WM 2018 in Syrien: Fußball gegen die Realität

Jun 27, 2018

Inmitten der Kulisse des Krieges ist die Fußball-Weltmeisterschaft für viele Menschen in Syrien eine willkommene Ablenkung.

Die WM ist schon seit Wochen ein Thema. Fahnen hängen aus Fenstern und von Balkonen. Trikots der teilnehmenden Mannschaften sind überall zu sehen. Sowohl bei Bekleidungsgeschäften als auch umherziehenden Straßenhändlern. Mit Beginn der wichtigsten Sportveranstaltung der Welt treffen sich Familien und Freunde vor Fernsehbildschirmen in Cafés oder zu Hause, um die Spiele gemeinsam zu sehen.

Trotz der Hitze und der angespannten Lage in Syrien ist die WM für viele ein Höhepunkt, auch ohne eine sportliche Beteiligung des Landes. Syrien hat die erste WM-Qualifikation nur knapp verpasst. In einem dramatischen Play-off-Spiel verlor die Mannschaft in der Verlängerung gegen Australien. Der letzte Freistoß des Teams landete am Pfosten. Der Liebe zum Fußball hat dies nicht geschadet.

Syrien verpasste die WM knapp

Die Fans haben sich auf das Turnier gefreut und versuchen, die Auswirkungen des Krieges zu vergessen. Vor allem in den sicheren Städten abseits der Kampffronten. Doch Zuschauen ist teuer, der Preis für den Kauf eines Monatsabos immens: Die Lizenz kostet zwischen 50 und 150 Dollar. Vor dem Krieg war das nicht viel Geld, aber jetzt sind die Dinge anders: Das Durchschnittsgehalt in Syrien liegt bei lediglich 100 Dollar. Und für viele Menschen ist die Absicherung des Lebensunterhalts wichtiger als die Fernsehkarte.

Finanzielle Schwierigkeiten sind für viele Fußballbegeisterte in Syrien mitunter ein Hindernis. Mariam K., eine 29 Jahre alte Journalistin, sagt: „Es ist schwierig, alle oder einige Spiele der WM während eines Monats zu verfolgen, weil es einfach zu viel Geld erfordert.“

Darum suchen viele Syrer nach Möglichkeiten, die Weltmeisterschaft möglichst günstig zu verfolgen. Public Viewing ist das beste Mittel. In vielen Gegenden von Damaskus und auch in manchen Provinzen wurden riesige Bildschirme aufgestellt. Die Fans versammeln sich auf Plätzen, um die WM-Atmosphäre zu erleben, Lieder zu singen und über die Ereignisse der Spiele zu sprechen.

Auch Restaurants sind derzeit sehr beliebt bei syrischen Fans. Oft bieten sie eine besondere Atmosphäre, indem sie spezielle Sitzordnungen haben, die an ein Stadion erinnern sollen – angeordnet um einen großen Bildschirm. Die Flaggen der 32 an dem Turnier teilnehmenden Länder hängen in vielen Gastwirtschaften und Cafés. Wirte versuchen mit Angeboten mehr Besucher anzuziehen. So bieten sie spezielle Preise für die diejenigen, die die größte Anzahl von WM-Spielen in einem Restaurant besuchen.

Ablenkung vom traurigen Alltag

Der Fußball weckt positive Emotionen und bietet Ablenkung. Der 28-jährige Bauingenieur Tareq S. erklärt: „Wir vergessen beim Zuschauen die politische Welt und die traurigen Nachrichten. Wenn ich an diesen Orten bin, kann ich Freude empfinden und die Begeisterung in den Augen der Zuschauer sehen. Die Menschen finden einen Weg, um sich selbst glücklich zu machen und sich zu erleichtern inmitten aller Schwierigkeiten in denen sie leben.“

In Syrien schauen auch viele Frauen die Spiele. Mirna S., eine 31-jährige Buchhalterin, sagt: „Ich war gespannt auf die WM. Es ist eines der denkwürdigsten Ereignisse. Obwohl es eine männliche Aktivität ist, verfolge ich sie. Im Gegensatz zu meinem Bruder, der sich nicht an Fußball interessiert. Meine Lieblingsmannschaft ist das deutsche Team und ich halte zu ihm, weil mein Bruder seit vier Jahren in Deutschland studiert.“

Text: Alaa Alfahel

Foto: Omar Sanadiki

Alaa Alfahel ist Integrationsvolontärin der mabb bei ALEX Berlin. Derzeit absolviert sie eine Hospitanz beim Tagesspiegel. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Tagesspiegel.

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