Stillen in der Öffentlichkeit – ein Tabu?

Apr 4, 2018
Eine Frau stillt in einem öffentlichen Café, ©shutterstock

Eine Mutter wird wieder aus einem Berliner Restaurant verbannt. Unsere Autorin schreibt über notwendige Toleranz gegenüber stillenden Müttern.

Schauplatz Berlin-Charlottenburg: Meine Freundin und ich sind zusammen unterwegs und entscheiden uns kurzerhand für einen kleinen Snack in einem Restaurant. Am Nachbartisch sitzt eine junge Mutter, nicht älter als 25 Jahre, die ihr Baby stillen will. Nur kommt sie damit nicht weit. Der Kellner bittet sie die „Entblößung“ doch bitte zu unterlassen und sich wieder anzuziehen.

Sie guckt ihn verwundert an und erklärt der Servicekraft, dass ihr Kind ebenfalls essen müsse. Er sagt, dass sich weitere Gäste bei ihm beschwert hätten. Völlig entnervt packt die junge Dame ihre Sachen, bezahlt und verlässt das Lokal. Diese Geschichte ereignet sich in Berlin 2018. Zwei Jahre zuvor sorgt eine Geschichte, ebenfalls in Berlin, für Furore.

Die Rede ist von Johanna Spanke. Als sie ihr Kind in einem Berliner Café stillen will, wird sie von einer Servicekraft darauf hingewiesen, dass Stillen in diesem Etablissement nicht erwünscht sei. Sie hat die Wahl dies zu unterlassen oder das Café zu verlassen. Verärgert über die erlebte Diskriminierung startet Spanke eine Online-Petition auf der Plattform weAct, in der sie ein Gleichstellungsgesetz zum Schutz stillender Mütter fordert. Das ist nun zwei Jahre her. Was hat sich in dieser Angelegenheit seitens der Politik und Gesellschaft getan?

Nicht sonderlich viel. In Deutschland werden Frauen nicht durch ein Gesetz geschützt, wenn sie sich dazu entschlossen haben, in der Öffentlichkeit ihr Kind zu stillen. Die Sprecherin des Familienministeriums Susanne Gütte sagt: „Wir wollen eine kinder – und familien-freundliche Gesellschaft. Dazu gehört auch, dass es Müttern möglich sein muss, in der Öffentlichkeit ihre Kinder zu stillen. Auch sagt sie: „Es muss möglich sein hier im Interesse aller gute Lösungen zu finden.“

Ein Gesetzesentwurf liegt noch nicht vor. Jeder Laden- und Grundbesitzer kann selbst entscheiden, ob er Stillen toleriert oder nicht. Es gilt das deutsche Hausrecht. Dieses Grundrecht machte sich Ralf Rüller, der Inhaber des Cafés The Barn Coffee Roasters, bei Johanna Spanke zu Nutzen. Laut der Welt äußert er seine Meinung zum Thema „Stillen in der Öffentlichkeit“ wie folgt: „Es gibt bei uns Grenzen. Wenn gestillt wird, bitten wir um Diskretion. Eine Mutter kann im Rückbereich des Geschäftes ihrem Kind die Brust geben. Auch aus Respekt anderen Kunden gegenüber, die bei uns einen besonders hochwertigen Kaffee genießen möchten.“

Muss man sich rechtfertigen?

„Stillen ist elementar für die Mutter-Kind-Bindung,“ erklärt die angehende Hebamme Josephine Steffner und fügt hinzu, „man muss sich nicht dafür rechtfertigen, dass man sein Kind von seinem Körper ernährt, so wie es die Natur vorgesehen hat.“ Tatsächlich gehört die Freizügigkeit und das Zurschaustellen des weiblichen Körpers in der deutschen Medienlandschaft zum Alltag, sei es im Fernsehen, in der Werbung oder in sozialen Netzwerken. Wieso ist es ein Tabu, wenn eine Mutter die Brust entblößt, um ihr Kind zu säugen? Renata Motta, Soziologin an der Freien Universität Berlin und selbst Mutter, ist der Meinung, dass der Körper der Frau immer noch der Gesellschaft „gehöre“ und diese somit über den Körper verfüge. Zumal die Brust ein hochsexualisiertes Körperteil sei und der eigentliche Nutzen einer weiblichen Brust schon längst verloren gegangen sei. Es gibt auch andere Stimmen. Eine für den Blogbeitrag interviewte Lehramtsstudentin aus Berlin, bezeichnet das Stillen in der Öffentlichkeit als „emotionalen Exhibitionismus“. Es sei ein intimer Moment zwischen Mutter und Kind, welcher nicht in der Öffentlichkeit ausgelebt werden müsse.

Historisch gesehen ist das Stillen in der westlichen Welt teils verloren gegangen. Durch das Einstellen von Ammen haben vornehme Damen nicht selbst gestillt. Zusätzlich war die Vermarktung von Milchpulver seitens des Nahrungsmittelkonzerns Nestlé in den 1950er Jahren in Entwicklungsländern nicht förderlich für das Stillen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist es jedoch essentiell für das Kindeswohl, dass Frauen ihre Kinder wieder an die Brust nehmen. Es soll das Risiko von Infektionskrankheiten oder eines frühen Kindstodes verringern. Ein normaler Stillrhythmus für einen Säugling liegt zwischen zwei bis vier Stunden. Sollte eine Frau nicht ungestört in der Öffentlichkeit stillen dürfen, hieße das für sie die Aufgabe ihres sozialen Lebens für die nächsten zwei Jahre ihres Mutterdaseins.

„Nicht jede Frau muss in der Öffentlichkeit stillen“

Eventuell würde ein neues Gesetz die Situation für viele stillende Mütter verändern oder entschärfen. Nichtsdestotrotz muss das Problem bei der Wurzel gepackt werden und dieses liegt in dem moralischen Konstrukt der Gesellschaft. Nackte Brüste in Verbindung mit Sexualität, ja! Entblößte Brüste, an denen ein Säugling saugt, bitte nicht! In einem Video von BuzzFeed teilen Mütter ihre Erfahrungen und Emotionen während des Stillens in der Öffentlichkeit. Alle beschreiben missbilligende Blicke Anderer, die zu einem generellen Gefühl der Scham führen. Eine Mutter prangert an, dass ihr Kind in solchen Momenten das erste Mal mit Body-Shaming konfrontiert wird, da es die Angespanntheit spüre.

Dem allgemein empfundenen Schamgefühl kann anhand präziser Aufklärungsarbeit seitens Spezialisten, Erzieher, Mediziner und jeglicher Gesundheitseinrichtungen entgegengewirkt werden. „Nicht jede Frau muss in der Öffentlichkeit stillen, aber dass sie das können und dürfen, finde ich wichtig,“ sagt Renata Motta, „In diesem Sinne dient die Frau der Gesellschaft, indem sie für die Reproduktion der Menschheit verantwortlich ist.“ Mittlerweile hat Johanna Spanke 23.272 Unterschriften für ihre Petition sammeln können. Ein Zeichen dafür, dass die Bevölkerung durchaus ein Gesetz zum Schutz der Mütter befürwortet. Bleibt abzuwarten, ob sich in der Politik etwas bewegen wird, oder ob die Mütter weitere zwei Jahre auf eine Reaktion seitens der Regierung warten müssen.

Text: Carolina Osses

Foto: Shutterstock

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