Entdecken, was man noch nie erfahren hat

Sep 14, 2016
Berlin Art Week: Künstlerin Sarah Teichmann sitzt tagelang in einem selbst gebauten Käfig

Berlin Art Week heißt es zum ersten Mal für unsere Autorin Mai Itskovich. Skurrile, spannende und vor allem nachhaltige Erfahrungen hat sie bei der fünften Ausgabe der Messe für zeitgenössische Kunst gesammelt.

Eine Frau lebt tagelang im Käfig bei der mision mischen 88. Zwei Männer erzeugen mit Es ist wie es ist schier unendliche Stunden Geräusche in einem Raum. Ein Hirn liegt stundenlang auf dem Boden herum, zuckt mal hier, mal da. Hinter den schweren Türen des Bilderkellers der Akademie der Künste eröffnen sich mir fast vergessene und seinerzeit verbotene Kunstwerke der DDR. Das kann nur eines Bedeuten: Die Berlin Art Week steht an und alle stehen Kopf.

In diesem Jahr findet das sechstägige Kunsthighlight zum fünften Mal statt. Mit zeitgenössischer Kunst als Schwerpunkt der Großveranstaltung finden zahlreiche in-und ausländische Kunstinteressierte in der ganzen Stadt Orte, an denen sie Kunst erfahren können. Berlin samt ihren Kulturschaffenden soll als Kunstmetropole gestärkt werden und dabei vor Allem Kunstsammler und -händler anziehen, um den attraktiven Kunstmarktplatz zu erhalten. Trotzdem scheint die Messe in der Kriese. Geld fehlt, die Kulturpolitik hat im Bereich Förderung junger Galeriesten nicht genug getan, somit fallen Flächendeckend Ausstellungsorte weg. Dennoch glänzen die großen Kunstmessen Art Berlin Contemporary (ABC) – vom Flächenmangel ebenfalls betroffen – und Positions als Highlights der Kunstwoche neben weiteren zahlreiche Veranstaltungen in Form von Performances, Installationen, Ausstellungen, Talks, Filmvorführungen und, und, und. Meine erste Art Week wird vielversprechend.

Auf der mision mischen 88 bei der Berlin Art Week

Ich starte meine zweitägige Odysee durch die Wildnis der zweigenössichen Kunst im Kunsthaus KuLe. Kunsthaus, Kunst und Leben. In diesem fünfstöckigen Altbau lebt und arbeitet die KuLe-Gruppe seitdem sie 1990 das Haus in der Auguststraße 10 besetzt hat. Mit mision mischen 88 startet KuLe unter der Kuratorin Heike Maria Unvorstellbar in die Berlin Art Week. Als ich das Haus betrete, stehe ich in einem Raum mit einem Podest. Darauf wiederum steht ein 1qm roßer Käfig. Darin sitzt eine junge Frau gerade auf einer Matratze, spielt an ihrem Laptop herum und lässt einen alten Song von Paul Kalkbrenner laufen. Sie wirkt beschäftigt und genervt. Ich lese mir ihren Text durch, der vor ihrem eingerichteten Käfig ausgelegt ist. Der Text spricht mich an, also spreche ich Sarah Teichmann an.

Künstlerin Sarah Teichmann sitzt tagelang in ihrem selbst gebauten Käfig bei der Berlin Art Week.

Sarah Teichmann in ihrem selbst gebauten Käfig.

 

Der kleine Vorläufer von Teichmanns 1qm großem Käfig.

Es ist ihre erste Performance und ihr erstes Projekt, welches sie sich seit zwei Jahren gedanklich ausmalt und vor einem Jahr in kleiner Version ausstellt. Ein kleiner wohnlich eingerichteter Käfig. Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass sie den Text aus Widerspruch gegen die Aussage einer Radiosprecherin schrieb. Diese behaupte, Sarah möchte mti ihrem Projekt Bezug nehmen auf das Thema der Obdachlosigkeit. Zwar beschäftigt sie sich gerne mit dem, was wir den Rand der Gesellschaft nennen und zeigt sich inspiriert von den „Cage People“, die tatsächlich in Käfigen wohnen, dennoch ist ihr Bezug ein anderer: Der Käfig steht für Muster, in die man oft zurückfällt. Verhaltensmuster, aus denen man teilweise ausbrechen will, aber manchmal nicht so einfach kann. Work in progress, so genannte Prozesskunst, betreibt die Künstlerin, um sich selbst von den Normen und dem Druck der Gesellschaft freizumachen, von den Ketten der Verhaltensmuster und durch die Performance den BEtrachter in diesen Prozess mit einzubeziehen. Für die gesamte Week will Sarah in ihrem Käfig bleiben. Ein Selbstexperiment für sich und Interessierte.  Schon die erste Nacht setzt ihr zu und lässt ihr keinen Schlaf. Die kurze Zeit, die sie bisher im Käfig verbracht hat, hat schon eine Menge in ihr ausgelöst. Mit glasigen Augen sagt sie, ihr sei viel klar geworden nach diesen zwei Tagen.

Von wegen “Kunstfreie Zone”

Im Raum nebenan sind Hille und Moellhusen auf der Spur nach „noch nicht verbrauchten Klängen“, so Moellhusen. Diese Performance, Es ist wie es ist, sei fünfteilig und würde fünftägig während der Art Week fortgesetzt. Ich bekomme also Teil eins mit. Als ich den Raum betrete, lasse ich die Töne auf mich wirken, gedankenlos, frei und offen.

Stühle stehen in Reihe angeordnet als wären sie für Publikum. Sind sie wohl auch. Da keiner dasitzt, werden die Stühle, außer der auf dem ich sitze, jedoch verschoben, gestapelt, es wird mit einer leeren Club-Mate-Flasche darauf geklopft, die Wand langgestreift, dannw werden die Stühle werden wieder in Reihe aufgestellt. Es wird eine Kommodenschublade geöffnet und geschlossen, Dinge werden in die Luft geworfen und fallen zu Boden. Mit der Prämisse ihr Raum sei eine „Kunstfreie-Zone“ und könne dennoch Kunst sein, sagt Moellhusen, gehe er das Projekt an. Die beiden Künstler erzeugen abstrakte und konkrete Geräusche. Künstlich erzeugte abstrakte Klänge, die aus dem Mischpult kommen, im Zusammenspiel mit konkreten im Raum entstehenden Geräuschen. Alles entsteht im Augenblick. Das sei keine Arbeit sondern „ein Spiel mit den Möglichkeiten“, so Hille.

Der Versuch etwas zu entdecken, was man bisher noch nicht erlebt hat, ist das, was die beiden redseligen Herren erleben wollen. Ihr Publikum soll für solch ungewohnte Klänge sensibilisiert werden. Die Geräuschattacken waren teilweise ziemlich laut und verstörend. Diese massive Kraft der lauten und auch leisen, sanften Klänge hat mich emotional beeindruckt.  Nach den intensiven Gesprächen mit Hille, Moellhusen und Teichmann, lungere ich noch etwas im Kunsthaus herum  und versuche ebenfalls zu entdecken, was ich bisher noch nicht erlebt habe. Das wird mit auf der Berlin Art Week aber noch oft genug passieren.

Hier geht’s zum Beitrag von Tag 2

Text: Mai Itskovich

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