Wahrheit oder ein Stück daneben – Die Kunst des 48h Neukölln

Jun 26, 2018
Neu verpackt: Das Denkmal Friedrich Wilhelm I. in der Kirchgasse bekam im Rahmen des Projekts „Refresh“ ein Update (Foto: R. Morrigan)

Berlins größtes freies Kunstfestival hat sein 20-Jähriges gefeiert. 48h Neukölln zeigte dieses Jahr „Neue Echtheit“ – so vielfältig wie der Bezirk selbst.

Vor den Neukölln Arcaden, zwischen Einkäufern und dem ersten Feiervolk, kämpften Kunst-Fans mit der Festivalkarte im Zeitungsformat. Das Programm war allemal groß genug, um sich darin zu verlieren. 48 h Neukölln, Berlins größtes freies Kunstfestival, hat vom 22. bis 24. Juni wieder ein Wochenende lang von dem Bezirk Besitz ergriffen. Zwar hatten das auch die WM und ein unheilvoll dunkler Himmel,  trotzdem sah man immer wieder Menschen, die nach Kunstpublikum aussahen.

Die Karte hatten die Besucher*innen nötig, denn die Entdeckungstour durch Neukölln führte nicht nur in Galerien und Ateliers, sondern auch in Hinterhöfe, Gärten, Bars und Kirchen. Etwa 1.200 Kunstschaffende, aus Berlin und aus aller Welt, zeigten in rund 250 Ausstellungen, Konzerten, Lesungen und Performances ihre Interpretation des Jahresthemas „Neue Echtheit“. Es ging dabei viel um die Widersprüche und Spannungen eines analogen Lebens in einer digitalen Welt, verrät Thorsten Schlenger, Theaterregisseur und einer der beiden Festivalleiter, rbb24: Dem Echten stehe „die Beschleunigung und das Immer-im-Jetzt-sein durch die Digitalisierung“ gegenüber. Gleichzeitig ruft Echtheit unweigerlich Gedanken an die Falschheit wach, die viele heute beschäftigt, in dieser Ära der mächtigen Algorithmen, der Massendaten und Fake News. Was ist authentisch, was ist nur Trug?

Ehrliche Fälschungen und Schatten, die Menschen vereinen

Die wohl frechste Antwort auf diese Frage fand sich in einem Atelier in der Boddinstraße: „Raubdruckerin“ Emma-France Raff stellte echte Falschgoldbarren aus und verkaufte sie mitsamt Falschheitszertifikat. Daneben glänzten echte Goldkreationen von Schmuckdesignerin Lilian Syrigou. Die Frage nach Echtheit ist eine nach Wert und Wahrheit in einer manipulierbaren Welt: Das Café Dritter Raum stellte 20 Kryptowährungen vor – und akzeptierte alle zur Zahlung; „Here We Are – A Turing Torture“ versetzte Menschen per VR in digitalisierte Acrylgemälde der Künstlergruppe The Swan Collective, dazu versuchte die Stimme eines „allmächtigen Programmierers“ Betrachter*innen zu überzeugen, sie seien keine echten Personen, sondern eine künstliche Intelligenz.

Ein Schatten aus Mehl (Ercan Arslan) regte Besucher*innen im Mainzer 7 zum Philosophieren an

Ein Schatten aus Mehl (Ercan Arslan) regte Besucher*innen im Mainzer 7 zum Philosophieren an.

Mitten im Kunstraum Mainzer 7 erhellte ein menschlicher Umriss den Boden, reale menschliche Füße hatten ihn verwischt und mit Abdrücken übersät. Künstler Ercan Arslan, 1969 in Neukölln geboren, füllt in seiner Performance Schatten mit Mehl. „Ein Schatten hat etwas, das alle vereint“, erklärte Anja Söyünmez, Kuratorin der Ausstellung. Er lasse schließlich keine Herkunft, Religion, sexuelle Orientierung oder Hautfarbe erkennen. Ein Gleichmacher. „Andererseits hat ein Schatten auch etwas Negatives – das Böse, das sich anbahnt.“

Gerade im Hinblick auf die Flüchtlingspolitik fordere die Performance zum Nachdenken auf, so Söyünmez. Der mehlgewordene Schatten ist verformt, hat nichts mehr mit dem Menschen gemein – ähnlich wie Vorurteile Individuen in der Wahrnehmung verzerren. Arslan stellte außerdem farbintensive Übermalungen von Zeitschriftenfotos aus, zahllose Schichten Acryl verfremden das Reklamemotiv bis zur Unkenntlichkeit. Hier ist die Verfälschung eine Aufwertung, eine trotzige Ansage an die Allgegenwart der Werbung.

