Klassik meets Sampling: Poppy Ackroyd verzaubert Berlin

Feb 28, 2018
Poppy Ackroyd sitzt wie in Trance an ihrem Klavier und lässt das Publikum träumen.

Für einen Abend entführt das britische Wunderkind der Neoklassik Poppy Ackroyd ihr Publikum in komplexe Klangwelten im Roten Salon.

Den Weg auf die Bühne zu finden ist im Roten Salon gar nicht so leicht. Insbesondere dann nicht, wenn der Saal komplett gefüllt ist mit stehendem, sitzendem und überaus erwartungsvollem Publikum. Doch die junge Engländerin Poppy Ackroyd bahnt sich ihren Weg durch die Menge auf die Bühne und nimmt an einem Blüthner Konzertflügel aus den 1960er Jahren Platz. Zu ihrem Setup gehören außerdem eine abgenommene Violine, eine Loopstation und ein Laptop. Nach einer etwas schüchternen, aber sehr charmanten Begrüßung eröffnet sie ihr Konzert mit „Resolve“, der gleichzeitig Titeltrack ihres am 2. Februar erschienen dritten Studioalbums ist.

Sofort zieht Poppy Ackroyd ihr Publikum in den Bann ihrer Klangwelten

Sobald die ersten Töne erklingen ist alles still, nur der Flügel ist zu hören. Der Songaufbau ist ruhig, aber stetig und es entsteht eine komplexe Schicht aus verschiedenen Sounds. Zuerst eine Baseline, dann ein Beat, der in seiner Regelmäßigkeit einer Druckmaschine oder einem Uhrwerk gleicht. Tatsächlich hat sie für den zweiten Track des Abends, „Timeless“, ein altes Uhrwerk aufgenommen und gesampled. Durch die Arbeit mit einer Loopstation und einem digitalen Synthesizer erschafft sie auf Basis klassischer Instrumente experimentelle Sounds. Jeder Song ist trotzdem von einer gewissen Eingängigkeit geprägt, welche durch sehr rhythmische Melodien entsteht.

Doch es ist nicht nur ihre Musik, die einen vereinnahmt. Die großflächig projizierten Visuals von Tom Newell, auch unter dem Pseudonym Lumen bekannt, nehmen das Publikum bei der Hand, um es in Poppys magische schwarz-weiße Welt zu entführen.

Zusammen mit dem Visual Artist Tom Newell entfürht Poppy Ackroyd das Publikum aus ihrem Alltag.

Zusammen mit dem Visual Artist Tom Newell entfürht Poppy Ackroyd das Publikum aus ihrem Alltag.

Die Manipulation des analogen Sounds

Knapp eine Stunde lang performt sie eine Auswahl älterer und neuer Stücke. Dass sie dabei Schwerstarbeit leistet, ist ihr nicht anzumerken. Mit einer sanften Eleganz spielt sie ihre Instrumente und wirkt ob des teilweise hohen Tempos nie gestresst oder überfordert. Eine echte, multiinstrumentale Virtuosin.

Ihre Musik wirkt aufgrund der vielen Spuren fast collagenhaft, ergibt jedoch ein schlüssiges Ganzes. Bereits ihr von Nils Frahm produziertes Debütalbum „Escapement“ sorgte für Aufsehen und so landete sie spätestens mit dem Folgealbum „Feathers“ – für das sie historische Instrumente eines Museums in Edinbourgh spielte, aufnahm und sampelte – in der Riege, der neuen, jungen Musikgenies, die sich der Neoklassik verschrieben haben. Für ihr drittes Album hat sie zum ersten Mal Gastmusiker an verschiedenen klassischen Saiteninstrumenten engagiert.

Die Multiintrumentalistin Poppy Ackroyd beweist auch an der Viloline ihr musikalisches Können.

Die Multiintrumentalistin Poppy Ackroyd beweist auch an der Viloline ihr musikalisches Können.

Heute Abend ist sie allein und als sie zwischen zwei Stücken verkündet: „Oh, that was quick. I am going to play two more Songs“, ist das Publikum bestürzt und fordert mehr. Tatsächlich folgt eine ausgiebige Zugabe. In „Birdwoman/ Glass Sea“ wundert sich der Zuhörer, ob er von einer Welle oder einem Schwarm aus Vögeln ergriffen wird, um sich schließlich in den endlosen Weiten einer ruhigen See zu verlieren.

Als das letzte Stück endet, stehen auch die letzten Sitzengebliebenen auf, um ihr zu applaudieren. Nur langsam reißt man sich aus dem Bann der Poppy Ackroyd und das warme Licht des Roten Salons hinterlässt ein angenehmes Wohlbefinden.

Wer Poppy Ackroyd live erleben möchte, hat dazu die folgenden Möglichkeiten:

  1. Februar – Hamburg, Nachtasyl
  2. Mai – Nürnberg, Künstlerhaus

Text & Bild: Vivian Ronge

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