Wenn der Weihnachtsmann Aluhut trägt - Was tun gegen Verschwörungserzählungen am Familientisch?

Ich habe schon oft gehört von Gesprächen beim gemeinsamen Familienessen über die Politik „von denen da oben“ bis hin zu Annahmen, „dass das alles hier doch eh von einer Gruppe geplant wird, die alles heimlich kontrolliert“. Im Interview verrät Niklas Vögeding von veritas – die Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen, wie man auf Verschwörungsgläubige zugehen kann und was Verschwörungserzählungen eigentlich ausmachen.

So kurz vor den Festtagen steigt die Angst vor unangenehmen Gesprächen und Streitereien zwischen der Weihnachtsgans und dem veganen Braten bei Angehörigen von Verschwörungsgläubigen nochmal besonders an. Ich persönlich kenne solche Auseinandersetzungen nicht vom Familientisch, sondern aus dem WhatsApp-Status von mehreren meiner Bekannten. Bei dem einen Xaivier Naidoo-Fan aus meiner Kontaktliste, der 2021 immer noch die antisemitischen Liedtexte verteidigt hat, war es mir egal – Nummer gelöscht.

Bei einer anderen Person aber, die Karikaturen hochgeladen hat, „von den manipulierten Medien, die Putin falsch darstellen“, ist mir das nahe gegangen. Diese Person spielt seit meiner Kindheit eine wichtige Rolle in meinem Leben. Seit dem Beginn der Corona-Krise hatte ich keinen direkten Kontakt mehr zu ihr, denn auch an den Virus wollte sie nicht so recht glauben und ich habe die Konfrontation gescheut. Ich vermisse diese Person aber in meinem Leben und werde sie in ein paar Wochen auch wiedertreffen. Jedoch nicht so recht, wie ich auf sie zugehen soll, wenn wir auf das Thema Ukraine-Krieg oder Corona kommen. Dieser Artikel soll helfen, sich auf solche kritischen Begegnungen vorbereiten und ein paar Tipps aus der Beratungspraxis zu Verschwörungsgläubigen zusammentragen.

Was ist eine Verschwörungserzählung?

Michelle Rother: Häufig wird in der Debatte um Verschwörungen der Unterschied zwischen Verschwörungserzählungen und Verschwörungstheorien betont. Welchen Begriff nutzt ihr in der Beratung?

Niklas Vögeding: Verschwörungstheorien, Verschwörungsmythen und Verschwörungserzählungen sind streng genommen unterschiedliche Dinge. Häufig wird davon abgesehen von einer Theorie zu sprechen, weil man diesem verschwörerischen Denken keinen wissenschaftlichen Anstrich verleihen möchte. Für die Arbeit in der Beratungsstelle steht die sprachlich feine Ausdifferenzierung aber nicht im Vordergrund, da es viel wichtiger ist, zu schauen, wer einem gegenübersitzt und welche Bezeichnungen diese Person verwendet.

Wir orientieren uns an einer Definition von der Sozialpsychologin Pia Lamberty und der Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun, die sinngemäß sagt, dass eine Verschwörungserzählung als Kern die Annahme hat, dass eine als mächtig wahrgenommene Gruppe oder Einzelpersonen einen geheimen Plan verfolgen, um einem Großteil der Bevölkerung zu schaden und diese über ihre Ziele im Dunkeln lässt. In der Realität müssen diese Personen nicht wirklich mächtig sein. Das Paradebeispiel dafür sind Jüdinnen und Juden, die oftmals als besonders mächtige Verschwörer:innen gelten, wobei diese historisch gesehen eher die Verfolgten und Ohnmächtigen sind. Hier zeigt sich, weshalb Verschwörungserzählungen sehr gefährlich sein können.

Beratung zu Verschwörungserzählungen

This is where the magic happens.

2021 hat sich veritas gegründet. Was waren die Hintergründe?

