30 Jahre friedliche Revolution – Perspektivwechsel: Zwei Migrantinnen über den Mauerfall

Nov 11, 2019
zwei Frauen stehen vor der Berliner Mauer

Friedliche Revolution und Mauerfall werden zumeist als deutsch-deutsche Geschichte verstanden. Aber wie denken Menschen, die nicht in Deutschland geboren wurden aber seit Jahren hier leben über die ehemalige Trennung Deutschlands?

Unsere Volontärinnen Nyima Jadama und Rama Aldarwish haben für das Tagesspiegel Projekt #jetztschreibenwir aus ihrer Perspektive über den Mauerfall geschrieben:

„Jede Mauer sollte abgebaut werden“

„Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten“: Viele Deutsche erinnern sich an diese Aussage Helmut Kohls.  Aber wie ist es, wenn man eine ganz andere Vergangenheit hat als die meisten Menschen in diesem Land, eine Vergangenheit, in der man Krieg erlebte? Wie kann man die Vergangenheit und Gegenwart seines Zufluchtsorts kennen lernen? Und welche Zukunft wird man gestalten? 

Das syrische Volk muss das Jubiläum des Staatsstreichs feiern

Als die Grenzen der DDR geöffnet wurden, war ich ein sechsjähriges Mädchen in Damaskus. Im November feierten die Deutschen den Mauerfall, währenddessen feierte die alleinherrschende Partei in Syrien, Al Baath, ihre so genannte „Korrekturbewegung“, den Staatsstreich von Hafes Al-Assad im Jahre 1970. Wir als Volk müssen mitfeiern und sollen den 16. November mit Freude als nationalen Feiertag akzeptieren.

Am 19. Januar 1989 sagte Erich Honecker: „Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt werden“. Solche Argumente bekamen wir auch von den politischen Institutionen der Al Baath-Partei zu hören, wenn jemand forderte, den Ausnahmezustand aufzuheben. Dieser Ausnahmezustand in Syrien bedeutet, dass wir nicht gegen die Machthabenden demonstrieren dürfen. Wir können keine politische Partei bzw. Verein oder Forum gründen.

Eine große Mauer zwischen uns und unseren verwundeten Städten

Seit 50 Jahren hat sich diese Partei nicht verändert, sondern sie hat das gesellschaftliche Gefüge zerstört. Sie hat keine Fortschritte in der Infrastruktur und Wirtschaft vorangetrieben, sondern unser Land zu ihrem Vorteil ausgenutzt.

Als die syrische Revolution 2011 begann, versprach das Assad-Regime den Ausnahmezustand aufzuheben. Dann wurden die Protestierenden von den Soldaten mit Panzern und Waffen angegriffen. Das Massaker wirkte als Abschreckung gegen die friedliche Aufstandsbewegung. Syrien blutet, und es wurde eine große Mauer zwischen uns und unseren verwundeten Städten aufgebaut. 

Eine junge Frau mit Kopftuch vor der Berliner Mauer
„Jede Mauer sollte abgebaut werden“, sagt ALEX Volontärin Rama

Ich frage mich: Kann es sein, dass ich Damaskus niemals wiedersehen werde? Diese Frage lässt mir keine Ruhe. Die Leute stellen eine ganz andere Frage: Glaubst Du an eine politische Änderung in Syrien, und falls das passiert, würdest du nach Syrien zurückkehren? 

Diese beiden Fragen sind für mich sehr schwierig zu beantworten. Mir ist klar geworden: Es wird auf absehbare Zeit keine politische Änderung zur Demokratie hin in Syrien geben. Deswegen wird Deutschland meine zweite Heimat sein. Dieses Land wird tiefgreifenden Einfluss auf meine Kultur, Sprache, Bewusstsein und Gedächtnis ausüben. 

Wie stellt man sich die Zukunft vor?

Dank der friedlichen Revolution 1989 haben die Menschen in Ostdeutschland die Freiheit und die Demokratie zurückgewonnen; andererseits haben viele Leute ihre Arbeitsplätze verloren, manche sind ärmer geworden und manche mussten ihre Heimatstädte verlassen. Dafür brauchen sie eine Entschädigung. Alle, die wir in Deutschland leben, müssen an den Herausforderungen arbeiten, mit denen dieses Land konfrontiert wird.

Die Wende passiert nicht nur einmal, jede Mauer sollte abgebaut werden. Davon träume ich auch für Syrien. Der Krieg hat so viel weggerissen, außer dem weiter bestehenden Wunsch nach einer friedlichen Revolution in Syrien. Die Ziele der syrischen Revolution werden nicht für ewig unerfüllt bleiben.  Es gibt noch so viele, die ihr Leben für eine syrische Revolution geben würden. Das oberste Ziel ist, dass das Land nicht mehr von der Al-Baath-Partei diktatorisch regiert wird. Wenn die Revolution dieses Ziel erreicht hat, wird sie Gerichtsverfahren gegen die Kriegsverbrecher und eine Entschädigung für die Opfer in Syrien mit sich bringen. 

