Brain on XANAX bei der Berlin Art Week

Sep 15, 2016

Unsere Autorin Mai Itskovitch ist zum ersten Mal bei der Berlin Art Week. Ein spannendes Kunsterlebnis mit der Performance “Brain on XANAX” und mit Führungen durch einen geheimen DDR-Keller.

Um mir die Performance Brain on XANAX von Puppies Puppies anzusehen, gehe ich an meinem zweiten Tag der Berlin Art Week zur Akademie der Künste. Es handelt sich hierbei um einen Mann, der als Gehirn verkleidet ins Foyer geführt wird, sich dort zwischen Installationen legt, um dann stundenlang da zu liegen und sich ab und zu etwas zu bewegen. Diese Performance lässt nicht nur bei mir Fragezeichen aufkommen. Dennoch berührt mich die Performance von dem Verkleidungskünstler Puppies Puppies. Er präsentiert einen nicht nur marginalen Teil seiner Lebensrealität. Xanax gehört in Amerika zu den meist verschriebenen Pharmazeutika und wirkt angstlösend. Allerdings ist Xanax durch eine starke Pharamalobby schnell eine Art legale Volksdroge in den Vereinigten Staaten geworden und birgt wie andere Drogen die Gefahr der körperlichen als auch psychischen Abhängigkeit. Auch hat Xanax eine Menge Nebenwirkungen. Diese reichen von Verwirrtheit, Gangunsicherheit und Muskelzittern bis hin zu Halluzinationen, Alpträumen und Aggressivität. Beim abrupten Absetzen des Medikaments kann es sogar zu  Angstzuständen und psychotischen Realitäts- und Persönlichkeitsverlusten kommen. Im Fall von Brain on XANAX will Puppies Puppies verdeutlichen was das Medikament bzw. die zerstörerische Droge mit dem Menschen anrichten kann. Mit besonderem Humor, speziellem Geschmack und Überzeugung, zieht er die Leute in seinen Bann oder zumindest einen Blick auf sich.

Puppies Puppies als Brain verkleidet zwischen den Installationen

Puppies Puppies als Brain verkleidet zwischen den Installationen.

Installationen in der AdK.

Installationen in der AdK.

The Feuerle Collection zur Berlin Art Week

Wie ich schon in meinem ersten Blogbeitrag zur Berlin Art Week schilderte, ist die vor fünf Jahren eingeführte Messe für zeitgenössische Kunst ein spannendes Schaulaufen für Kunstsammlende, Künstler und Künstlerinnen und Kunstinteressierte. Mit ihren zahlreichen verschieneden Ausstellungsräumen passt sie perfekt zur immer relevanter werdenden Szene der contemporary art in Berlin. Dennoch scheint die Berlin Art Week in der Krise. Ausstellungsorte wurden gekürzt. Es fehlt an Geld. Hoffentlich nimmt sich die Kulturpolitik Berlins der Zukunft der Kunstmesse im nächsten Jahr etwas mehr an. Die Inhalte der Week, die Kunsschaffenden dahinter und die Galeristen, die den Künsterlinnen und Künstlern Raum für Ideen und ihre Ausstellung bieten, begeistern mich.

Noch immer überrascht von der Xanax-Performance husche ich zur Feuerle Collection, um mir eine weitere anzusehen und meinen Durst nach noch mehr Innspirationen zu stillen. „Diese Location ist ja voll mein Ding“, denke ich beim Öffnen der schweren Tür und Betreten des Betonklotzes. Zwei Ketten hängen von der Decke und führen ins Untergeschoss. Einen Blick auf die Ausstellung geworfen, merke ich, dass diese doch nicht ganz mein Fall ist: Aneinandergereihte Bilder von Händen mit Handys, der Schriftzug „SORRY“, weitere Bilder von Händen mit Handys oder Tablets in Fingern, wieder ein Bild mit einem ähnlichen Schriftzug, „SORRY NOT SORRY“ und Hände und Ende.

Ein Exemplar von Hands "Für mich", 2014–16 von Josephine Pryde

Ein Exemplar von Hands “Für mich”, 2014–16 von Josephine Pryde

In der Feuerle Collection // Ein Bild von Hands "Für mich"

In der Feuerle Collection // Ein Bild von Hands “Für mich”

Hands „Für mich“ von Josephine Pryde hat mich in dem Moment nicht gepackt. Man muss ja nicht alles mögen. dennoch finde ich den Grundgedanken dahinter spanndend und wichtig, denn ich nehme an die Bilderreihe solle die Digitalisierung und die damit verbundene Ablenkung von der Realität thematisieren. Dabei sollen Prydes fotografischen Werke in Form von Makro-Aufnahmen mit Händen und technischen Geräten die Verbundenheit zwischen der Hand und den unterschiedlichen Transmittern vergrößern. Auch an der Parallelwand und im Raum verteilt stellen Berliner Künstler aus. Es hängen Window seats von Yngve Holen in Reihe an der Wand, GUAN Xiaos Skulpturen waren auch Teil der Ausstellungen, so wie Leinwände auf denen teilweise Projektionen aus der DDR zu sehen waren. Nun zu der Performance,  zu welcher ich eigentlich erschienen bin. SONIC CRIPSIS. Konzipiert von Daniel Steegmann Managrané. Der Flötist spielt seine Komposition und bewegt sich dabei durch die Ausstellungshalle. Sein Flötenspiel wirkt sehr experimentell und sein Auftreten nicht aufregend. In dieser Performance übersetzt der Flötist in seinem Flötenspiel einen geheimen Soundtrack.

