur entwickelt. Steigenden Mieten, fehlender Raum und der Ausverkauf Berlins, das konnte man sich in den 80er und 90er Jahren kaum vorstellen. Wer schon ein paar Jahre in Berlin wohnt, hat jedoch bereits den ein oder anderen seiner Lieblingsclubs schließen sehen. Es stellt sich die Frage, ob Kann der Traum von Freiheit, Unabhängigkeit und Subkultur heute noch gelebt werden kann. Ist der Mythos Berlin noch aktuell?

Und da kommen wir zum nächsten Thema: Was macht Berlin denn eigentlich so besonders?

Dit is Berlin!

Berlin zeichnet sich nicht nur durch die „besondere“ Freundlichkeit seiner BVG-Busfahrer aus. Nee, hier weht noch im Gegensatz zu anderen Metropolen der Duft von Freiheit durch die Luft. Laut einer Studie der Berliner Clubcommission kommt jede*r vierte Tourist*in wegen den Clubs in die Stadt. Also was macht Berlin so tasty?

In London, Paris und New York gibt es eine Sperrstunde – in Berlin kannst du dir noch morgens um 11.00 noch einen Drink im Berghain bestellen und die U8 ist am Wochenende jederzeit voll (ja, es gibt da auch Drogen). Das Programm der Clubs ist erlesen, aufwändig kuratiert und weitaus mehr als das Abspielen einer Playlist. Internationale Künstler*innen werden eingeflogen, viele Menschen sind an der Umsetzung der Veranstaltungen beteiligt – Sound, Installationen, Tanz, Booking. Berliner Clubs sind mittlerweile nicht nur ein wirtschaftlicher Faktor für die Stadt, sondern sind auch ästhetisch und sozial wichtig für uns.

„… Ästhetisch, weil da wird Kunst produziert und wir sehen es bis hoch in die sogenannte Hochkultur, im Theater, in der Oper – da werden Referenzen auf Clubkultur, auf elektronische Musik gemacht und vermischt.“ (Georg Kössler, Bündnis90/Die Grünen)

Bedeutet: Clubs sind tief in unserer Stadtkultur verwurzelt und prägen auch andere Bereiche, sind Knotenpunkt vieler, einzelner kreativer Gewerke. Sie sind Inspiration, Räume der Begegnung und Schutzraum für eine bestimmte Community.

Vom Clubsterben bedroht: Clubs auf Wanderschaft

„Ruhe im Block!“ Das wünschen sich so manche Mieter oder die sogenannten „Zugezogenen“, die zentral aber ländlich still in Berlin wohnen möchten. Ein Club passt da oft nicht ins Bild. Pöbelnde Mieter sind aber oft nur das Symptom (ups, schon wieder medizinisch), denn eigentlich liegt der Kern darin, rechtliche Grundlagen zu schaffen, die Clubs an ihrem Standort schützen. Bei einer Neubebauung wird aufgrund der gesetzlichen Lage und da Clubs noch immer als reine Vergnügungsstätten eingestuft werden, kaum Rücksicht genommen. Die Clubbetreiber*innen kämpfen darum, dass Clubs als Kulturstätten anerkannt werden und nicht mehr mit Casinos, Bordellen oder Sexkinos gleichgesetzt werden.

Dafür waren sie bereits zu einer Anhörung im Bundestag zum Clubsterben. Denn so konkurrieren Clubs im Moment noch mit gewöhnlichem Gewerbe um Räume und werden durch finanzielle Interessen leichter an den Stadtrand und in Industriegebiete verdrängt. Bisher werden sie nicht gesetzlich bei Bebauungsplänen berücksichtigt, müssen weichen oder schließen. R.I.P. BASSY Club, GRIESSMUEHLE, WHITE TRASH, ROSIS and many more…

„Früher in den 90ern war das durchaus so, dass die Stadt davon gelebt oder profitiert hat, dass neue Orte geschaffen wurden und neue Orte aufgemacht haben. Dafür hat dann jemand anders zu gemacht. In der Innenstadt […] Aber das geht eben heute nicht mehr. Wenn heute ein Club schließt wegen zu hoher Miete oder wegen heranrückender Wohnbebauung, findet der*diejenige keinen neuen Ort mehr, wo er*sie neu aufmachen kann.“ (Pamela Schobeß, Betreiberin vom GRETCHEN)