Die Beratungsstelle ist ein Projekt des Vereins cultures interactives e.V., der schon seit 2005 existiert. Schon vor 2021 war aus den Erfahrungen der Rechtsextremismusforschung der Bedarf da, eine dezidiert psychosoziale und professionelle Unterstützung für Menschen zu schaffen, die in ihrem persönlichen Umfeld mit Verschwörungserzählungen konfrontiert sind. Insbesondere Kolleg:innen aus der Präventionsarbeit zu religiös begründetem Extremismus haben ihre Kenntnisse in den Bereich Verschwörungserzählungen übertragen. Unser Angebot mit der Beratungsstelle wurde dankbar angenommen. 2021 haben wir allein 600 Beratungsanfragen bekommen, dieses Jahr werden es mindestens 400 sein. Unsere Beratung ist auf eine Mittel- bis Langfristigkeit angelegt, das bedeutet in Zahlen, dass wir im Durchschnitt zwischen fünf bis zehn Beratungseinheiten pro Person ansetzen. Weil wir aktuell nur zwei Personalstellen haben, beläuft sich die Wartezeit für eine Beratung momentan auf mehrere Monate.

Verändert sich die inhaltliche Ausrichtung eurer Beratung je nach gesellschaftlich aktuellen Debatten?

Ja, je nachdem, was gesellschaftlich gerade los ist, steigt die Nachfrage. Zum Beispiel als die Impfpflicht letztes Jahr im Raum stand oder auch vor Weihnachten. Da treffen die Familien aufeinander und dann ist man ein paar Tage mit der Schwester und dem Onkel zusammen. Die Menschen haben Angst, dass es bei bestimmten Themen kracht.

Man muss aber dazu sagen, dass Menschen, die an Verschwörungen glauben, in der Regel nicht plötzlich anfangen, so einem Glauben zu folgen – da gibt es vorher schon eine Bereitschaft. Die Menschen wollen das glauben. Alte Motive wie beispielsweise antisemitische Verschwörungsmotive sind historisch gewachsen. Die sind auch heute oder in den Hochzeiten der Corona-Krise immer noch eine fruchtbare Grundlage für solche Gedanken. Es geht mehr um eine Mentalität und um die Frage, welche Bedürfnisse diese Leute mit diesen Inhalten befriedigen, dass sie sich ihre Welt so erklären, dass alles mit allem zusammenhängt. Damit wird die Welt für sie verstehbarer und Ohnmachtsgefühle werden kompensiert.

Inwieweit spielen Ängste eine Rolle in der Beratung?

Ängste spielen eine tragende Rolle, weil die Angehörigen von Verschwörungsgläubigen Angst haben, ihre Angehörigen zu verlieren. Die Verschwörungsgläubigen selbst haben auch Ängste. Teilweise vermuten diese Menschen hinter jeder Ecke Verschwörer:innen, die ihnen etwas Böses wollen. Gleichzeitig hat dieses Denken ein Stück weit etwas Ermächtigendes, da diese Personen etwas vermeintlich verstanden haben und so etwas dagegen tun können. Verschwörungserzählungen stellen eine Antwort für viele Fragen und einen Zugewinn an Kontrolle dar, indem sie die Komplexität von Sachverhalten reduzieren.

Was Verschwörungsgedanken auslöst

Disclaimer für alle Ungeduldigen: Wer nicht mehr auf die Tipps für den Umgang mit Menschen, die an Verschwörungen glauben, warten kann, scrollt am besten nach ganz unten im Artikel. Dort haben wir nochmal eine Kurzfassung für euch.

Auch wenn die Ursachen für einen Glauben an Verschwörungen komplex sind, könnt ihr in eurer Arbeit trotzdem gewisse wiederkehrende Auslöser feststellen?

