Mehr als eine gute Tat: Wie Marcus Zander Obdachlosen und Bedürftigen trotz Corona hilft

Dez 17, 2020

Frank Zander und sein Sohn machen sich auch in diesem Jahr, in Zeiten von Corona, für obdachlose und bedürftige Menschen stark. Sie wollen Wärme und Würde spenden und unterstützen deshalb gemeinsam mit der Caritas die Food Trucks.

Es ist Weihnachten. Der damals 5-jährige Marcus Zander, Sohn des Schlagerstars Frank Zander, sitzt vor dem Weihnachtsbaum. Pure Enttäuschung breitet sich in ihm aus, als er seine Geschenke auspackt. Es sind weniger als im letzten Jahr! Ohne zu zögern nimmt ihn sein Vater Frank noch am selben Abend mit zum Berliner Bahnhof Zoo. Zahlreiche obdachlose Menschen liegen in den Gängen dieses Bahnhofs und feiern so ihr Weihnachten. Die Beiden beginnen D-Mark zu verteilen.

Dieses Ereignis hat Marcus Zander bis heute sehr geprägt und sein Wunsch, aktiv zu werden, wurde im Laufe der Jahre immer stärker.

Seit inzwischen 25 Jahren existiert „Weihnachten mit Frank Zander – Ein Fest für Obdachlose und Bedürftige“ in Berlin. Mehr als 3.000 obdachlose und bedürftige Menschen sind an diesem Abend normalerweise die Gäste. Neben einem leckeren Weihnachtsessen erhalten sie Geschenke, können den Klängen bekannter Musiker*innnen lauschen, die live für sie spielen und sich sogar frisieren lassen.

Vorfreude auf eines der vorherigen Weihnachtsfeste.
(C) Marcus Zander

Marcus Zander erinnert sich an viele Begegnungen. Eine ist ihm besonders gut im Gedächtnis geblieben.

„Eines Tages stand ein kleines Mädchen vor mir. Sie bedankte sich bei mir, dafür, dass wir für ihre Mutter da waren. Denn vor 7 Jahren kam ihre hochschwangere, wohnungslose Mutter zu unserem Fest „Weihnachten mit Frank Zander – Ein Fest für Obdachlose und Bedürftige“ und gebar ihre Tochter beinahe auf unserem Fest. Wir haben sofort die Caritas kontaktiert, die ihre Mutter in das nächste Krankenhaus brachte. Diese Begegnung mit dem kleinen Mädchen berührt mich heute noch zutiefst.“

– Marcus Zander

Ein Schicksalsschlag reicht, um auf der Straße zu landen

Deutschland ist eines der wirtschaftsstärksten Länder der Welt – und dennoch leben bundesweit mehrere tausend Menschen auf der Straße. Die Zahl steigt jährlich. Im Jahr 2016 verfügten allein etwa 860.000 Menschen über keinen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum.

Ursachen für Obdachlosigkeit sind meist schwere Schicksalsschläge wie Krankheit, Trennung, eine unerwartete Kündigung oder die steigenden Mieten. Diese Schicksalsschläge können jeden von uns treffen, doch nicht jede*r ist wirtschaftlich und sozial abgesichert. Weiterhin leben in Berlin allein tausende Kinder und Jugendliche auf der Straße. Gewalt, Missbrauch und fehlende Liebe innerhalb der Familie sind häufig der Auslöser, weshalb sie Zuflucht auf der Straße suchen.

Für mich persönlich ist diese Tatsache sehr erschreckend, dass nach wie vor zahlreiche Menschen bei uns auf der Straße leben. Auch ich kenne einige Erwachsene und auch Jugendliche, die solche schweren Schicksalsschläge getroffen haben. Ein paar von ihnen lernte ich auf der Veranstaltung von Frank und Marcus Zander „Weihnachten mit Frank Zander – Ein Fest für Obdachlose und Bedürftige“ kennen. Diese Veranstaltung berührte mich zutiefst, da es schien, als könnten die Menschen an diesem Abend viele ihrer Sorgen vergessen.