Flötist vor einer LEinwand in einem wenig beleuchteten Raum bei der Berlin Art Week

Flötist bei der Berlin Art Week

Ab in den Keller

Auf, zurück in die AdK. Brain liegt immer noch da und ich nehme jetzt an der Führung durch den alten DDR-Keller teil. Als ich die Schwelle von neuem zu altem Kellerboden überschreite, überkommt mich ein merkwürdiges Gefühl. Eine Art Wucht. Wir stehen in einem Stück Geschichte. Man fühlt sie. Carolin Schönemann führt uns, eine Gruppe von Besuchern der Akademie, durch den sogenannten “Bilderkeller”. Wir betreten den unsanierten, damals als Kohlelager genutzten Keller auf „eigene Gefahr“: „Bitte nicht an die Wände lehnen, keine Fotos schießen…”.

Die Malkünste an den Wänden haben sich seit 1957/58 ziemlich gut erhalten. Von Balladen, Gedichten, Sprüchen und Mythen, die in bunter, malerischer Form an die Wände gebracht sind, lädt der Keller zum Fantasieren und Analysieren ein. Damals besetzten Kunstschüler den Keller, besorgten sich Farbe und begannen zu malen. Sie malten so, wie sie in den Ateliers nicht malen durften. Deshalb sei der Bilderkeller, „auch ein Dokument der inoffiziellen DDR-Kunst“, so Schönemann. Zur damaligen Zeit waren die Malereien noch stilistische Experimente fern vom offiziellen DDR Kunstbetreiben. Heute nimmt sie eine eigene kunsthistorische Bedeutsamkeit ein. Die Malereien erzählen eindrucksvoll Geschichten der Zeit, die einen kritischen Subtext erlauben. Stilistisch sind die Werke unterschiedlich, da vier Meisterschüler der Akademie an den Wänden arbeiteten. Harald Metzkes, Horst Zickelbein, Manfred Böttcher und Ernst Schroeder. Wie viele junge Menschen feierten diese Herren gerne und Fasching ist natürlich ein besonderes Fest. „Man ging dann im Februar in den sehr warmen Kohlekeller, wo die Kohlen weggeräumt und die Wände ausgemalt wurden.“ erzählt uns Frau Schönemann. Das als Hauptwerk deklarierte „Das Gastmahl des Wilddiebes“, welches die Wand am Ende des Kellerflurs bedeckt hat wurde vor Baumaßnahmen gerettet, indem die gesamte Wand ausgeschnitten wurde. Diese darf ich dann auch fotografisch festhalten, denn sie hat einen neuen, geschützten Platz im Erdgeschoss der Akademie.

„Das Gastmahl des Wilddiebes“ hat was von da Vincis Abendmahl und es wird vermutet, dass Metzges vom Brecht‘schen Theater angeregt war, worauf das Bild zurückgehen könnte. Es könnte sich ebenso um einen Bühnenaufbau handeln. Auch Picassos Absinthetrinkerin und die schwebenden Figuren von Chagall sind im Werk zu entdecken.

Das Gastmahl des Wilddiebes – Harald Metzges // Das Bild hat was von Da Vincis Abendmahl und es wird vermutet, dass Metzges bei diesem Werk vom Brecht‘schen Theater angeregt war. Es könnte sich ebenso um einen Bühnenaufbau handeln. Auch Picassos Absinthtrinkerin und die schwebenden Figuren von Chagall sind im Werk zu entdecken.

Später, womöglich im Frühjahr, soll der Keller eventuell zu einer kleinen Dokumentationsausstellung werden und für Gruppen zur Besichtigung zur Verfügung gestellt. Bis dahin gibt es noch viel Unbekanntes für Restauratoren und Kunsthistoriker zu entdecken. Ob Kunst oder nicht, ich hab Gefallen an jedem Ort gefunden, den ich bei der Art Week besucht habe. Ich wurde mitgerissen, inspiriert und auch gelangweilt. Dennoch empfehle ich jedem wenig- und auch vollinteressierten Menschen, sich diesem Spektakel hinzugeben, denn für alle ist etwas Interessantes bei dieser Veranstaltung zu finden. Was Kunst ist und was nicht, will ich gar nicht diskutieren, für mich war auch die „Kunstfreie-Zone“ ein Raum der Kunst. Irgendwie kann doch alles als Kunst inszeniert werden, oder nicht!?

Text: Mai Itskovich

 

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