Kirchen-Noise und ein Hauch Pop Art

Während Söyünmez zufolge die Schatten-Performance Gespräche über C. G. Jung, das indische Kastensystem und Platons Höhlengleichnis anregte, traute sich das Publikum in der Magdalenenkirche kaum zu atmen. Das fünfköpfige Cordula Klotz Oberton- und Improvisationschörchen versetzte die kleine Musikgemeinde mit fähigen, aber unberechenbaren Stimmen und Instrumenten von Donnerblech bis Klangschale in regungsloses Schweigen. Feierlich-meditativ, aber auch mal naiv-krachig, vor imposanter Bleiglaskulisse – Verunsicherung und Faszination schienen sich im Publikum zu mischen. Die eine ließ das Donnerblech zusammenzucken, den anderen ein Reißverschluss, der eine Rückenlehne streifte.

„Bujan“ bis „Bujan4“ – zu jedem Haustier-Klon gibt Akiko Wakayama Geburts- und Todesjahr an

„Bujan“ bis „Bujan4“ – zu jedem Haustier-Klon gibt Akiko Wakayama Geburts- und Todesjahr an.

Im Musik- und Kunstcafé Prachtwerk gab es neben Konzerten und dem „Black Mirror“-inspirierten Impro-Theater der Gruppe Improbanden eine Fotoausstellung des internationalen Fotografinnenkollektivs Girlz Who Shoot. An den eckigen Pfeilern hing die Reihe „Mein liebes Klon-Haustier“ von Akiko Wakayama, die vierfach-Ausführungen von Kätzchen und Schoßhunden erinnerten ein wenig an Warhol’sche Siebdrucke. Die Künstlerin beschäftigt sich mit Umwelt- und Tierschutz und fragt, ob das immer beliebtere Klonen von Haustieren nicht respektlos gegenüber dem verstorbenen Tier sei – schließlich setzten die Menschen das individuelle Wesen mit seinem Äußeren gleich. Einige Exponate bei 48h Neukölln waren nicht mit Titeln oder Erklärungen versehen, da stach Wakayama als besonders nahbar hervor: Sie teilte nicht nur Gedanken zu den betitelten Werken, bei den Kätzchen hing ein handgeschriebener Zettel mit ihrer Tumblr-Adresse.

Sturm in der leeren Bank

Ganz so nahbar ging es in der Location Alte Sparkasse nicht zu. Wer trotz deutschem Fußballsieg und strömendem Regen Samstagnacht eine leerstehende Bank in der Karl-Marx-Straße als Aufenthaltsort wählte, fand eine Reihe faszinierender Exponate, zu denen die Informationen leider durchweg spärlich ausfielen. Womöglich ein Symptom der Digitalisierung – es können ja alle online nachlesen – oder gewollter Minimalismus. Zum Nachdenken regten die Werke trotzdem an: In einem Kellerraum simuliert eine Installation aus blauen Lichtschnüren Regen, dazu donnert es immer wieder vom Band ­­— und man fühlt sich wohl mit diesem künstlichen Sturm unter der Erde, umgeben von Beton, während man dem echten Regen, draußen unter freiem Himmel, nicht schnell genug entkommen kann. Klar, draußen gibt es echte Nässe. Aber das Vergnügen am Imitat hat auch etwas Ironisches.

 

Die Bodenfund-Sammlung (Philip Topolovac u. Markus Proschek) zeigt urbane Artefakte, die der 2. Weltkrieg verschüttet hat

Die Bodenfund-Sammlung (Philip Topolovac u. Markus Proschek) zeigt urbane Artefakte, die der 2. Weltkrieg verschüttet hat.

„Bank, Blank“ hieß die Ausstellung in der Ex-Sparkasse, und obwohl es viel zu entdecken gab, wirkten die Hallen und Räume tatsächlich sehr leer und damit surreal. Ein Palast mit trostlosen Hinterzimmern, aus unbekannten Gründen evakuiert. Das vielleicht greifbarste Exponat war in seiner Echtheit schon fast ein Mahnmal: Sauber aufgereiht in Regalen lag die Bodenfund-Sammlung von Philip Topolovac und Markus Proschek. Die Urbanarchäologen durchsuchen seit Jahren Berliner Boden nach Überresten aus Bombardements im 2. Weltkrieg ­– rostige Nähmaschinen, perfekt erhaltene Porzellanfigürchen, ein Stück Kieferknochen.

