Kurze Filme, lange Wirkung: Das 35. interfilm Festival in Berlin

Okt 10, 2019
interfilm Schriftzug

Bereits zum 35. Mal findet das Kurzfilmfestival interfilm in diesem Jahr in Berlin statt. Die Besucher erwartet ein buntes Programm an experimentellen, besonderen, lauten, provokanten und emotionalen Kurzgeschichten. Wir haben einige Highlights für euch rausgepickt und mit Moritz Lehr, einem der interfilm Kuratoren, gesprochen.

Als Kreativer Kopf Kurzfilme zu machen, ist gar nicht so leicht, wie man vielleicht denken möchte: Es bleibt viel weniger Zeit um eine packende Geschichte zu erzählen, die Budgets für die Produktionen sind oft spärlich und die Anerkennung in Kino und TV eher mau. Dass es sich trotzdem lohnt, zeigen die Filmemacherinnen und Filmemacher, deren Werke auf dem interfilm Festival 2019 gezeigt werden. 

Das interfilm Festival bietet cineastische Vielfalt

Das Festival findet dieses Jahr bereits zum 35. Mal statt und „brennt für große Geschichten im kleinen Format“.  Vom 5. bis 10. November werden im Rahmen des interfilm über 450 Filme in zehn Berliner Kinos gezeigt. Keiner von ihnen ist länger als 20 Minuten, aber jeder erzählt mit nuancierten Bildern seine eigene Story. Eigentlich ziemlich clever: So schafft man es als Besucher, wenigstens in einen Bruchteil der Filme aus den unterschiedlichsten Genres reinzuschauen! Dazu bietet das interfilm außerdem Workshops und Panels zu unterschiedlichen Themen an – und natürlich wird auch bei der ein oder anderen Party ordentlich gefeiert!

Plakat vom interfilm Festival
interfilm ist das Kurzfilm Festival in Berlin/ (c) interfilm

Ein Fokus des Festivals liegt dieses Mal auf Filmen aus Spanien: Insgesamt werden vier „Focus on“ Programme mit je sieben bis zwölf Kurzfilmen aus Spanien gezeigt. Im „Focus On – Tesoros Españoros“ thematisieren die zwischen 1999 und 2010 entstandene Werke mal kaputte, zwischenmenschliche Beziehungen („Terminal“, „Éramos Pocos“, „Ruleta“), mal spielen sie mit Musik („Sintonìa“, „7:35 de laManaña“) und mal werden Alltagsgegenstände zur Kurzgeschichte selbst („La Huida“).

Europa als Thema wird nicht nur in einem „Focus on“ angesprochen: Unter dem Programmpunkt „Europe Unknown: #Roma4Life“ wurden in diesem Jahr Filme ausgesucht, die sich mit der europäischen Minderheit der „Sinti*zzi und Rom*nja“ beschäftigen.

Spezialprogramme, Wettbewerbe und Sitzkirmes

Neben diesen Focus-Themen, bietet das interfilm eine bunte Mischung an Programmen: So gibt es zum Beispiel das Spezialprogramm „Girls Riot“, wo Filme gezeigt werden, die während eines Sommerferien-Workshops von einer Gruppe Teenagerinnen ausgesucht wurden und zeigen, wie die junge Frauen im Film vertreten sein möchten. Auch der Sparte „Musikvideos“ wird mit „Longing in Loops“ ein Spezialprogramm gewidmet, mit dabei sind unter anderem Videos des Indie-Pop Duos Theodor Shitstorm und der Wiener Band Thirsty Eyes.

dreckiger Mann sitzr hinten auf einem Moped und zeigt in die Kamera
Momentaufnahme aus dem Video „838“ der Band Thirsty Eyes / (c) interfilm

Auch Wettbewerbe sind Teil des interfilm, in den Bereichen Deutsch, International, Dokumentation, und Online konnten Filme eingereicht werden – eine Auswahl ist nun in den jeweiligen Sektionen zu sehen. Bereits seit 2010 findet außerdem im Rahmen des Festivals ein Umweltfilm Wettbewerb statt.  Dieses Jahr greifen zwei Programme mit technisch ganz unterschiedlichen Filmen bei der „Green Film Competition“ das Thema Klimaschutz auf.

