Sehsüchte Festival 2021 – Interview zur 50. Jubiläumsausgabe

Jul 19, 2021
Nina Dekker und Phillip Eichel

Das Sehsüchte Festival 2021 steht kurz bevor! Im Interview gewähren die Programmkoordinator*innen Einblicke in ihre Arbeit und das diesjährige Programm.

Vom 21. bis zum 25. Juli findet das Sehsüchte Festival 2021 statt. Was vor einem halben Jahrhundert als studentisches Filmfestival in der damaligen DDR begann, hat sich heute zur einzigartigen Plattform für den internationalen Nachwuchsfilm entwickelt. Auch die diesjährige Jubiläumsausgabe bringt unter dem Motto „ignite“ wieder Filmemacher*innen aus aller Welt zusammen.

Dass ein Filmfestival auch während der Pandemie möglich ist, bewiesen die Veranstalter*innen bereits im letzten Jahr – wir waren dabei.

Im Corona-Jahr mussten auch die Veranstalter*innen der Konrad Wolf Universität in Potsdam-Babelsberg kreativ werden. Das Festival wird, wie schon im letzten Jahr, als Hybridfestival sowohl online, als auch offline stattfinden. Im Interview erklären die Programmkoordinator*innen Nina Dekker und Philipp Eichel, wie die Planung während der Pandemie ablief und geben erste Einblicke ins Programm.

Nina und Philipp im Interview

Zunächst die hard facts: Wie viele Filme aus wie vielen Ländern laufen denn im diesjährigen Programm? Und wie viele Einreichungen gab es?

Nina: Insgesamt haben wir 107 Filme aus 35 Ländern im Programm, die Spezialprogramme (Future, Retrospektive, Fokus Produktion, Showcase und 360°) miteingerechnet. Eingereicht wurden über 1000 Filme!

Wie läuft der Auswahlprozess ab?

Philipp: Der Startschuss war der Call for Entries im November 2020, d.h. von da an konnten Filmemacher*innen ihre Filme einreichen. Direkt am Wochenende danach fand das erste gemeinsame Gruppensichten mit allen Teammitgliedern des Programms im Kino in der Filmuniversität statt. Von Ende November bis zur ersten Februarwoche wurde zu zweit gesichtet, auch über Weihnachten.

Nina: Jeder Film wird von zwei Personen aus dem Sehsüchte-Team gesichtet, die dann gemeinsam entscheiden, ob dieser in die nächste Phase aufgenommen wird. So entsteht eine solide Vorauswahl und das gesamte Team erhält die Möglichkeit in die Filmeinreichungen reinzuschnuppern.

Philipp: In den letzten drei Februarwochen ging es dann direkt mit der Gruppensichtungsphase weiter. Dabei wird jeder Film, der im Zweiersichten ein grünes Licht erhalten hat, noch einmal mit dem ganzen Team des Hauptprogrammes geschaut. Im Anschluss hat dann jedes Teammitglied eine Stimme und es wird final für oder gegen den Film gestimmt. In der ersten Märzwoche haben wir angefangen zu programmieren, d.h. die Auswahl finalisiert und die Filmblöcke zusammengestellt.

Aus Finnland stammt der Animationsfilm „Takamaan Tapauksi – Tales of the Outback“

Festivalkoordination im Corona-Jahr

Ihr koordiniert dieses Jahr das Programmteam. Wie war das für euch Beide?

Philipp: Dieses Jahr musste der gesamte Prozess digital organisiert werden, was eine ganz neue Erfahrung war.

Nina: Jede*r sitzt alleine in seinem Zimmer, da ist das Sichten und Programmieren der Filmblöcke definitiv eine Herausforderung.

Habt ihr Auswirkungen auf die Motivation oder die Gruppendynamik bemerkt?

Nina: Wir haben die Filme parallel geschaut und über Zoom diskutiert. Ich war echt überrascht, wie gut das funktioniert hat! Es sind interessante Diskussionen entstanden, obwohl es natürlich etwas gedauert hat, die anderen kennenzulernen und sich wohlzufühlen.

Philipp: An dieser Stelle ein ganz großes Lob an unser Team, auf das wir uns immer verlassen konnten und die das Ganze – trotz der schwierigen Umstände – durchgezogen haben. Das ist nicht selbstverständlich.