Text: Rama Aldarwish

„Es erinnerte mich an die 22 Jahre Diktatur in meinem Land“

Vor vier Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich jemals eine Verbindung zur deutschen Geschichte haben könnte – und noch vor einem Jahr hatte ich keine wirkliche Vorstellung von der Geschichte der Mauer. Das änderte sich erst, als ich das Glück hatte, bei einem Studentenausflug mit der Kiron University die East Side Gallery in Friedrichshain besichtigen zu dürfen.

Die Geschichte der Mauer an der East Side Gallery

Es war ein trockener, windiger Tag, und um die East Side Gallery herum herrschte viel Betrieb, als wir mit den vielen anderen Touristen um die Reste der Mauer herumgingen, fotografierten und unserem Stadtführer zuhörten. Er erzählte uns von dem einzigartigen Ereignis des Mauerfalls und dem historischen Hintergrund, und ich wurde von meinen Gefühlen überwältigt.

Eine junge Frau mit Kopftuch vor der Berliner Mauer
An der East Side Gallery ist Nyima erstmals mit der Geschichte der Berliner Mauer in Berührung gekommen

Meine Gedanken drehten sich um den Kolonialismus, um die vielen Filme und Geschichten, die ich über die Sklaverei in Afrika gesehen und gehört habe. Ich habe drei Jahre lang im Dreiländereck zwischen der Schweiz, Frankreich und Deutschland gelebt, ungefähr 800 Kilometer von Berlin. In Lörrach habe ich zwar von der Mauer gehört, aber ich konnte keine Vorstellung davon gewinnen, wie es für die Deutschen war, eingesperrt und getrennt von ihren Liebsten zu leben, wie sie den Mauerfall und die Einheit Deutschlands erlebt haben. Erst vor einem Jahr bin ich nach Berlin gezogen, ich arbeite, lerne und lebe im Herzen der Stadt, ziemlich genau dort, wo die Mauer stand. Meine Wohnung ist nur einige Gehminuten vom Mauerpark entfernt, von der Gedenkstätte Berliner Mauer und der berühmten Bernauer Straße.

Dort gehe ich oft spazieren und vertiefe mich in die Bilder und Geschichten, die dort ausgestellt sind. Kurz nach meinem Umzug nach Berlin war ich bei einer Weihnachtsfeier in Brandenburg eingeladen. Der Großvater meines WG-Mitbewohners erzählte mir von seinen eigenen Erfahrungen während der Zeit, als die Mauer stand und fiel. Durch meine Gespräche mit Jörg Hildebrandt erfuhr ich, wie sehr die Berliner und DDR-Bürger in dieser Zeit gelitten haben. Das hat mir wehgetan. Denn es erinnerte mich an die 22 Jahre Diktatur in meinem Land. Ich hatte immer gedacht, Deutschland sei ein hoch entwickeltes europäisches Land – mir war nicht klar, dass es auch hier so furchtbare Zeiten gegeben hat.

Sind wir ein Teil der Geschichte des Mauerfall?

Für viele Berliner war der Tag der Maueröffnung der schönste Tag ihres Lebens: der Tag, an dem sie nach einer friedlichen Revolution ihre Stadt und ihre Freiheit zurückgewannen. Das erinnert mich an den Tag vor zwei Jahren, als mein Land das Ende der Diktatur feierte – wie gerne wäre ich dort gewesen, um in den Straßen von Banjul mit den anderen Gambiern zu feiern! Der Fall der Mauer am 9. November 1989 ist aus meiner Sicht nicht nur ein Fest für Deutsche, sondern auch für Migranten und Flüchtlinge. Es gibt im Englischen die Redewendung „He who feels it knows it“ (Wer es fühlt,weiß es) – wenn Menschen so tiefgreifende Erfahrungen gemacht haben wie die Deutschen mit der Teilung und Wiedervereinigung, dann kann das die Toleranz und das multikulturelle Verständnis fördern.

Aber sind wir ein Teil dieser Geschichte, wir, die Migranten und Flüchtlinge? Auch drei Jahrzehnte danach wird die Geschichte von Mauerfall und Wiedervereinigung vor allem als eine weiße deutsche Geschichte gesehen. Meine Hoffnung, mein Traum ist, dass der Gedanke der Einheit weiter gefasst wird und alle einschließt. Wir sind vielleicht kein Teil Deutschlands von Anfang an, aber ich träume davon, dass Deutschland ein kosmopolitischeres Land werden wird, in dem alle Flüchtlinge und Migranten Bewegungsfreiheit genießen und Aufenthaltserlaubnisse erhalten.  

Text: Nyima Jadama

Zwei junge Frauen mit Kopftuch lächeln in die Kamera
Die Autorinnen Nyima Jadama und Rama Aldarwish haben für das Tagesspiegel Projekt #jetztschreibenwir aus ihrer Perspektive über den Mauerfall geschrieben.

Die Texte zum Mauerfall erschien zuerst beim Tagesspiegel unter dem Projekt #jetztschreibenwir. Das mehrfach preisgekrönte Tagesspiegel-Projekt, das von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Robert Bosch Stiftung unterstützt wird, lässt regelmäßig Exiljournalisten zu aktuellen Themen zu Wort kommen.

Fotos: Ali Hassanpour

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