Vom Umgang mit Stasi-Akten – 30 Jahre nach dem 15. Januar 1990

Jan 16, 2020
Stasi-Unterlagen-Archiv

30 Jahre waren es gestern genau her, seit sich tausende Demonstrierende nach Aufruf des Neuen Forums Zutritt in die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in Lichtenberg verschafften. Ihr Anliegen: Die Vernichtung von Stasi-Akten durchs Ministerium selbst zu stoppen. Der 15. Januar 1990 wurde zum historischen Tag in der deutsch-deutschen Geschichte.

Mit Inkrafttreten des Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG) am 29.12.1991 wurde schließlich die Öffnung der Akten beschlossen. Seitdem hat jede und jeder die Möglichkeit, Einsicht in ihre oder seine alten Stasi-Akten zu nehmen. Etwas mehr als 3 Millionen Bürgerinnen und Bürger haben seitdem ihre Akte bei der Bundesbehörde für die Stasi Unterlagen (BStU) angefordert. Der Weg bis zum Antrag ist jedoch emotional nicht zu unterschätzen. Mit den alten Stasi-Unterlagen blieben Unsicherheiten – wie geht man mit solchen persönlichen Informationen um?

Wo ist meine Akte? – 30 Jahre nach dem 15. Januar 1990

Zum 30-jährigen Jubiläum beschäftigte sich die Robert-Havemann-Gesellschaft gestern mit der Veranstaltung „Wo ist meine Akte“ in der ehemaligen Stasi-Zentrale, dem heutigen Campus für Demokratie, mit kontroversen Fragen wie dieser. Neben Berichten von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gab es Einblicke in Beispielakten, Führungen zu den Vorgängen des 15.01.1990, Vorführungen alter Stasi-Schulungsfilme und eine Podiumsdiskussion zu Umgang und Bedeutung der Aktenöffnung.

Dort sind es vor allem die persönlichen Geschichten, die einem die Herausforderungen im Umgang mit Stasi-Akten vor Augen führen. So berichtet Autor Jo Nichelmann von dem Versuch, die Akte seines verstorbenen Großvaters einzusehen – ohne Erfolg. Wie viele andere auch, konnte diese nicht vor der Vernichtung gerettet werden. Was bleibt sind gemischte Gefühle: Zum einen die Enttäuschung darüber, nie Gewissheit über Vergangenes zu erlangen, auf der anderen Seite aber auch ein wenig Erleichterung, von negativen Erkenntnissen verschont geblieben zu sein.

Einsehen der Stasi-Akten: Ein emotionaler Hürdenlauf

Aber was, wenn es doch gelingt? Der Journalist Karsten Kuhn hat die Stasi-Akten seines verstorbenen Vaters eingesehen und diesen, wie er erzählt, so erst richtig kennen gelernt. Vieles was er dort erfahren hat, machte sein Bild von dem ihm fast unbekannten Vaters nicht positiver. Trotzdem war es für ihn ein wichtiger Schritt in der Aufarbeitung der familiären Vergangenheit. So geht es vielen, Einsicht in die eigene Akte oder die Akte einer nahestehenden Person zu nehmen, ist ein emotionaler Hürdenlauf.

Karsten Kuhn hat mit einigen Menschen gesprochen, die diesen Weg gegangen sind: „Es ist natürlich hochemotional, wenn jemand feststellt, dass er von seinen Freunden bespitzelt worden ist, von Leuten, von denen er meinte, dass er sie sehr gut kennt. Das ruft einfach tiefste Verletzungen hervor, wenn man merkt, dass man in einem ganz anderen Leben gelebt hat, als man selbst von sich dachte. Die Frage ist bei vielen ja: Will ich überhaupt meine Akte einsehen? Weil man Angst hat, dass Freundschaften in die Brüche gehen und, wenn man es einmal getan hat: Wie gehe ich mit den Leuten um? Konfrontiere ich die, gehen wir dann im Streit auseinander? Leute, die bespitzelt worden sind haben mir immer wieder gesagt: ‚Das hat Jahre gebraucht, bis ich dem anderen vergeben konnte‘. Das geht dann nicht auf Knopfdruck, das braucht lange Zeit und bei manchen klappt es auch gar nicht.“

Gerade wenn Beteiligte verstorben sind und nicht mehr konfrontiert werden können, aber auch keine Gelegenheit mehr haben, sich zu erklären, landet man schnell in einer emotionalen Einbahnstraße.