Nina: Ja, es war nicht immer einfach und vor allem viel Arbeit. Ohne Durchhaltevermögen geht das nicht. Auch wenn wir am Ende müde waren, gab es eine tolle Gruppendynamik.

Philipp: Am Ende konnten wir gut einschätzen, worauf der*die Andere beim Filmeschauen achtet und wert legt: Ob auf Ästhetik, auf Action oder mehr auf die gesellschaftlichen und politischen Aspekte. Das war total bereichernd! Dass einem noch einmal klarer wird: worauf achte ich eigentlich bei Filmeschauen und worauf achten die Anderen? Wir hatten in der Gruppe eine gute Mischung aus unterschiedlichen Perspektiven.

Warum gerade „Spalter“ das Programm bereichern

Gab es große Meinungsunterschiede?

Nina: Jede*r hat die Erfahrung gemacht, dass ein Film, den man selbst sehr mochte, es nicht geschafft hat oder ein Film, den man selbst nicht so mochte, andere begeistert hat. Wir haben aber alle unsere größten Favoriten im Programm. Dafür hatten wir ein System, dass die sogenannten „Spalter“ (Filme, die das Team gespaltet haben) bevorzugt. Das macht unser Filmpropgramm so interessant! Zudem haben wir uns am Leitbild des Festivals orientiert. Wichtig war uns zudem, ein diverses Programm zusammenzustellen – vor und hinter der Kamera.

Philipp: Das kann ich nur unterstreichen. Wir haben darauf geachtet, dass gesamtgesellschaftlich gesehen auch Stimmen zu Wort kommen, die so nicht unbedingt im Alltag Gehör finden. Aber auch auf transnationaler Ebene war uns wichtig, dass wir andere Perspektiven zeigen können – bezogen auf Themen wie Feminismus oder soziale Ungerechtigkeiten.

Wie habt ihr dieses Jahr die Filmblöcke zusammengestellt?

Nina: Manche Filmblöcke sind aus thematischen Gründen entstanden, durch beispielsweise ähnliche gesellschaftspolitische Fragen, welche die Filme ansprechen. Manche Blöcke sind auf einer formellen Ebene, also durch die Filmform selbst, entstanden. Die sechs Shortlists haben uns besonders Spaß gemacht in der Programmierung! Eine Shortlist besteht nur aus Filmen mit Wasserszenen (lacht).

Wie sieht es dieses Jahr mit den Q&A’s der Filmschaffenden aus? Viele können aufgrund der Pandemie nicht anreisen…

Nina: Wir haben von den meisten unserer tollen Filmemacher*innen die Q&A’s in Form eines kurzen Videos erhalten. Aber, wenn das Filmteam es denn schafft da zu sein, werden wir dieses Jahr einige Q&A’s zusätzlich live auf der Bühne in den Kinos durchführen können. Darauf freue ich mich ganz besonders.

Philipp: Uns ist es wichtig, dass trotz der Umstände die Filmemacher*innen zu Wort kommen. Denn der Austausch zwischen Publikum und Filmteam ist ein zentraler Bestandteil eines Filmfestivals.

„El silencio del rio – The Silence of the River“ von Regisseurin Francesca Canepa ist ein Film aus Peru und läuft in der Sektion „Bester Spielfilm kurz“

Was sich in diesem Jahr besonders lohnt

Was sind dieses Jahr eure ganz persönlichen Favoriten?

Philipp: So konkret können wir leider nicht werden, aber was wir sehr empfehlen können, sind die Shortlists! Die haben alle Feuer…

Nina: Ich finde die Filme besonders interessant, die nicht so europäisch zentriert sind. Wir haben verschiedene Filme, z.B. aus Lateinamerika, aus Peru, aus Kolumbien, Mexiko, Argentinien…

Philipp: Auch aus Israel und Südkorea und unsere Highlights aus Finnland! Sehr interessante Filme, die mit der Seh- und Hörerfahrung spielen.

Nina: Wie man merkt, gibt es genug zu entdecken!

Vielen Dank an Charlotte Hochegger, die für uns das Interview führte.

Einen Vorgeschmack auf das Sehsüchte Festival 2021 im Trailer:

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