Von Lärmschutz bis Nachhaltigkeit…

Ökostrom, Lärmschutzfonds, nachhaltige Stadtentwicklung. Wer glaubt, dass man im Club nur feiern und Drogen nehmen kann, den holen wir an dieser Stelle mit dem Partybus ab. Nein, man kann beim Ausgehen auch Gutes tun. Nicht nur, dass ihr mit einem fairen Eintrittspreis die kulturelle Vielfalt Berlins fördert. Nein, beim Tanzen lässt sich mancherorts Energie erzeugen, die Kühlschränke hinter der Theke laufen auf Basis regenerativer Energien und Plastikstrohhalme werden oft schon nicht mehr ausgegeben. Die Clubcommission arbeitet zudem an einem Lärmschutzfonds, der Clubbetreibern bei der Umgestaltung ihrer Räume unter die Arme greift.

„Eine der großen Messages, die Berlin in die Welt sendet, ist, wie es sein kann ohne Sperrstunde und das ist auch aus meiner Sicht ein Kulturgut, was es zu bewahren gilt.“ (Konstantin Krex, Sprecher vom HOLZMARKT)

Das Projekt Clubtopia setzt sich für den klimafreundlichen Wandel der Berliner Clubszene und ein nachhaltiges Nachtleben ein. Auch der GREEN CLUB GUIDE vom Clubliebe e.V. hilft bei der Reduktion von Treibhausgasen. Denn: Ein kleiner Club allein verbraucht schon jährlich so viel wie 33 deutsche Haushalte, etwa 30 Tonnen CO2 pro Jahr. Hinzu kommen noch die CO2-Emissionen aus Heizungswärme, Abfall, Wasser oder Mobilität.

Verkauft Berlin sich selbst?

Alles Kommerz? Von der Motto- über die Konfetti- bis hin zur Schaumparty. Um rentabel zu sein, müssen einige Clubbesitzer die Kassenschlager rausholen, um noch ihre Miete zahlen zu können. Das würden die meisten gern vermeiden, weil der eigene Anspruch ein anderer ist. Doch ein Programm für eine spitze Zielgruppe ist oft zu riskant. Der Druck von außen wächst. Investoren werden nach Berlin gelockt, Wohnraum wird enger und enger. Und dann noch dieser ganze Lärm!

„Oft befinden sich Clubs auf Grundstücken privater Eigentümer und es natürlich inzwischen interessant ist für diese Eigentümer, diese Grundstücke anders zu verwerten.“ (Christian Goiny, CDU)

Utopie & Dystopie der Berliner Clubszene

Wir wollen nicht gleich den Untergang der Berliner Clubszene heraufbeschwören – doch was wäre wenn? Wie würde sich unser Leben in der Stadt verändern, wenn es keinen Club mehr in der Innenstadt gäbe, überall Wohnhäuser mit Fußbodenheizung stünden und nur noch die tote Ghost City mit Business Lunch – Angeboten werben würde? Traurig ist das. Bei dem Gedanken daran läuft einem der Gänsefrost über den Rücken. Es gilt, diesen Schatz zu bewahren…

„… dass wir die coolen Clubs halten können, dass wir über ein neues Gewerbemietrecht denen ermöglichen, die Mieten stabil zu halten und dass wir neue Orte für Clubs erschließen. […] wir haben beschlossen, dass an allen neuen Stadtquartieren, die in Berlin gebaut werden, ein Club mitgedacht wird […] Dass das gewinnt, das ist meine Utopie.“ (Georg Kössler, Bündnis90/Die Grünen)

„Wir sehen das an vielen anderen europäischen Großstädten, die den Moment verpasst haben. Diese Leute, auch die jeweiligen Bürgermeister, die gucken auf Berlin und sagen auch wirklich: „Ey, was ihr habt, das ist so toll. Behaltet das!“. (Pamela Schobeß, Betreiberin vom GRETCHEN)

Wie sieht die Zukunft der Clubkultur aus?

Text: Madeline Kressler, Beiträge: Sophie Reintjes & Madeline Kressler, Titelbild & Design: Marie Neureither

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