Stadt? Land? Festival! – Lollapalooza oder Primavera?

Jul 20, 2018
Das Primavera Sound bei Nacht.

Die Festivalsaison ist mitten in ihrer Hochphase. Für Campingmuffel aber ist seit einer Weile Eines hoch im Kurs: Ab in die Großstadt zur Pop-Kultur, zum Lollapalooza oder zum Primavera Sound. Wir haben die Festivals in den Metropolen für euch verglichen.

In Berlin und Brandenburg sind seit einigen Wochen trockene Acker zu riesigen Partyflächen mutiert: Endlich konnte man bei der Fusion wieder in die verrücktesten Welten abtauchen, das Melt Festival hat wie immer nicht an einem bombastischen Line-up zwischen beleuchteten Baggern und Kränen in der Industrieromantik von Ferropolis gespart. Jedes Wochenende gibt es nun allein in Berlin, Brandenburg und Umgebung zahllose Techno-, Rock- und Hip-Hop-Festivals.

ALEX Berlin zum Beispiel bringt euch bald wieder aufs Bergfunk Open Air und die Pop-Kultur. Was die Pop-Kultur, die in der Kulturbrauerei mitten in Berlin stattfindet, allerdings als einziges Festival unter den oben genannten nicht hat, sind staubige Acker, die man sich noch eine Woche nach dem Partyspaß aus der Nase popelt. Bei den Menschen, die darauf und auf feuchte Zelte, warmes Bier und kalte Dosenravioli kein Bock haben, sind Stadtfestivals seit einer Weile hoch im Kurs. Während die Pop-Kultur mit einem liebevoll kuratierten Musikprogramm voller Geheimtipps aufwarten kann, fahren Festivals wie das Lollapalloza in Berlin oder auch das Primavera Sound in Barcelona mit einem internationalen Programm der Créme de la Créme auf und ziehen damit ein riesiges Massenpublikum an.

Das Primavera Sound Festival gilt mittlerweile als renommiertes Stadtfestival, welches der Stadt Barcelona nicht nur Ansehen sondern auch eine Menge Geld bringt. Das einzig Vergleichbare, das uns Berlin zu bieten hat, ist das Lollapalooza, doch scheint es noch nicht die gleiche Reputation wie das Primavera gefunden zu haben. Laut mancher Kritiker*innen gilt es vorallem als „Imagepleite“ für die Stadt. Ist das wirklich so? Wir haben die beiden Festivals für euch verglichen.

Pamorama beim Primavera Sound in Barcelona..

Pamorama beim Primavera Sound in Barcelona.

Primavera Sound oder Lollapalooza: Wer von beiden hat die besseren Gadgets:

Das Primavera Sound Festival in Barcelona geht auf das Jahr 2001 zurück und hat seitdem jährlich nationale und internationale Musikfans mit seinem legendären Line-Up in die Hauptstadt Kataloniens gezogen. Doch nicht nur das Line-Up der Superlative, auch die Lage des Festivals ist unschlagbar: Seit 2005 findet das Festival im Parc del Forum, einer berauschenden Hafenpromenade statt. Auf der einen Seite des Parks erstreckt sich strotzend das weite blaue Mittelmeer, auf der anderen Seite thronen die Fassaden Barcelonas in den Himmel –  eine perfekte Balance von urbaner Schönheit und Natur, die den Charme des Festivals ausmacht. Die guten Vibes strecken sich bis nach Porto, Portugal, wo das Primavera Sound seinen Ableger hat: das Nos Primavera ist die jüngere Tochter des gefeierten Festivals in Barcelona. Ganz im Sinne seiner älteren Schwester wird auch dort neben großen Namen viel neue und aufregende Musik gespielt.

Wo wir gerade bei Töchtern und Verwandtschaftsbeziehungen sind, sollte erwähnt sein, dass im Gegenzug hierzu das Lollapalooza in Berlin wiederrum das Tochterfestival einer ganzen Festival-Reihe ist, die ursprünglich im Jahr 1991 in USA zum ersten Mal stattfand, mittlerweile in vielen Ländern auf der Welt seine Ableger hat und seit 2015 auch in Berlin Einzug gefunden hat.