„Krisenzeiten [sind] Verschwörungszeiten.“

Bei veritas betreiben wir keine qualitative Forschung über die Hintergründe von Verschwörungsgläubigen. Allerdings wissen wir aus der Wissenschaft, dass es Menschen gibt, die eine stärkere Neigung dazu haben, Zusammenhänge zu erkennen, wo gar keine sind. Das macht das Verschwörungsdenken aus – es gibt keinen Zufall. Neben den sehr unterschiedlichen und individuellen Gründen, Verschwörungsgedanken zu folgen, kann auch gesagt werden, dass Krisenzeiten Verschwörungszeiten sind. Auslöser können gesellschaftliche Krisen, aber auch ganz persönliche Krisen sein. Gesellschaftliche Krisen haben auch immer eine persönliche Dimension. Ein Beispiel dafür sind Leute, die aus dem Berufsleben ausscheiden. Mit einer Genderperspektive betrachtet, verlieren insbesondere Männer dann oft ein Stück Identität. Eine Sinnerfahrung fällt weg und die kann dadurch kompensiert werden, acht Stunden am Tag vor YouTube zu verbringen und sich so vermeintlich die Welt zu erklären.

Auch Kündigung, persönliche Krankheiten, Verlust, Trennung, plötzliche Armutsbetroffenheit oder Tod in der Familie können alles Auslöser für eine Hingabe zu Verschwörungsgedanken sein, um die Welt für die Personen wieder vermeintlich verstehbarer und beherrschbarer zu machen. Trotzdem passieren auch diese persönlichen Krisen nicht in einem luftleeren Raum. Es sind immer gesellschaftspolitische und ideologische Dimension, die Verschwörungsgläubige prägen.

Wie umgehen mit Verschwörungsgläubigen

Kannst du noch ein paar Tipps rausgeben für alle Menschen, die in ihrem Umfeld mit Verschwörungsgläubigen konfrontiert sind?

Ja, hier ist es sinnvoll nochmal in verschiedene Typen der Ausprägung der Verschwörungsgläubigen zu unterscheiden. In unserer Arbeit reden wir einmal von verschwörungsinteressierten Menschen. Bei diesen Menschen bringen Faktenchecks total viel. Es ist wichtig, die Person ernst zu nehmen und sich im weiteren Schritt möglichst zusammen zu informieren und zu schauen, woher und von wem die Informationen kommen.

Die zweite Gruppe nennen wir die verschwörungsüberzeugten Menschen. Für diese Menschen ist das Verschwörungsdenken identitätsstiftend geworden und wird existenziell gebraucht, um zu bestehen. In diesen Fällen bringen Faktenchecks nicht mehr so viel. Das wird dann als Angriff auf die eigene Identität wahrgenommen. Da lohnt es eher zu fragen, warum diese Narrative den Menschen wichtig sind, um die Aspekte zu verstehen, die hinter dem Verschwörungsdenken stecken. Angehörige können dann den Verschwörungsgläubigen beispielsweise aufzeigen, dass sie die Konstrukte nicht brauchen und es auch andere Dinge gibt, durch die sie Selbstwert erringen können.

Eine dritte Gruppe ist die der Verschwörungsideolog:innen. Das sind Leute, bei denen man gar nicht so richtig weiß, ob sie das wirklich glauben oder nicht, aber sie machen Profit damit. Sie verbreiten bewusst oder auch nicht bewusst Fake News, weil sie sich dadurch erhoffen, finanziell oder politisch davon zu profitieren. Mit diesen Menschen braucht man erstmal gar nicht reden. Ihnen ist es egal, ob es stimmt oder nicht, die wollen einfach Profit daraus schlagen. Da gilt es dann zu schauen, dass sie kein Profit mehr daraus generieren können.

„Eine herablassende, für dumm verkaufende oder zynische Attitüde ist Gift. Das treibt die Leute noch viel mehr in die Arme der Verschwörungsanhänger:innen."

