Jugendsozialarbeit in Zeiten von Corona

Mrz 30, 2020
Ein verlassener Spielplatz.

Die Jugendsozialarbeit steht aktuell vor einigen großen Herausforderungen. In Zeiten von Corona stellt sich mehr denn je die Frage: Wo halten sich die Gruppen auf, wie soll man mit digitaler Kommunikation die Vertrauensbasis aufrecht erhalten und wie hilft man den Menschen, daheim nicht durchzudrehen?

Der berufliche Alltag, den Joe in diesen Tagen durchlebt, wurde plötzlich auf den Kopf gestellt. Normalerweise pendelt er als Sozialarbeiter durch die Stadt, von einem Büro ins nächste, vernetzt Menschen und Teams miteinander und organisiert internationalen Austausch und (sub-)kulturelle Projekte. 

Doch wie kaum ein anderer Berufszweig derzeit leidet die Sozialarbeit unter der Kontaktsperre. Gerade das Aufsuchen von Jugendlichen oder Obdachlosen, an den Orten, wo sie im Alltag zu finden sind, ist kaum mehr möglich. Nur in wenigen Einzelfällen und bei akuten Problemen, gibt es die Möglichkeit, allein die Leute zu treffen, zu einem Spaziergang auf Distanz, um Notlagen aufzufangen. 

„Schwebezustand“ so nennt Joe die aktuelle Situation. Nichts ist klar, der Beruf muss in Zeiten von Corona hier und dort neu vermessen werden.

Den Alltag auf den Kopf gestellt: Muss er sonst von Bezirk zu Bezirk pendeln und immer auf den Beinen sein, ist Jugendsozialarbeiter Joe in Zeiten von Corona an den Rechner gebunden.

Was brauchen Jugendliche in Isolation?

Sein Herzensprojekt, das Kreuzberger Street College musste plötzlich schließen. Wo seit 2013 an Beats gebaut, Mode designed oder für den Mittleren Schulabschlus (MSA) gelernt wird, herrscht nun gähnende Leere. 

Und die Student*innen? 150 von von ihnen kommen in unregelmäßigen Abständen hier her, doch nun wird ein Raum genommen, der sich sonst radikal nach ihren Bedürfnissen richtet, der mehr zuhört, als dass er erklärt. Hier können sie sich und ihr eigenes Zeitregime, ihr eigenes Tempo finden. Sie entscheiden, wann, wo, wie viel und vor allem, ab wann sie keine Lust mehr auf ein Projekt haben.

All das muss nun komplett in Facebookgruppen, Whattsapp-Konversationen und über einzelne SMS organisiert werden. Am Puls der Zeit bleiben und erstmal im Auge behalten, wie es den Jugendlichen geht, ist die oberste Priorität. Manche wollen sich einfach nur mal wieder „auskotzen“ und manche wollen direkt digital mit Workshops weitermachen: 

In der Videogruppe, haben wir aktuell eine kleine Challenge am Laufen, dass die Leute filmisch eine bisschen was aus ihrem Alltag zeigen und hochladen und dann gibt eine Feedbackrunde. In der Rapgruppe hat jede*r einen Sechszehnzeiler geschrieben über die persönliche Situation in der Isolation. Das hilft tatsächlich, weil viele sich einfach mal ein bisschen was von der Seele reden können.

Was für Berliner Wohnverhältnisse im Allgemeinen gilt, gilt auch in Zeiten von Corona: Es lebt eben nicht jeder die Traum-Isolation im Altbau mit Balkon, viele haben Familien, mit denen sie kaum klarkommen oder leben in einer überfüllten Geflüchtetenunterkunft. Ja, es gibt sie auch bereits, die Kids, denen nach zwei Wochen die Decke auf den Kopf fällt. Die große Herausforderung der Jugendsozialarbeit ist derzeit: eine Routine finden, die diesen Redebedarf weiterhin auffängt und akute Situationen entschärft.

