Mein neues Selbst

Mai 29, 2019
drei Frauen und ein Mann stehen nebeneinander und lächeln in die Kamera

Mutiger oder schüchterner? Wie sich Neuankömmlinge fühlen, wenn sie eine fremde Sprache lernen.

Vielleicht gibt es einen anderen Charakter, der sich in uns versteckt und beim Erlernen einer neuen Sprache sichtbar wird? Wenn wir in unserer Muttersprache sprechen, sind wir zuversichtlich, intelligent und können Witze machen.

Einige Leute sind sogar sehr eloquent, die Worte fließen natürlich und scheinbar ohne Anstrengung aus ihnen heraus. Aber wenn wir wegen eines Krieges oder für ein Studium das Land wechseln, müssen wir eine neue Sprache lernen und das ganze Leben umkrempeln, um es der neuen Gegenwart anzupassen. Viele Menschen merken: Wenn sie in einer anderen Sprache sprechen, klingen sie ein bisschen wie eine andere Person. Besonders die Neuankömmlinge in Europa stellen fest, dass sich nicht nur ihr Leben, ihre Umgebung und ihre Bekanntschaften verändert haben, sondern auch ihre Persönlichkeit.

Eine neue Persönlichkeit

Wenn Menschen beginnen, eine Fremdsprache zu lernen, klingen sie erst sehr förmlich. Das liegt daran, dass sie die Sprache anders lernen als sie im Alltag benutzt wird. Sie wollen alles richtig machen. „Mein Deutsch ist so formell, ich spreche, als wäre ich ein Militäroffizier. Ich fühle mich unsicher dabei und bin gleichzeitig sehr neugierig“, sagt Rima, 28 Jahre, Palästinenserin aus Damaskus. Von Beruf ist sie Journalistin. Aber sie fühlt sich wie ein kleines Mädchen, das in die erste Klasse geht und alles neu lernt. Sie findet: „Jede Sprache offenbart eine neue Persönlichkeit. Wenn ich Englisch spreche, geht es mir anders. Dann fühle ich mich wie eine selbstbewusste und aufgeschlossene Person und kann intellektuell anspruchsvolle Unterhaltungen führen.“

In einer Fremdsprache ist es schwierig, die richtigen Wörter und Sätze zu finden, um komplexe Gedanken und Gefühle auszudrücken. Roya aus Damaskus, 25, lebt seit zwei Jahren in Göteborg und arbeitet als Krankenschwester. Sie sieht, dass sich ihre Persönlichkeit verändert, wenn sie Schwedisch spricht. Die Art der Sprache, der Aussprache und des Denkens ändert sich. „Wenn ich eine nervige Situation habe, zum Beispiel belästigt werde oder ein Missverständnis aufklären möchte, fühle ich mich schwach, weil ich nicht fließend Schwedisch spreche. Das ist seltsam, denn normalerweise bin ich nicht schüchtern und bestehe auf meinem Recht.“

Lama, 30 Jahre alt, ebenfalls aus Damaskus, kann das bestätigen. Sie lebt in Belgien und studiert an der Universität in Limburg. Sie hat den Eindruck, dass immer etwas fehlt, als wollte sie eine prächtige Landschaft mit ganz wenigen Farben malen. „Ich kann auf Französisch nicht komplexe Gedanken und Gefühle mit dergleichen Intensität ausdrücken, wie ich es auf Arabisch tue. Ich wünschte, ich könnte Französisch sprechen, als wäre es meine Muttersprache!“

viele Menschen stehen zusammen auf einer Wiese und lachen

„Start with a friend“ fragt: Kann man mit Freundschaften Gesellschaft gestalten?

Auf Deutsch bin ich mutig

Carole, 30 Jahre alt, hat andere Erfahrungen gemacht und daher auch eine andere Meinung. Sie kommt aus dem Libanon und lebt seit fünf Jahren in Deutschland. Die neue Sprache, die sie gelernt hat, macht sie mutiger. „Über Tabus und schwierige Themen kann ich auf Deutsch viel besser reden, denn in meiner Muttersprache Arabisch sind das Dinge, über die nicht gesprochen wird.“

Jede Sprache hat einen einzigartigen Rhythmus und Fluss. Wenn Sie eine Fremdsprache im Rhythmus Ihrer Muttersprache sprechen, kann es passieren, dass die Zuhörer Sie nicht verstehen, obwohl alles, was Sie sagen, korrekt ist – es scheint noch immer so, als würden Sie eine fremde Sprache sprechen. Zum Beispiel haben wir auf Arabisch keine Umlaute, und der Buchstabe O wird immer gleich ausgesprochen. Im Deutschen oder Französischen wird das O jedoch sehr unterschiedlich ausgesprochen, zwischen o und ö oder u und ü. Einige arabischsprachige Menschen können diese Unterschiede während eines Gesprächs nicht erkennen. Ahmad, 22 Jahre alt aus Iran, weist darauf hin, dass er gut sprechen kann, aber seine Aussprache sei möglicherweise nicht immer korrekt, er muss seine Worte oft wiederholen und sie erneut erklären. „Bei der Arbeit und unter Zeitdruck sind mir sprachliche Fehler peinlich, weil ich die Arbeit störe. Normalerweise bin ich keine schüchterne Person.“ Souzan Diab, die in Damaskus arabische Literatur studiert hat und jetzt ein freiwilliges Soziales Jahr in Berlin macht, hat einen anderen Unterschied bemerkt: den Tonfall. „Wenn ich Deutsch rede, ist mein Ton leiser oder ruhiger als wenn ich Arabisch spreche.“

Sprache verändert uns

Michelle Prauß, eine Mitarbeiterin von „Start with a friend“, sieht bei einem ihrer arabischen Freunde einen deutlichen Unterschied in seiner Persönlichkeit, je nachdem, ob er seine Muttersprache oder eine andere Sprache spricht: „Wenn ich Tarek mit seinen Freunden Arabisch sprechen höre, verstehe ich zwar nichts, aber ich habe den Eindruck, dass er lustiger ist. Sogar die Bewegungen seiner Hände sind anders“, sagt Michelle.

Die Sprache ist ein Fenster zu neuen kulturellen und sozialen Erfahrungen. Für Einwanderer und Exilanten ist sie absolut notwendig, um sich in Behörden, Krankenhäusern und Geschäften zu verständigen. Jede Sprache transportiert die jeweilige Kultur, viele Informationen und Details – wenn wir eine neue Sprache lernen, verändern wir uns.

Die Autorin Alaa Alfahel kommt aus Syrien und hat ein Volontariat der Medienanstalt Berlin-Brandenburg bei ALEX Berlin absolviert. In der Sendereihe „Leben und Berichten im Exil“ diskutiert sie, wie Sprache gesellschaftliche und mediale Realitäten schafft:

Der Text erschien zuerst beim Tagesspiegel unter dem Projekt #jetztschreibenwir. Das mehrfach preisgekrönte Tagesspiegel-Projekt, das von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Robert Bosch Stiftung unterstützt wird, begann im Herbst 2016 mit einer ganzen Tagesspiegel-Ausgabe mit Texten von Exiljournalisten. Nach „Wir wählen die Freiheit“ (September 2017) und „Heimaten“ (Juni 2018) erscheint mit „Wir in Europa“ (Mai 2019) die dritte Beilage, die von Exiljournalisten gestaltet wurde.

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Start with a Friend.

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