Essenziell ist: ernstnehmen, Position beziehen, sagen, dass man da selbst andere Informationen zu hat. Zu verdeutlichen, dass man selbst skeptisch ist, aber anzubieten, dass man sich trotzdem zusammen anschauen kann, worum es der Person geht – wenn man denn die Kapazität dafür hat. Alles, was nach Vorwurf klingt, sollte vermieden werden. Das kann man gut, indem man Ich-Botschaften verwendet. Wichtig ist jedoch auch, dass sich die Angehörigen auch selbst darüber klar sind, worum es ihnen persönlich eigentlich geht. Diese Menschen sollten sich fragen, was sie eigentlich erreichen wollen. Will ich die Person vom Gegenteil überzeugen? Will ich eigentlich nur einen Standpunkt klar machen? Will ich andere Leute oder mich selbst schützen? Das sind alles unterschiedlich Ziele. Zu beachten ist auch, dass Wünsche, die formuliert werden, nicht eintreten müssen. Es sollte ein Realitätsabgleich gemacht werden – was ist realistisch zu erreichen.

Leitfaden für den Umgang mit Verschwörungsgläubigen

Wem jetzt nach den ganzen Informationen der Kopf rauscht und noch einen Spickzettel für den 1. Weihnachtsfeiertag braucht, für den ist hier nochmal in fünf Schritten erklärt, wie man Verschwörungsgläubigen umgehen kann.

Schritt 1: Überprüfe, wer dir gegenübersitzt. Ist es eine verschwörungsinteressierte Person oder eine verschwörungsüberzeugte Person?

Schritt 2: Bei einer verschwörungsinteressierten Person kannst du gemeinsame Faktenchecks vornehmen und auch die Informationsquellen zusammen mit der Person recherchieren und hinterfragen.

Schritt 2: Bei einer verschwörungsüberzeugten Person kannst du versuchen, sie darauf hinzuweisen, dass deren Annahmen nicht korrekt sind. Viel wichtiger jedoch ist, sie an alternative Beschäftigungen heranzuführen, beziehungsweise sie daran zu erinnern. Beispielsweise an frühere Hobbys mit denen sie ihre Zeit gefüllt hat. Vermittle ihr das Gefühl, dass es viele Dinge gibt, mit denen sich die Person identifizieren und ausdrücken kann und dass sie dafür nicht Verschwörungserzählungen braucht.

Schritt 3: Versuche im Umgang immer respektvoll zu bleiben und Ich-Botschaften zu verwenden.

Schritt 4: Mache dir klar, was du im Umgang mit der Person erreichen möchtest und bereite dich darauf vor, dass deine Erwartungen nicht erfüllt werden müssen. Heißt, bereite dich auch darauf vor, dass du eventuell nicht gleich mit der Person auf einen grünen Zweig kommst.

Schritt 5: Werde dir über deine persönlichen Grenzen bewusst und stecke diese in einem Gespräch auch ab. Wenn du nicht die emotionale und mentale Kapazität hast, dich mit der Person und Situation auseinanderzusetzen, musst du das auch nicht. Auch aus angefangenen Gesprächen kannst du dich zurückziehen.

Ich mache zur Vorbereitung auf mein erwähntes Treffen auf jeden Fall einen Screenshot von dem Leitfaden, damit ich den Leitfaden kurz vorher nochmal auf dem Handy durchgehen kann. Ich habe für mich mitgenommen, dass es im Endeffekt viel weniger um das Thema der Verschwörungen geht, sondern mehr um das, was die einzelnen Personen eigentlich beschäftigt und dass es wichtig ist, auf die Personen nicht mit Unverständnis zuzugehen. Jede:r möchte ernstgenommen werden. Das ist mir durch das Interview nochmal bewusst geworden. Was ich auch noch mitnehme, ist, immer wieder bei Stereotypen und kruden Herleitungen von vermeintlichen Fakten hellhörig zu werden und diese möglichst als falsch zu identifizieren. Nur so können wir Verschwörungen in der Gesellschaft immer wieder gewissen Grundlagen entziehen.

 

Falls ihr noch nicht genug von dem Thema habt, findet ihr hier findet ihr weitere Beiträge dazu:

Bilder und Interview: Michelle Rother

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