Es fehlt mehr als sonst an materiellen Ressourcen

Für manche ist es mit ein bisschen Input, Inspiration und ein paar guten Leseempfehlungen getan. Doch für die, die das College nicht nur wegen sozialer Nähe und Fachkompetenzen aufsuchen, sondern auch als Zugang zu materiellen Gütern nutzen, fehlt es vorne und hinten. Für die Musik- und Videokurse mangelt es den Leuten ohnehin an Equipment. Doch selbst die Fortführung  weniger kostspieliger  Projekte, wie die Vorbereitung auf den MSA, kann eine Hürde darstellen. 

Für einen Fall hab ich jetzt erstmal versucht, einen Drucker zu organisieren als Leihgabe. Einfach, damit die Handouts gemacht werden können. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würden wir einfach kurz mal hier und mal da ein Feuer löschen.

Ob man in Zukunft Handouts per Post schickt oder am College eine Schleuse einrichtet: Die Lösungen für dieses Problem sind noch unklar. Der kleinste gemeinsame Nenner in puncto Arbeitsmaterial bleibt das Smartphone und durch dieses technisch-zivilisatorische Nadelöhr muss jetzt jedes Projekt passen. Die Recherche, welche kostenfreien Apps und Medien es gibt, kostet Zeit und ist obendrein für einige Sozialarbeiter*innen komplettes Neuland. Der Grundsatz der Sozialarbeit soll auch hier bestehen bleiben: Der Zugang muss so niedrigschwellig wie möglich sein. Der Raptext als Voice-Message, Gesangsunterricht als Zoom-Konferenz. Das muss eben erst einmal reichen.

Arbeitstechnisch gehen wir da sehr positiv ran, aber für die Einzelschicksale der Leute, für die wir arbeiten, ist das um Einiges schlimmer.

Wie baut man digital Vertrauen auf?

Noch sind es nur zwei Wochen, noch haben die meisten Student*innen Lust, produktiv zu sein, organisieren sich zum Teil selbst. Das Konzept basiert darauf, dass Joe und seine Kolleg*innen bedingungslos vertrauensvolle Ansprechpartner sind, doch Vertrauen bildet sich in erster Linie im persönlichen Kontakt aus, zwischen der täglichen Kippe und dem Kaffee, bei dem die Menschen ihre eigene persönliche Geschwindigkeit finden können.

Aus der Isolation melden die ersten gesteigerten Konsum zurück. Nicht nur bei den landläufigen Streamingdiensten, auch bei Substanzen. Und das ist ihnen in einer Situation, in der sie alleine zuhause hocken, schwer auszureden. Am schwierigsten ist es wie immer, für die Ruhigen und Zurückhaltenden, die Jugendlichen, die während der digitalen Krisenbewältigung nun auch physisch nicht mehr sichtbar sind. Bedarfsorientiert Sozialarbeit bedeutet hier: Noch mehr nachfragen, wenigstens auf ein „ja, alles gut, ich melde mich, wenn ich etwas brauche“ hoffen, um niemanden in dieser Zeit aus den Augen zu verlieren.

Das Typische: Hast du Bock einfach auf einen Kaffee vorbeizukommen und wir labern mal kurz. Das geht eben jetzt nicht. Und da wird sich der ganze Träger etwas überlegen müssen, für die Menschen, die ihre Probleme nicht die ganze Zeit auf der Zunge tragen.

Doch wenn es mal zum Austausch kommt, meint Joe, sind Gespräche ehrlicher als vor Einführung der Kontaktsperre. Der ganze Bullshit wird einmal weggelassen. Viele der Student*innen setzen ihre Prioritäten anders und fokussieren sich jetzt ganz darauf, was wichtig ist. Der Blick auf die aktuelle Situation und auch auf andere Länder, in denen die Verhältnisse noch schlimmer stehen, lässt sie ihren Alltag mehr wertschätzen. 

Text: Sören Frey

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