Allerdings scheint das Festival sich noch nicht richtig etabliert zu haben in unserer Großstadt. Die Wahl der Jahr zu Jahr wechselnden Veranstaltungsorte (Tempelhofer Feld, Treptower Park, Galopprennbahn Hoppegarten) die wegen Dreck, Lärm und logistischer und infrastruktureller Probleme immer große Kritik von Anwohner*innen nach sich zog, lassen darauf schließen, dass sich hier bisher noch keine Lolla- Tradition geschweige denn -Identität in Berlin geschaffen hat. Aber hey, was sind schon drei Jahre Lebensalter? Vielleicht braucht das Berliner Lollapalooza einfach noch bisschen Zeit bis es seine Wurzeln geschlagen hat. Derartige Kritik haben wir in Barcelona nicht wahrgenommen, aber vielleicht liegt es auch daran, dass wir als „Außenstehende“ davon einfach nichts mitbekommen.

Wie zum Beispiel Maria Churiloova, als sie in Berlin beim Lollapalooza war. Die Floristin und Künstlerin lebt derzeit in Barcelona und kennt beide Festivals. Das Lollapalooza war für sie im Gegensatz zum Primavera „wirklich ein einzigartiges Erlebnis. Es war an einem wunderschönen Ort in Berlin, es war überall grün und die Musiker*innen und die Atmosphäre waren richtig gut.“ Die viele Kritik hat sie nicht wahrgenommen, zumindest nicht in Berlin. Auch in Barcelona gibt es viel Diskussion: „Aber das Festival hat einen so hohen Beliebtheitsgrad, da können die nicht mehr wirklich viel machen.“, sagt Churiloova.

Maria Churiloova ist Künstlerin und Floristin und lebt in Barcelona.

Maria Churiloova ist Künstlerin und Floristin und lebt in Barcelona.

Auch das Line-Up betreffend muss man dem Lollapalooza wieder einige Credits einräumen. Mit Acts wie The XX, Muse, Radiohead, Kings of Leon und Tame Impala in den vergangenen Jahren zeigt das Lolla, dass es durchaus fette Fische an Land ziehen kann. Auch dieses Jahr wird’s wieder laut und vor allem bunt durchmischt: Zwar tritt selbst David Guetta auf, dafür aber auch Künstler*innen wie Wolf Alice, Gurr, SXTN, The Wombats oder von Wegen Lisbeth, The Weekend und The National.

Aber Halt! Zu The National konnte man auch schon auf dem Primavera tanzen in diesem Jahr. Ebenso zu Musiklegenden wie Björk, den Arctic Monkeys oder A$AP Rocky. Aber am Ende des Tages entscheidet jede*r Festivalbesucher*in für sich selbst, zu welchen Sound es sich am besten feiert.

Wer zum Primavera möchte muss tief in die Tasche greifen

Nach einigen Jahren Festival-Erfahrungen in und um Berlin herum sind unserem Team einige Unterschiede aufgefallen. Angefangen bei den Festivalbesucher*innen war festzustellen, dass das Durchschnittsalter auf dem Primavera Sound definitiv um einiges höher war als auf Berliner Festivals, auf denen frisch gebackene Volljährige mit ihrem noch-jugendlichen Elan keine Seltenheit sind. Es mag auch an dem stolzen Eintrittspreis von 250 Euro liegen, der junge Menschen verschreckt, da selbst das elterliche Taschengeld leider nicht für diesen teuren Spaß ausreicht.

Das Besucherbild war nicht nur älterer Natur, sondern definitiv auch bunter anzusehen als auf dem Lolla. Es wirkte so, als wären die unterschiedlichsten Menschen aus Nah und Fern angereist, um sich das Spektakel anzusehen. Es ist eben kein großes Geheimnis mehr, dass eines der besten Line-Ups Europas in Barcelona auf dem Primavera Sound vorzufinden ist. Auf der Pressekonferenz wurde verkündet, dass 60% der Festivalbesucher*innen aus dem Ausland anreisen. Aber hat das Primavera dann bezüglich Lärm und Infrastruktur die gleichen Probleme wie das Lollapalooza? „Barcelona ist immer voll und hat zu Touristen“, erzählt die Floristin von ihren Erfahrungen. „Während des Festivals sind diese Massen einfach anders konzentriert. Dieser Tourismus bedeutet finanzielle Unterstützungen für diverse Unternehmen und die Steuern. Negative Aspekte sind die großen Gruppen an Menschen, Staus und Probleme mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, aber auch, dass man überall betrunkene Menschen hat. Der Witz ist, dass viele Einheimischen sich über Touristen beschweren, die sich exzessiv verhalten, dabei verhalten sie sich genauso exzessiv, wenn sie auf Partys unterwegs sind.“

Madlen ist schon auf dem Weg zur Indie-Disko-Stage.

