Wie gefährlich ist die Kontaktsperre für Frauen

Apr 20, 2020
Das Frauenzentrum "Frieda" in Berlin Friedrichshain

Friederike Behrendt steht im Frauenzentrum „Frieda“ mehrmals die Woche für eine psychosoziale Beratung per Telefon zur Verfügung. Wir haben mit ihr über die Situation in Zeiten der Kontaktsperre gesprochen.

Seit fünf Wochen ist das Frieda-Beratungszentrum für Frauen* in der Proskauer Straße nun geschlossen. Seit fünf Wochen finden hier keine persönlichen Beratungen, Krabbelgruppen, Kieztreffen oder Yogastunden mehr statt. Wie viele soziale Einrichtungen wurde auch diese vor den Corona-Maßnahmen in die Knie gezwungen. Seitdem klingeln hier vier mal pro Woche die Telefone: Denn eine Notberatung soll weiter gewährleistet werden, wenigstens für ein paar Stunden.

Viele warnen vor einem Anstieg häuslicher Gewalt zu Zeiten, in denen Paare über lange Zeiträume daheim bleiben müssen. Gleichzeitig steigt die Sorge, die Kontaktsperre könne verhindern, dass sich Frauen in Notsituationen Hilfe suchen. Friederike Behrendt steht im Frauenzentrum mehrmals die Woche für eine psychosoziale Beratung per Telefon zur Verfügung. Wir haben mit ihr gesprochen, wie sie die Entwicklung der letzten Wochen wahrnimmt.

Die Anzahl der Anfragen ist aktuell ungefähr gleich geblieben, aber das Telefon bringt natürlich ganz andere Bedingungen mit sich.“ 

ALEX: Frau Behrendt, abgesehen von der Beratung, denken Sie, den Frauen bricht mit dem Kieztreff in Zeiten der Kontaktsperre ein essentieller Teil ihres Lebens weg oder ist es okay, eine Weile auf das Programm des Hauses zu verzichten?

Behrendt: Wenn Sie sich vorstellen, dass manche Frauen gerade getrennt und alleinerziehend oder vor Kurzem hierher gezogen sind, dann entsteht jetzt für die eine oder andere schon eine einschneidende Lücke. Gerade auch bei Ratschlägen und sozialem Austausch mit anderen Müttern, den sie sonst vielleicht nicht haben.

ALEX: In der Regel kommen Frauen persönlich zu Ihnen. Wie berät man denn jetzt telefonisch?

Behrendt: Wir haben wirklich vorher nur in Ausnahmen telefonisch beraten, wenn eine Frau zu weit weg wohnt oder einfach aus anderen Gründen nicht zu uns kommen konnte. Die Anzahl der Anfragen ist aktuell ungefähr gleich geblieben, aber das Telefon bringt natürlich ganz andere Bedingungen mit sich. 

ALEX: Welche denn?

Behrendt: Das Frauenzentrum ist ein physischer Ort, ein Schutzraum. Es gibt niemanden, der mithören oder -gucken kann. Frauen fühlen sich hier in der Regel sicher und können freier von ihren Problemen erzählen. Sie kommen hier an, können sich erstmal ein Glas Wasser einfüllen und wir starten langsam in das Gespräch. Am Telefon haben sie viel weniger Ruhe. Es geht sofort um Probleme, die Dynamik ist viel schneller und unstrukturierter. Als Beraterin muss man am Telefon viel mehr versuchen, Ordnung in das Erzählte zu bringen. 

„Da wird man jetzt sehr aufmerksam sein müssen, wenn die Kinder nach der Kontaktsperre wieder mehr draußen und in der Schule sind.“

ALEX: Sie sagten, dass die Anfragen noch nicht vermehrt auftreten. Ist das eine Entwarnung?

Behrendt: Nein. Wir wissen es nicht. Es gibt ja Gründe, warum es für viele Frauen aktuell schwer ist, z.B. von Zuhause abzuhauen, weil einfach der Mann die ganze Zeit da ist. Selbst ein Telefongespräch zu führen, kann dann schwer sein. Oft haben wir Frauen erst im persönlichen Gespräch den Platz im Frauenhaus vermittelt. Und: Gerade in Fällen häuslicher Gewalt sind manchmal auch Kinder betroffen. Der Verdacht auf Kindeswohlgefährdung wird oft über die Kita, die Schule oder Freizeiteinrichtungen gemeldet, weil die Kinder dort Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Das fiel die letzten Wochen ja weg. Da wird man jetzt sehr aufmerksam sein müssen, wenn die Kinder nach der Kontaktsperre wieder mehr draußen und in der Schule sind. 

