Outing früher und heute – Interview und Erfahrungsbericht von DIGGA

Sep 20, 2020

Unsere Jugendredaktion DIGGA beschäftigt sich auch nach dem #pridemonth mit dem Thema Homosexualität. Wie fühlt sich Outing an? Und wie war es noch vor 20 Jahren?

Sich im Jahr 2020 zu outen ist für viele junge Menschen immer noch schwerer, als man angesichts von Regenbogenflaggen vor Supermärkten, digitalen Prides und Drag-Shows im Privatfernsehen denken könnte. Wie reagieren Mitschülerinnen, Arbeitskollegen, gute Freunde und die eigene Familie aufs Outing? Und wie reagieren Menschen, die man gar nicht kennt, wenn man sie mit dem Thema Homosexualität konfrontiert?

Im DIGGA Talk hat Florence mit Ulrich Keßler und Christopher Schreiber vom Lesben und Schwulen Verband Deutschland LSVD gesprochen. Die Bürgerrechtsorganisation setzt sich für gleiche gesellschaftliche Teilhabe in allen Lebensbereichen ein, das Thema Outing spielt natürlich auch hier eine große Rolle.

„Das ließ sich nicht mehr verheimlichen“

Ulrich, der bereits seit 1994 im LSVD Vorstand sitzt und sein Outing bereits vor 30 Jahren hatte, weiß noch genau, wie schwer es für ihn war, seiner konservativen Familie zu erzählen, dass er homosexuell ist: „Mein Coming-Out hatte ich bedeutend früher, als ich dann in der Lage war das meinen Eltern zu sagen. Das hab ich glaub ich erst getan, als ich 30 Jahre alt war und erstmals mit einem Mann zusammengezogen bin. Da ließ sich das dann nicht mehr verheimlichen.“

Doch was hat sich seitdem getan? Im Gespräch werden die letzten Jahre etwas genauer betrachtet und aktuelle Sensibilisierungskampagnen und Projekte des LSVD Verbands, wie das „Bündnis gegen Homophobie“, vorgestellt.

„Auch wenn Vieles besser ist, ist es ja heutzutage noch weit davon entfernt, Teil gesellschaftlicher Normalität und Akzeptanz zu sein, wenn man eine andere geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung hat.“ erzählt Christopher. Gerade deshalb sei es wichtig, mit Kampagnen für Sichtbarkeit zu sorgen.

„Vorbilder sind einfach wichtig“

Diese Sichtbarkeit herzustellen, ist im Vergleich zu früher durch soziale Medien leichter geworden: Während vor ein paar Jahren die Anzahl an homosexuellen Vorbildern medial noch recht klein war, schaffen Instagram, Tik Tok und Co. heute das, was im echten Leben noch schwer fällt. Und gerade das braucht es oftmals, um den Mut zum eigenen Outing zu fassen, erklärt Christopher: „Vorbilder sind einfach wichtig. Ich glaube, wenn ich damals in der Schule ein Vorbild gehabt hätte – eine geoutete Lehrperson oder einfach Mitschüler, die ‚out and proud‘ sind – ich glaube dann wäre es mir auch leichter gefallen. Dann hätte ich mich vielleicht auch getraut mich in der Schule zu outen.“

Getraut hat sich auch Florence, im letzten Jahr schon. Für DIGGA teilt sie ihre ganz persönlichen Erfahrungen und ihre Ansicht auf die Gesellschaft in dem Zusammenhang mit uns:

Ein persönlicher Erfahrungsbericht: Mein Outing

„Alles begann für mich letztes Jahr im Oktober. Ich habe mich geoutet. Dies ist der Anfang meiner Story und der Punkt, wo sich mein Leben geändert hat. Meine Eltern bzw. meine Mutter und mein Stiefvater haben davon mitbekommen. Meine Geschwister sind noch zu klein, um es zu verstehen und mein Vater? Vor etwa zwei Monaten war ich bei ihm und meiner Oma. Zitat meiner Oma :“ Wenn dein Vater herausfinden würde, dass du auf Mädchen stehst, was du zum Glück nicht tust, dann würde er sich lieber umbringen“ ~  „Naja, ich kann dann halt leider nicht ändern, dass du meine Tochter bist.“ ~ war alles was mein Vater zu sagen hatte. Sätze, die mir jetzt noch in den Ohren liegen.

Als sie das gesagt haben, war ich den Rest meines Aufenthaltes nicht gut drauf, besser gesagt, habe ich sie nur noch angemotzt. Hat mir das was gebracht? Wird das was ändern? Nein, wird es nicht. Bis heute hat unsere Gesellschaft keine Ahnung, was es heißt „anders“ zu sein. Man ist nicht mal anders.

“Anders sein”

Da draußen sind so viele Menschen, die genauso auf das gleiche Geschlecht stehen oder weiß ich was. Man sagt immer: „Sei du selbst.“ Wie soll man sich selbst treu bleiben, wenn man genau dann von der Gesellschaft abgestoßen wird. Richtig, es ist nicht möglich. Es gibt so viele Menschen da draußen, die so denken wie ich. Menschen, die nicht zu sich selbst stehen, weil sie Angst haben, Angst vor der Gesellschaft.

Ein Problem, was man auch wenn man es nur ändern möchte, nicht kann. Stand jetzt ist die Menschheit zu dumm dies zu akzeptieren. Ich bin es genauso leid, mich selbst nicht zeigen zu können, weil ich Angst habe gedemütigt zu werden. Was mach ich dann? Nichts. Man hält sich zurück und gibt jedes Mal vor jemand anderes zu sein. Sicherlich gibt es auch sehr viele Menschen denen es egal ist, aber so viel Selbstbewusstsein haben nicht alle. Ich würde mich auch gerne offiziell outen. Zu gerne würde ich einen Regenbogen in meinen Status stellen und posten, was ich möchte.

Unterstützung

Ich kann es aber nicht, weil ich auch Leute in meiner Klasse habe, die damit nicht ok sind. Zu oft habe ich schon darüber nachgedacht und in letzter Zeit immer  mehr. Es ist wie eine Bombe in mir, die darauf wartet zu explodieren. Ich möchte gerne zu dem, wer ich bin, stehen. Ich überlege es schon sehr lange, es ist dennoch nicht nur das. Außerdem gibt es die Leute, die sagen sie supporten einen und am Ende bekommt man Kommentare, wie: „Warum bist du mit einem Mädchen zusammen, wenn du auch mit einem Jungen zusammen sein kannst.“ zu hören. Diese Leute unterstützen einen, habe aber eigentlich keine Ahnung davon. Man sucht sich nämlich nicht aus, wen man liebt und wen nicht.

Einige stehen eben auf Mädchen, andere auf Jungs und wieder andere wollen vielleicht ihr Geschlecht ändern. Dann sollen sie doch machen. Wir sind eigentlich alle frei und ich würde mir wünschen, dass man ohne Angst einfach zu sich selbst stehen könnte. Dies ist ein Ziel, was ich denke, aufgrund Gesellschaftlicher Normen, sehr schwer zu erreichen ist. Diese Normen sollte man mal in den Boden treten und Menschen nicht danach beurteilen. Man könnte Ihnen mit Akzeptanz helfen und einfach mal eine Chance geben. Also Integrieren in die Gesellschaft. Integration lautet das Stichwort.“

Erfahrungsbericht & Moderation DIGGA Talk: Florence, Titelbild & Einleitung: Lisa Slaby

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