Madlen ist schon auf dem Weg zur Indie-Disko-Stage.

„Wisst ihr, wo es hier eine Party gibt?“ – Sperrstunde in Barcelona

Konzerte und Line-Up des Primavera sind natürlich unschlagbar: Musikalisch diverse, hippe Acts auf 14 verschiedenen Bühnen verteilt und das Primavera Pro: ein paralleles Festival auf demselben Gelände, auf dem ausschließlich elektronische Acts gespielt werden. So wild das Festival ist, so schlagartig hört es aber auch auf. Verwöhnt durch Berliner Festivals, auf denen man nicht nur bis zum Morgengrauen, sondern direkt weiter in der Mittagssonne tanzt, kippt einem die Kinnlade runter, wenn die letzten Töne des DJs um 6 Uhr morgens in der zerfeierten Menge untergehen. Von Afterpartys in Barcelona keine Spur. Man fragt herum, Gerüchte von kleinen underground Partys mit Einlasscode entpuppen sich aber schnell als Mythos.

Unser Team konnte es aber nicht nehmen lassen, der Masse an Einheimischen zu folgen, die zielstrebig das Festival verließen in Richtung einer romantische Alle verließen. Ziel war ein schöner Platz umringt von Bäumen, wo es sich alle Partygänger, die noch nicht zur Ruhe kommen wollen gemütlich machen, dabei Handymucke hören und Bier aus Dosen trinken, verkauft von denen, die wissen was Festivalbesucher*innen um 6 Uhr morgens brauchen in einer Stadt in der es tatsächlich eine Sperrstunde gibt.

Primavera setzt sich für die Sichtbarkeit von Künstlerinnen ein

Mit dem schönen und erstrebenswerten Verhältnis von 50% weiblicher Acts und 50% männlicher Acts in diesem Jahr, kämpft das Primavera Sound Festival für die Sichtbarkeit für weibliche Künstlerinnen. Frauenquote ist beim Lollapalooza trauriger Weise noch nicht angekommen. In diesem Jahr gibt es genau 14 weibliche Acts aus den über 60 Acts, die insgesamt auftreten. Wie und ob das kommentiert werden muss, ist fragwürdig, es ist leider einfach nur sehr traurig und erstaunlich in einer sonst so queeren, emanzipierten Stadt wie Berlin. Das Primavera ist außerdem Teil der No Callem (we won’t keep quiet) Initiative, einer vom Stadtrat unterstützen Initiative, welche Menschen für den Bereich Clubkultur und Nachtleben im Bereich Anti-Sexuelle-Belästigung ausbildet. Es gibt trainiertes Personal für Anti-Sexuelle-Belästigung, die Bewusstsein auf dem Festival schaffen sollen. Alle Achtung Primavera Sound, ihr wisst wie man ein Festival organisiert!

Der Grüne Kiez auf dem Lollapalooza 2016.

Der Grüne Kiez auf dem Lollapalooza 2016.

Darüber hinaus ist das Primavera Sound auch noch Mitglied der Greener Festival Association, einer britischen Organisation, die nach dem Code der größtmöglichen Nachhaltigkeit auf Festivals arbeitet. In Punkto Nachhaltigkeit kann das Lolla allerdings auch etwas vorweisen: Es gibt den grünen Kiez, der sich mit nachhaltigem Handeln auseinandersetzt und einem Raum für Information bringt sowie zum Austausch über wichtige gesellschaftliche Themen anregen soll. Er gibt Einblicke in NGOs, Start- Ups, ökologische Kunst und Umwelt wie Sozialinitiativen. Man darf natürlich nicht vergessen, dass das Lolla Berlin nicht nur ein Vergnügen für Erwachsene ist, auch Kinder haben ein eigens für sie kreiertes Festival, das Kidzapalooza mit eigenem Lineup und Still- und Wickelmöglichkeiten, Verpflegungsangeboten und Verkauf von Lärmschutzkopfhörern und Aufsicht durch ein geschultes Team und Betreuer.

Lollapalooza oder Primavera? Diese Frage ist wahrlich nicht leicht zu beantworten, schließlich hat jedes Festival seine Vor- und Nachteile und was die Stadtpolitik und die Tourismusbranche angeht scheinen auch beide Festivals ähnliche Diskussionen zu entfachen. Dann vielleicht doch wieder raus aufs Land?

Text: Madlen Wittenstein

Fotos: Vivia Ronge

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