Wer hat eigentlich das Recht auf die Stadt?! – EXPERIMENTDAYS.18

Nov 15, 2018

Wem wollen wir die Gestaltung unserer Nachbarschaft anvertrauen? Der Wirtschaft? Der Politik? Oder wollen wir das selbst in die Hand nehmen? Bei den EXPERIMENTDAYS.18 sollen Antworten gefunden werden.

Es geht hier nicht um chemische Verbindungen, Explosionen und Reagenzgläser: Die EXPERIMENTDAYS.18 sind aber trotzdem ein Ort für Versuche. Es geht um den Versuch, die Stadt zu gestalten. Und das hat durchaus Explosionspotential.

Zum 16.  Mal werden die EXPERIMENTDAYS veranstaltet, koordiniert von id22: Institut für kreative Nachhaltigkeit. Dieses Jahr fanden sie vom 8. bis 11. November 2018 auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain statt. Alles steht unter dem Motto „COMMUNITY. LAND. TRUST.“

Die (Wohn)ProjekteBörse ist das Herzstück der Veranstaltung. Besucher*innen können sich über verschiedene Vereine und Initiativen informieren, sowie Input und Ratschläge für die eigenen Ideen  bekommen. Ebenso haben Aussteller*innen und Projekte  die Möglichkeit, sich zu präsentieren und mit Interessierten ins Gespräch zu kommen. Am Start sind unter anderem das „Generationenhaus Holländergarten“ oder der „wohnbund e.V.“, aber auch verschiedene Banken und Stiftungen.

Die Börse. Foto: Antonia Göhren

Warum sind die Besucher*innen an diesem Samstag zu den EXPERIMENTDAYS gekommen? Bei der (Wohn)ProjekteBörse interessieren sich einige Besucher*innen für gemeinschaftliches Eigentum und Wohnen. Sie wollen weiterhin zu günstigen Preisen in Berlin wohnen und haben Angst, dass es bald keinen bezahlbaren Wohnraum mehr im Stadtzentrum gibt.

Die Auswahl des Veranstaltungsortes, das RAW-Gelände, ist kein Zufall. Der Versuch eines partizipativen Planungsprozesses ist hier in vollem Gange. Das RAW-Gelände: 70.000 Quadratmeter groß, 151 Jahre alt. Angrenzend an die Warschauer Brücke und den Simon-Dach-Kiez in Friedrichshain, mitten in einem der touristischsten Orte Berlins. Einst war das Gelände eine Eisenbahnwerkstatt, das Reichsbahnausbesserungswerk (RAW), inzwischen befinden sich hier Bars, Clubs, Galerien, Räume für Sport und andere Arten der Freizeitgestaltung.

Zwei Investoren gehört das Gelände: dem niedersächsischen Lauritz Kurth und Andreas Malich von International Campus. Sie planen Wohnungen, Veranstaltungsflächen, Einzelhandel, Büroräume und vieles mehr. Einige Gebäude sollen abgerissen werden und die derzeitigen Mieter, zum Beispiel das Astra-Kulturhaus und das Urban Spree, bekommen dann neue Räume.

Die Anwohner*innen wollen mitentscheiden

Eins ist klar: Die Umgestaltung des RAW-Gelände bietet Streitpotential. Denn die Anwohner*innen wollen mitentscheiden – schließlich geht es um ihren Kiez. Bei den EXPERIMENTDAYS.18 findet dazu im Badehaus ein Workshop statt mit dem Titel „RAW findet immer noch Stadt“. Es diskutieren verschiedene Akteur*innen, u.a. Michael Rostalski von der Initiative „Ideenaufruf – partizipative Geländeentwicklung“ und das Team der Hamburger PlanBude, mit der Stadtteilversammlung und Anwohner*innen im Kiez.

Das RAW-Gelände. Foto: Antonia Göhren

Eine Frage beschäftigt sie alle: Wie können Anwohner*innen am Besten in den Entscheidungsprozess einbezogen werden?

Dialogwerkstätten im Frühjahr 2018 sollten sich Eigentümer*innen, Nutzer*innen, Stadtteilbewohner*innen, Politik und Verwaltung über eine Vision für das RAW-Gelände austauschen. Aber die Anwohner*innen sehen ihre Interesse in den aktuellen Plänen der Investor*innen nicht repräsentiert. Das Stadtteilbündnis „RAW für den Kiez“ wünscht sich beispielsweise offene Grün- und Freiflächen auf dem Gelände und behutsame bauliche Ergänzungen um den Charakter des RAW zu erhalten- das geplante Hochhaus des Investors Kurth wollen sie verhindern. Das Bündnis findet: Es mangelt an Transparenz und Neutralität.

Zum Beispiel weil es keine neutrale Moderation gegeben hat. Und die fordern sie. Außerdem solle sich der Bezirk deutlicher auf die Seite der Anwohner*inneninitiativen stellen. „Wir als Anwohner werden von den Investoren erpresst“, ruft ein Mann in die Runde.  Es geht heiß her, man spürt den Frust deutlich. Aber das zeigt: Es besteht Redebedarf und die EXPERIMENTDAYS.18 sind dafür der richtige Ort.

Bei einem öffentlichen Gespräch hat Katrin Lompscher, die Berliner Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen, die Möglichkeit sich zu äußern und Fragen der Besucher*innen zu beantworten. Sie gibt zu: „Der große Ausverkauf von Immobilien hat stattgefunden“, aber man sei dabei, dieses Problem in den Griff zu bekommen.

Jetzt müsse man „retten, was zu retten ist“

Die Diskussionsrunde wird von einem Thema dominiert: Eine leerstehende Schule, das ehemalige Diesterweg-Gymnasium, im Brunnenviertel im Wedding sollte an die Anwohner*inneninitiative ps wedding gehen. Diese wollte dort Wohnungen und ein Kulturzentrum realisieren. Doch nach Jahren der Verhandlung möchte der Bezirk Mitte das Gebäude abreißen und eine neue Schule bauen.

„Diese Geschichte steht beispielhaft für die vielen gescheiterten Bürger*inneninitiativen in Berlin“, sagt eine Frau, die bei ps wedding involviert ist. Das möchte Frau Lompscher so nicht stehen lassen, aber sie gibt zu, dass im Wedding einiges schiefgelaufen ist. Jetzt müsse man „retten, was zu retten ist“.

Weitere Programmpunkte der EXPERIENTDAYS.18 waren Workshops, beispielsweise zur Frage nach Bleibe- und Entwicklungsperspektiven von Kleingewerbe, Soziokultur & das Gemeingut Nachbarschaft oder zum Aufbau von Gemeinschafts(basierten) Projekten. Außerdem wurden Rundgänge auf dem RAW-Gelände angeboten, die sich mit der Städtebaulichen Entstehungsgeschichte und der kulturelle Nachnutzung beschäftigt haben.

Die EXPERIMENTDAYS.18 konnten sicherlich als Denkanstoß genutzt werden: Wie möchten wir uns in Berlin entfalten? Wie möchten wir leben? Und was können wir tun, um nicht nur auf Antworten zu warten, sondern selbst welche zu finden.

Autorin: Antonia Göhren

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