Kunst ist Physik ist Kunst

Im offenen Projektraum Ida Nowhere hieß es „aale leuchten nackt“. Unter anderem schien ein künstlicher Wasserfall auf einer Treppe aufwärts zu fallen, davor und darüber waren Spiegel installiert, Lichtwasser flimmerte an den Wänden. Die Bezeichnung „Künstlerinnen“ ließ Charlotte Maurer und Emma Scholl vom Light & Reflection LAB erst mal verlegen schmunzeln. „Wir machen unseren Bachelor in Physik an der TU“, erklärte Maurer. Ihnen habe der „Zugang zur Kunst“ gefehlt, bis sie vor rund einem Jahr von dem Projekt Open Class an der Universität der Künste erfuhren. „Da geht es darum, dass Studenten zusammenfinden und autonome Lehre machen. Sie versuchen hierarchielos zu sein, suchen sich selbst die Themen aus“, so Maurer.

 

Charlotte Maurer (li) und Emma Scholl (re) vom Light & Reflection LAB sehen den Wert einer kreativen Denkweise in der Wissenschaft

Charlotte Maurer (li) und Emma Scholl (re) vom Light & Reflection LAB sehen den Wert einer kreativen Denkweise in der Wissenschaft.

Mit anderen Studierenden aus Disziplinen wie Physik, Kunst und Architektur gründeten die beiden das Light & Reflection LAB. „Künstler müssen ja auch Technik benutzen, in der Fotografie oder in Installationen, und oft verstehen sie die Physik dahinter nicht“, betonte Scholl. „Wir wollten ihnen diesen Zugang geben. Dafür geben sie uns Input auf künstlerischer Ebene.“ Gemeinsam mit Clara Roca-Sastre entwickelten sie den steigenden Wasserfall und die Spiegelinstallation. Sie seien stolz auf ihre Lichtillusionen und ihre erste Ausstellung – trotzdem seien sie keine Künstlerinnen, dazu gehöre mehr.

Überfordert, aber glücklich

Der Körnerpark war angemessen von grauen Wolken überhangen, für die Ausstellung „Entwurzelt“ hat Thomas Kilpper den Ahornbaum, der 2017 bei einem Sommersturm direkt vor der Galerie umstürzte, in die Galerie gebracht und Bilder von Opfern rassistischer Gewalt ins Holz geschnitten. Gespickt mit Szenen aus echten Biografien ästelt sich Holz in alle Richtungen, bis unter die Decke, und erdrückt mit seinen Assoziationen verketteter Schicksale.

„Entwurzelt“ (Thomas Kilpper) in der Galerie im Körnerpark übt Kritik an rassistischer Gewalt.

„Entwurzelt“ (Thomas Kilpper) in der Galerie im Körnerpark übt Kritik an rassistischer Gewalt.

Besucher Christoph Andreas sagte, er liebe 48h Neukölln und sei schon zum sechsten oder siebten Mal dabei. Er arbeitet als Fahrer einer Werkstatt für Behinderte und erschafft selbst Objekte aus diversen Materialien. „Kunst liegt entweder direkt auf der Realität, auf dem Wahren, oder ein Stück daneben“, so Andreas. „Sie kann das Denken befreien.“ Aber vielleicht sind 48 Stunden dafür noch zu wenig. Andreas sagte, er fühle sich jedes Jahr „überfordert“, schaffe nicht so viel, wie er sich vornehme. Kein Wunder: Wer mit einem festen Plan durch den Bezirk marschieren will, wird an jeder zweiten Ecke von einem weiteren mysteriösen Eingang mit Festival-Schild vom Pfad abgebracht.

48h Neukölln: Endlich fließen Gelder vom Senat

In fast 20 Jahren ist 48h Neukölln weit gekommen. Das Festival hat geholfen, den Bezirk von einer verschrienen Gegend mit Ghetto-Ruf zu einem angesagten Kulturstandort zu machen. 48 Stunden schreibt sich Kulturvermittlung auf die Fahne, Kunst wirkt erfahrbar statt elitär. Das honoriert der Berliner Senat inzwischen mit einem Zuschuss von je 150.000 Euro für 2018 und 2019, mit Aussicht auf Verlängerung. Bisher arbeiteten die Beteiligten rein ehrenamtlich. Nun müssten Künstler*innen und Betreiber*innen für den Festivalauftritt weniger aus eigener Tasche zahlen, sagt Susann Kramer, stellvertretende Vorsitzende des Kunstvereins Neukölln.

Von Spätis, in denen Kunden ihre Umgebung mit kreativen Augen sehen und Fotos schießen sollen, über VR-Installationen, verfremdete Statuen und Glitch-Videos bis hin zu irischen Traumgedichten – 48h Neukölln sind niemals genug, um alles zu sehen und zu entdecken. Und damit hat das Kunstfestival, umspült von Regen und grölenden WM-Fans, das Leben in seiner verwirrenden und spannenden Vielfalt widergespiegelt, genau wie Besucher Andreas sagt: „Die Realität, oder ein Stück daneben.“

Text: Ruby Morrigan

Bild: Matt Starke

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