Viele Unterstützer*innen machen dieses Fest möglich.
(C) Marcus Zander

Das diesjährige Motto lautet: „Wir bleiben zu Hause“ – doch was, wenn man kein zu Hause hat?

In diesem Jahr erlebt das sonst sehr dynamische und bunte Berlin seinen wohl längsten Winterschlaf. Alles ist ruhig, eine fast unerträgliche Stille hat sich ausgebreitet. Wir alle erleben in diesem Jahr die Ausmaße der Isolation, die an uns nicht einfach spurlos vorbeiziehen. Wie unser Weihnachten wohl in diesem Jahr aussehen mag? Vermutlich werden wir in einer sehr kleinen Runde feiern, der ein oder andere vielleicht sogar allein.

Doch wie wird das Weihnachten wohl für all die Menschen aussehen, die nicht in unserer Gesellschaft integriert leben?

Der warme Lichtblick auch an diesem Weihnachten: Interview mit Marcus Zander

Vater und Sohn, Frank und Marcus Zander
(C) Marcus Zander

Der Berliner Frank Zander ist bekannt für seine Schlagermusik. Neben seiner musikalischen Laufbahn hat er auch eine große soziale Ader, die er frühzeitig seinem Sohn Marcus Zander mit auf den Weg gab. Im Gespräch möchte ich herausfinden, was die beiden antreibt sich für obdachlose und bedürftige Menschen in Deutschland, insbesondere Berlin, zu engagieren.

Was war euer gemeinsamer Auslöser dafür, euch für obdachlose und bedürftige Menschen zu engagieren?

Marcus Zander:  Mein Vater war schon immer sehr sozial. Er wuchs in Neukölln auf und war schon immer ein bisschen auf der Seite der „Schwächeren“. Im Jahr 1995 veranstalteten wir zum ersten Mal ein Weihnachtsessen für 300 Obdachlose im Schloss Diedersdorf. Ursprünglich planten wir, inspiriert von dem Amerikaner Bruce Springsteen, neben dem Weihnachtsessen die neue CD meines Vaters nicht nur vor Promis und Pressevertretern, sondern auch vor den ärmsten der Armen vorzustellen. Ziemlich schnell haben wir festgestellt, dass die Idee, eine CD mit armen Menschen zu promoten, eigentlich total bescheuert ist. Wir haben also die Sache mit den CDs sein lassen und haben die Menschen trotzdem eingeladen.

Frank Zander empfängt jeden einzelnen Menschen persönlich.
(C) Marcus Zander

Wir waren so gerührt, da diese Menschen meinem Vater und mir sehr vertraut haben. Sie hatten keine Berührungsängste. Dieses Vertrauen wollten wir zurückgeben und beschlossen von da an, diese Veranstaltung im nächsten Jahr wieder stattfinden zu lassen. Wir hatten dafür nicht viel Geld und haben dann versucht Spenden zu organisieren, wobei wir natürlich auch viel draufgezahlt haben. Das Ganze war zu Beginn sehr unprofessionell (lacht). Aber es war immer eine Familienveranstaltung – bis heute. Es war zwar unprofessionell, aber liebevoll und das merken die Menschen.

Irgendwann sind wir dann im Hotel Estrel gelandet, weil wir auf einmal so viele Unterstützer*innen gewonnen hatten. Und das machen wir jetzt seit 25 Jahren. In den letzten Jahren waren immer bis zu 3000 Gäste: Obdachlose aber auch bedürftige Menschen da, die wir in dieses Estrel Hotel eingeladen haben, in eins der schönsten Hotels mit vielen Gästen, Promis, Vorprogramm und Geschenken. Das war immer sehr schön. Nur dieses Jahr ist es nicht möglich.

Was macht eure Veranstaltung so einzigartig?