Ein besonderes Highlight ist wie immer der Eject-Abend: Ein kunterbuntes Kuddelmuddel aus Knallbonbons, Filmkuriositäten und ausgelassener Partystimmung im Kino – „Sitzkirmes in der Volksbühne“, nennt das interfilm den Ejekt-Abend „Die lange Nacht des abwegigen Films“ selbst liebevoll. Wer Musik und Film gern zusammen konsumiert, dem sei das Programm „Sound & Vision“ ans Herz gelegt. Das Konzertkino mixt visuelles mit den Sounds von Berliner Musikerinnen und Musikern.

Das ganz Große im ganz Kleinen

Das interfilm Festival fällt dieses Jahr terminmäßig genau auf die von Kulturprojekte Berlin initiierte Themenwoche „30 Jahre Friedliche Revolution – Mauerfall“. In Kooperation mit Kulturprojekte hat die interfilm Crew sechs thematische Kurzfilmprogramme kuratiert, die vom 04. Bis 10. November gezeigt werden.

Wer noch noch genauer wissen möchte, was einen beim interfilm erwartet, schaut am besten mal auf das Festival aus dem letzten Jahr: Im ALEX Feature könnt ihr einen Blick hinter die Kulissen des interfilm 2018 werfen. Unser Kollege Thomas Rosteck hat mit Kuratorinnen und Kuratoren, Filmemacherinnen und Filmemachern gesprochen:

Nach so viel Kurzfilm-Input bleiben eigentlich nur noch zwei, drei Fragen ungeklärt – genau die haben wir Moritz Lehr gestellt. Moritz ist einer der Kuratoren und Pressesprecher von interfilm – und natürlich ein Kurzfilm-Fan!

Hey Moritz! Gleich mal ganz ehrlich: In Berlin gibt es ja einige Filmfestivals, warum sollten wir denn unbedingt zum interfilm gehen?

Das stimmt, dabei ist interfilm aber das einzige in der Größe welches sich ausschließlich dem kurzen Format widmet. Wir finden den Kurzfilm als eigenständige künstlerische Ausdrucksform spannend und denken, dass er nicht nur ein Trittbrett zum Langfilm ist. Kurzfilm ist traditionell viel experimentierfreudiger und waghalsiger als der Langfilm. Das liegt schon allein daran, dass er günstiger zu produzieren ist. So können sich Filmemacher*innen austoben ohne Angst vor dem Scheitern haben zu müssen. Und dabei kommen natürlich besonders spannende Arbeiten heraus die man zum Teil nur bei uns zu sehen bekommt.

Habt ihr in diesem Jahr bei der Auswahl der Filme noch einmal mehr darauf geachtet, dass aktuelle, politische Themen sich auch im Programm wiederspiegeln?

Natürlich gibt es jedes Jahr Themen die besonders präsent sind. Da es beim Kurzfilm nicht wie beim Langfilm mehrere Jahre dauert bis er fertig ist, kann er zeitlich aktueller auf politische oder gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Und das versuchen wir hervorzuheben. So haben wir zum Beispiel einen eigenen Wettbewerb für Umweltthemen genauso wie einen Wettbewerb für Menschenrechtsthemen. Diese Themen sind also sozusagen ins Programm „eingebaut“. Aber auch in unseren anderen Programmen versuchen wir aktuell zu sein. So sind dieses Jahr vor Allem auch queere und emanzipatorische Themen wichtig geworden.

Hand aufs Herz Moritz: Was ist dein persönlicher Geheimtipp für das diesjährige Festival?

Puh. Das ist nicht gerade leicht. Sound & Vision ist vielleicht kein Geheimtipp aber einfach immer sehr vielseitig und beeindruckend. Eject macht auch jedes Jahr wahnsinnig Spaß. Aber mein persönlicher Tipp ist dieses Jahr vermutlich Sci Fi Shorts – Me, Myself and the Robot. Ein Programm zum Thema künstliche Intelligenz und was sie für unsere Gesellschaft in der Zukunft bedeuten könnte. Dieses Cyborg-Thema ist einfach immer spannend, weil sich darüber so viele andere Bereiche ansprechen lassen: Gender, Arbeitsbedingungen, Armut, Anthropozentrismus etc. Und ganz nebenbei sind die Filme einfach toll!

Ansicht Kino Babylon mit interfilm Plakat
Auch im Kino Babylon zeigt das interfilm Kurzfilme/ (c) interfilm

Danke Moritz, das klingt ja nach der Qual der Wahl!

Um euch einen Überblick zu verschaffen, schaut am besten auf der Homepage des interfilm Festivals vorbei. Dort findet ihr alle Informationen zu den Programmen und Spielorten.

Text: Elisa Slaby / Bilder: interfilm Festival