Genau da braucht es „Stimmen, die uns die Akten erklären“, sagt Dr. Katrin Cholotta vom Netzwerk 3te Generation Ost zum Umgang der Nachfolgegeneration mit Stasi-Akten. „Geschichtlich gesehen ist diese Erstürmung der Stasi-Zentrale und überhaupt das Akten eines Geheimdienstes Bürgerinnen und Bürgern zugänglich gemacht werden ja einzigartig. Das ist im Grunde genommene eine Vorstellung, die – nicht nur zu DDR Zeiten – schier unmöglich schien und dann plötzlich möglich wurde, sondern auch weltweit ist das beispiellos. Das ist das Positive und der Schatz den wir bewahren sollten.“. Dr. Katrin Cholotta betont die Bedeutung des 15. Januar 1990 für die deutsch-deutsche Geschichte, sagt aber auch, dass wir unser oftmals sehr klassisches Schwarz-Weiß Denken in Bezug auf die Geschehnisse überdenken müssen.

Täter vs. Opfer: „Es gibt nicht die eine Wahrheit“

Denn: Der richtige Umgang mit historischen Unterlagen verlangt Umsicht, Differenzierung und generationenübergreifende Kommunikation. Nicht immer sind die persönlichen Auslegungen von Stasi-Akten korrekt und schon gar nicht immer gerecht.

Gerade deswegen ist es laut Katrin Cholotta so wichtig, in einen direkten Diskurs zu treten: „Wer sagt uns denn, dass das was in einer Akte steht, das ist, was der Wahrheit entspricht? Da sehe ich so ein bisschen eine Gefahr: Wie interpretiere ich die Akte? Was hat das eigentlich zu bedeuten, was da aufgeschrieben wurde? Ist es tatsächlich so einfach Menschen in Opfer einerseits und Täter andererseits einzuordnen? Müssen wir uns nicht vielmehr auch bemühen zu schauen, dass es gar nicht so häufig so einfach ist, das häufig beides der Fall ist. Wir haben es ja jetzt gerade an dem Verlegerpaar Friedrich (Silke und Holger Friedrichs, Eigentümer des Berlin Verlags, Anm. der Redaktion) gesehen, es ist nicht so einfach. Einerseits war er IM (Inoffizieller Mitarbeiter, Anm. der Redaktion), aber auf der anderen Seite war er auch genauso ausgespielt und wurde bespitzelt wie viele andere auch. Da diese Grauschattierungen zuzulassen und auch zuzulassen, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, da ist diese Stasi-Erstürmung und der Umgang danach so immens wichtig – das daraus zu lernen für unsere Zukunft.“

Eingang Stasi-Museum
Auf dem Gelände des Stasi Museum in in Lichtenberg befindet sich auch das Stasi-Unterlagen-Archiv

In der Bundesbehörde für die Stasi Unterlagen (BStU) kann man Einsicht in die eigenen Akten oder die von nahen Angehörigen Personen, welche vermisst oder verstorben sind, beantragen. Hier gibt es mehr Informationen zum Antrag auf Akteneinsicht.

Vielen Dank an Jo Nichelmann, Karsten Kuhn und Dr. Katrin Cholotta für die Interviews.

Bilder: BStU, ALEX Berlin / Interviews: Madlen Wittenstein, Elisa Slaby / Text: Elisa Slaby

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