Marcus Zander: Was unser Weihnachtsfest so besonders macht, ist die Tatsache, dass wir wirklich die ärmsten der armen Menschen in eine der schönsten Hotels einladen, wo sie sonst draußen vor der Scheibe im Kalten stehen und eben nicht eingeladen sind. Das ganze Jahr sind sie eigentlich nicht eingeladen und viele Menschen sind vielleicht auch nicht gewollt. Und an diesem Tag sind sie die Gäste. Das bedeutet, dass wir den Menschen das Essen servieren und für sie da sind. Diese Geste hat eine ganz tiefe Bedeutung. Wir versuchen die Würde des Menschen immer gleich zu sehen und den Leuten zu zeigen, dass wir bei ihnen sind und dass wir auch an sie denken.

25. Weihnachtsfest für Obdachlose und Bedürftige, 2019
(C) Marcus Zander

Was muss sich deiner Meinung nach in unserer Gesellschaft/ in der Politik ändern, um obdachlosen und bedürftigen Menschen besser helfen zu können?

Marcus Zander: In Großstädten ist es wesentlich komplizierter als in kleinen Städten. Man kann prinzipiell natürlich immer etwas tun und helfen, allerdings benötigt dies meist viel Geld. Dennoch glaube ich, dass man es gerade in einer Stadt wie Berlin nicht vollständig regulieren kann, dass am Ende alle Menschen ein Dach über dem Kopf haben und somit von der Straße sind. Es kommen nämlich natürlich auch viele weitere Menschen international dazu, da wir eine globale Großstadt sind.

Ich finde aber, dass wir als Gesellschaft diesen Menschen allgemein mehr mit Würde begegnen müssen. Dazu kann jeder Einzelne von uns beitragen und deshalb sind wir – die Bevölkerung – an dieser Stelle besonders gefragt.

Gibt es in diesem Jahr, in Zeiten von Corona, eine Alternative zu eurem Fest?

Marcus Zander: Wir haben bis Mitte Oktober versucht unser Fest stattfinden zu lassen, sind dann aber an den Regulierungen gescheitert. Denn eine der ersten und wichtigsten Dinge, die wir zu erledigen hätten, wären die Anschrift, die Wohnadresse oder die Telefonnummer von unseren Gästen aufzunehmen und da wären wir schon gescheitert. Das heißt, Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir hatten auch die Idee, das Fest an mehreren Tagen im Estrel stattfinden zu lassen, haben es aber einfach nicht geschafft eine Veranstaltung in dieser Größenordnung in der Pandemiezeit zu veranstalten.

Durch die Food Trucks erhalten bedürftige Menschen eine warme Mahlzeit, auch in diesem Jahr.
(C) Marcus Zander

So und dann haben wir uns etwas Anderes überlegt: die Caritas kam auf uns zu – das war also ein Glücksfall – und hat gesagt, dass sie Food Trucks unterstützen, sie jedoch keine finanziellen Mittel zu Verfügung haben. Mein Vater und ich haben kurz überlegt und haben dann beschlossen: Das ist es! Wir werden unsere Spendengelder dafür einsetzten, dass die Food Trucks bestehen können. Darüber hinaus wird mein Vater und auch einige prominente Helfer*innen in diesen Food Trucks sitzen und den Leuten eine Freude machen. Das rbb Stadtradio sorgt vor Ort für Weihnachtsmusik und ein Weihnachtsmann teilt Geschenketaschen aus. Das Ganze wird natürlich unter Corona Bedingungen stattfinden, also mit Abstand und Maske. Dennoch ist es ein Signal. Und dieses Signal heißt:

Auch in dieser Zeit, wollen wir ein bisschen Wärme und Würde spenden, weshalb wir die Food Trucks unterstützt. Ich glaube, das ist eine gute kleine Lösung.

-Marcus Zander

Mehr Infos gibts hier: https://www.obdachlosenfest.de/

Auch interessant: Krake Festival 2020: Elektronische Musik trifft Inklusion

Text: Jil Lea Wende/ Titelbild (C) Marcus Zander

Comments

Comments are closed.