So wird in Afghanistan das Neue Jahr gefeiert

Dez 31, 2017

In meinem Heimatland Afghanistan haben wir besondere Bräuche: Beim Buzkaschi kämpfen Männer auf Pferderücken um eine tote Ziege.

In meinem Heimatland Afghanistan haben wir einen anderen Kalender als in der westlichen Welt: den Sonnenkalender. Wenn drei Monate Winter vorbei sind, dann kommt Nouruz und läutet das neue Jahr bei uns ein. An Nouruz, wie der deutsche Name „Tagundnachtgleiche“ schon verrät, dauern Tag und Nacht gleich lang. Für uns beginnt damit der Frühling.

Zehn oder fünfzehn Tage vor Nouruz putzen alle Leute ihre Häuser und kaufen sich neue Kleidung. Das erinnert mich an den Frühjahrsputz hier in Deutschland. Aber Nouruz ist eines der größten Feste Afghanistans, es dauert 40 Tage! In jeder Stadt wird es gefeiert, vor allem in der Stadt Masar-e Sharif, in der die größten Feierlichkeiten stattfinden. Aber dazu später mehr.

Neues Jahr in Afghanistan. Foto: Nazir Ekhlass

Simenak und Haft Mewah: Festessen mit Freunden

An Neujahr gibt es bei uns typisches Essen: Simenak und Haft Mewah. Hier in Deutschland vermisse ich viele Gerichte aus meiner Heimat, vor allem das Festessen. Simenak ist wie Pudding, aber sehr süß und sehr stark. Um es zu kochen braucht man Weizenkörner, Weizenmehl, Walnüsse, Pistazien und Öl.  Am Silvesterabend fangen die Frauen an, Simenak vorzubereiten – fertig wird es erst am frühen Neujahrsmorgen.

Haft Mewah ist ein weiteres traditionelles Neujahrsgericht mit sieben Trockenfrüchten, die drei bis vier Tage in einem großen Topf in Wasser eingeweicht werden. Vom ersten bis dritten Tag des neuen Jahres deckt jede Familie ganze Tische mit verschiedenem Essen. Aber Haft Mewah ist das traditionellste Essen. Wenn Gäste zu uns nach Hause kommen, sind Simenak und Haft Mewah die ersten Sachen, die sie essen müssen. Wir legen Haft Mewah in einen großen Topf und die Gäste bedienen sich daran. Oh mein Gott, wie ich mein afghanisches Essen vermisse.#

Mele Gole Sorkh: Die schönste Urlaubszeit in Afghanistan

Am ersten Tag von Nouruz bleibt man in Afghanistan zu Hause, damit alle Familienmitglieder und Freunde zu Besuch kommen können. Am zweiten Tag beginnen dann die Festtage und die Urlaubszeit. Die 40 Tage von Nouruz werden mit vielen Spielen und Musik gefeiert. Am bekanntesten ist das Musikstück Bia ke borem ba Mazar. Es läutet traditionell das neue Jahr ein und wird nur an Neujahr gesungen.

Das beliebteste Spiel während Nouruz heißt Buzkaschi. Traditionell findet es in Masar-e Sharif während des Neujahrsfests Mele Gole Sorkh statt. Das Fest heißt auf Deutsch „Fest der roten Blumen“, denn in dieser Zeit wachsen in der ganzen Stadt rote Blumen.

Buzkaschi ist ein Spiel zwischen zwei Mannschaften auf Pferden und ist sowas wie ein Nationalsport in Afghanistan. Statt mit einem Ball wie beim Polo wird das Reitspiel mit einer toten Ziege gespielt. Buzkaschi ist ein sehr altes Spiel, in Afghanistan wird es seit hunderten Jahren gespielt und gehört zu unserer Kultur. Früher versuchten so die große Familien, sich als besonders stark zu präsentieren, denn nur große Familien konnten sich um die 15 Pferde und gute Reiter leisten. Wer an Neujahr gewann, war die stärkste Familie des Jahres.