ALEX: Zeichnet sich denn ab, dass viele Frauen aktuell ähnliche Sorgen haben?

Behrendt: Kein Gespräch ähnelt dem nächsten. Da viele derzeit ihren Job verlieren, geht es oft um existenzielle Dinge: um Arbeit, um Finanzen. Wir haben ein separates Projekt zum Thema „Stalking“, da gelten ebenso erschwerte Bedingungen gerade. Viele haben Probleme mit dem Partner oder mit dem Vater ihres Kindes und mitunter auch Fälle häuslicher Gewalt. 

ALEX: Geht es bei solchen Gesprächen primär ums Zuhören oder leiten Sie direkt auch nachfolgende Schritte ein?

Behrendt: Zuhören ist natürlich ein essentieller Bestandteil. Gerade wenn Frauen nach einer Rechtsberatung fragen, dann  vermitteln wir sie natürlich weiter an unsere Anwältin. Oder wir geben Tipps und verweisen auf weitere Hilfsangebote, manchmal auch nur auf Internetseiten, z.B. der Arbeitsagentur, wo es um finanzielle Hilfen und Arbeitslosenberatung geht.

„Frauen werden oft über das Telefon angegriffen und sind dementsprechend besorgt, abgehört oder beobachtet zu werden.“

ALEX: Sie sprachen von besonderen Bedingungen im Bereich Stalking, welche meinen Sie damit genau?

Behrendt: Ich habe zum Beispiel meinen Schwerpunkt im Fachbereich Cyber-Stalking. Frauen werden oft über das Telefon angegriffen und sind dementsprechend besorgt, abgehört oder beobachtet zu werden. Das heißt, sie wollen ihr Handy auf keinen Fall für ein Beratungsgespräch nutzen. 

ALEX: Gibt es für solche Fälle einen Plan B?

Behrendt: Nicht so richtig. Viele fühlen sich etwas sicherer mit der Kommunikation über Emails, aber das erschwert die Beratung enorm. Wir hoffen, dass sie so schnell wie möglich wieder persönlich vorbeikommen können.

ALEX: Was bringt denn eine Beratung oder eine Weiterleitung in einer Zeit, in der auch der komplette Verwaltungsapparat langsamer läuft? Kommt die Hilfe denn schnell genug an?

„Die Gerichte arbeiten sehr eingeschränkt, das macht juristisches Vorgehen deutlich schwerer als sonst.“

Behrendt: Arbeitsamt und Jobcenter haben sich soweit angepasst, dass Anträge verstärkt online durchgehen. Vermögensprüfung und Ähnliches wird nach hinten verschoben und es gibt erstmal Gelder. Die Gerichte arbeiten sehr eingeschränkt, das macht juristisches Vorgehen deutlich schwerer als sonst.

ALEX: Haben Sie ein Beispiel für uns?

Behrendt: Wenn es gerichtliche Einigungen gibt, darüber, wie ein Vater mit seinem Kind Kontakt haben darf, dann werden solche Vereinbarungen mitunter gebrochen, unter der Begründung, dass das wegen Corona gerade nicht anders ginge. Die Mütter sind an dieser Stelle natürlich überfragt und wollen solche Situation schnellstmöglich klären.

ALEX: Denken Sie, dass in der aktuellen Situation der Corona-Isolation und unter Kontaktsperre „neue“ Täter entstehen, die es unter „normalen“ Bedingungen gar nicht gegeben hätte?

Behrendt: Das ist eine steile These, dazu kann ich so nichts sagen. Meine Vermutung wäre, dass zumindest der Auslöser für häusliche Gewalt schneller betätigt wird bei Männern, die ein Gewaltpotenzial haben. Das ist aber nur eine Theorie. 

ALEX: Zum Abschluss vielleicht noch Ihre Wünsche an die Politik?

Gerade hat der Senat zusätzliche Schutzräume für Frauen in der Corona-Zeit geschafft. Ein zusätzliches Frauenhaus, hätten wir auch in der Zeit vor Corona schon gebraucht und das werden wir nach Corona auch noch brauchen.

Zudem muss es eine dauerhafte Finanzierung für Beratungsstellen und Zentren wie das Frieda geben, damit Frauen einfach und schnell Unterstützung bekommen können und adäquat durch Fachpersonal begleitet werden. Das setzt auch eine angemessene Entlohnung der Arbeit voraus. 

Sören Frey

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