Dieses Spiel ist also unser Nationalsport – wie in Deutschland Fußball. Da sind wir noch Anfänger. Vor 30 Jahren schaute sich unser ehemalige Präsident Ustad Rabbani das erste Mal ein Fußballspiel an und fand das Spiel sehr komisch. Er fragte seinen Nebenmann: Warum spielen diese zweiundzwanzig Personen denn nur mit einem Ball? Er fuhr fort: Wenn sie alle kein Geld haben, dann kann ich für jeden einen Ball kaufen und jeder kann mit seinem eigenen Ball spielen. Andere Länder, andere Sitten eben.

Beim Buzkaschi heißen die Spieler Chopandaz, sie sind in Afghanistan hoch angesehen. Chopandaz kann nicht jeder werden, man braucht eine Ausbildung um in dem gefährlichen und taktisch anspruchsvollen Spiel zu bestehen. Bis zu 100 Chopandaz sitzen oder stehen auf dem Rücken ihrer Pferde und versuchen, die tote Ziege vom Boden aufzuheben und hinter eine Ziellinie zu bringen. Das kann sogar mehrere Tage dauern!

Mein erstes Weihnachten in Deutschland

In Afghanistan feiern wir unser neues Jahr sehr freudig und sehr lange. Viele Leute gehen mit ihren Familien oder Freunden für drei bis vier Tage in die Wüste, die zu dieser Zeit mit Gras und verschiedenen Blumen überseht ist. Am Ende unseres Herbstes habe ich immer Nachrichten über Weihnachten und Neujahr in Deutschland gehört, vor allem über Weihnachtsbäume und den Weihnachtsmann.  An meinem ersten Neujahr hier in Berlin war ich noch in einer Flüchtlingsunterkunft.  Alles war neu für mich, natürlich auch die Festlichkeiten.

Damals kam eine deutsche Frau jede Woche in unsere Unterkunft um mit den Flüchtlingskindern zu spielen. Nach ein paar Wochen sprach ich sie an und begann, sie über die Neujahrsbräuche in Deutschland auszufragen. Ihre Antwort überraschte mich: Komm doch zu mir, wir feiern gemeinsam!

Vor unserem Treffen war ich sehr ungeduldig, war es doch mein erstes Mal in einem deutschen Haus.  Dann stellte sich heraus, dass sie eigentlich den 24. Dezember meinte, also Weihnachten. Auch eine ganz neue Erfahrung für mich. Am 24. stellte mich die nette Dame erst ihrer ganzen Familie vor. Dann erklärte sie mir, was dieser Tag – Heiligabend – eigentlich bedeutet. Wie an Neujahr in Afghanistan kommt an Weihnachten die Familie zusammen, feiert und beschenkt sich. Auch ich habe an diesem Abend ein Geschenk bekommen, mein erstes Geschenk hier in Deutschland. Dieses Jahr feiere ich schon mein drittes Weihnachten hier. Mittlerweile weiß ich alles von Adventskalender bis Weihnachtsmarkt.

Mein zweites Weihnachten. Foto: Ahmad

Was mir Neujahr bedeutet

Für mich hat die Jahreswende zwei Bedeutungen. Ich bin glücklich und traurig zugleich. In Afghanistan feiern wir unsere Geburtstage nicht, ich habe also an dem Tag nie Geschenke bekommen. Aber wenn das neue Jahr kommt, dann feiern wir, dass wir ein Jahr älter geworden sind.  Die Eltern kaufen den Kindern neue Kleidung und kleine Geschenke. Allerdings können sich das leider nicht alle in Afghanistan leisten. Als ich aufgewachsen bin, habe ich viele Leute in Armut gesehen, die das Neujahrsfest nicht feiern konnten. Als das Fest dann kam, habe ich für mich auch keine neuen Sachen gekauft. Ich wollte mit den anderen Leuten gleich sein. Und es tut mir sehr weh, wenn ich neue Klamotten habe und andere Personen nicht.

Für mich wäre das schönste und größte Fest der Tag, an dem alle Menschen auf der Welt das gleiche Leben haben.

Autor: Ahmad Wali Temori

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