Impfhelfer Blog: Zwischen Frustration und Dankbarkeit

ALEX-Autor Noé Leeker hilft in einer Arztpraxis bei den Corona-Impfungen. Was er dabei erlebt, lest ihr in den nächsten Wochen hier im Impfhelfer Blog.

Steigende Inzidenzen, knappe Impfstoffe und Booster-Stress – die fast vorbeigeglaubte Pandemie hat Deutschland fest im Griff. Während die Debatte um die Impfkampagne aufgeheizt bleibt, hat Autor Noé Leeker eine andere Perspektive: Seit Anfang Dezember 2021 arbeitet er als Impfhelfer in einer Arztpraxis und unterstützt das Praxisteam beim Dokumentieren der Corona-Impfungen. Im Impfhelfer Blog berichtet er aus erster Hand: Was läuft gut, funktioniert oder erleichtert die Arbeit? Was bremst oder stört das Impfen und was frustriert das Personal?

Den Schlüsselanhänger "Impfengel" gab´s für alle Impfhelfer und Angestellten
Erleichternd: Kleine Geschenke, wie dieser Schlüsselanhänger, tragen das Team über den Tag

1. Eintrag: Kleiner Piecks, großer AufwandWarum ein Impfhelfer Blog?

Es ist Mittwoch morgens, Dezember 2021. Viel zu früh, zumindest für meinen Geschmack, sitze ich in der U8. Während die Stationen vorbeirauschen, schallt Christian Drostens wohlklingende Stimme aus den Kopfhörern. Aber ich verfolge das neuste „Coronavirus Update“ nicht wirklich aufmerksam, sondern lasse mich eher berieseln. Hier im Podcast ist alles ist noch so weit weg: Boostern nach drei Monaten, Omikron und ständig neue Informationen zur Verträglichkeit und Wirksamkeit der Impfstoffe. Ist doch alles geimpft wie genesen, jetzt noch schnell eine Sprachnachricht anhören, Kippe drehen und mich vor allem beeilen. Denn ich möchte zu meiner ersten Schicht nicht zu spät kommen.

Im Gegensatz zum Podcast werden die Themen und Befürchtungen in der Arztpraxis sehr konkret. Die Angst vor schwindenden Antikörpern treibt die Patient:innen in Scharen zur Praxis. Bevor die Feiertage losgehen, wollen sich viele ihren Booster-Shot abholen. Aber mit welchem Impfstoff? Hier beginnen die Probleme: „Ich hätte aber gerne BioNTech!“ „mRNA-Impfstoffe sind mir nicht geheuer!“ „Nur Astra heute? Dann lasse ich mich eben nicht impfen.“ Das Praxisteam steht vor einer Mammutaufgabe. Die Dringlichkeit der Impfung je nach Patient:in, die Hinweise von der STIKO und den Herstellern, die logistischen Anforderungen der Impfstoffe und die Sonderwünsche der Patient:innen – Aus all diesen Faktoren müssen Termine und Prozesse abgeleitet werden.

Als ich nach der Arbeit zuhause ankam, musste ich zunächst all die Eindrücke verarbeiten. Ich habe Verhaltensweisen kennengelernt, die das Team zur Weißglut bringen. Ich sah, wie aufmunternde Gespräche und kleine Geschenke den Alltag des Praxisteams versüßen. Aber vor allem habe ich Menschen getroffen, die ihren Beitrag im Kampf gegen Corona leisten. Nach meiner ersten Schicht hatte ich das Gefühl, vielen ist der Arbeitsaufwand hinter dem Impfen nicht bewusst. Deshalb soll der Impfhelfer Blog die Black-Box Arztpraxis öffnen und zeigen, wie viel Aufwand hinter dem „kleinen Piecks“ steckt.

2. Eintrag: Mein Alltag als Impfhelfer und lineare Algebra

Bevor es wirklich losgeht, möchte ich die Situation in der Praxis beschreiben. Das Team besteht aus der Hausärztin, zwei Arzthelferinnen und mir. Die Aufgabenverteilung sieht folgendermaßen aus: Die Ärztin impft und klärt Patient:innen auf. Während eine Arzthelferin den Empfang macht, kümmert sich die andere um das Vorbereiten der Impfdosen und hilft in der Zwischenzeit beim Abfertigen der Patient:innen. Ich kümmere mich um kleine Aufgaben. Beispielsweise das Öffnen der von außen verschlossenen Praxistür oder die Scans der ausgefüllten Formulare.

Am Mittwoch ist die Praxis normalerweise geschlossen. Im laufenden Betrieb ist das der einzige Tag, an dem die nötigen Kapazitäten frei sind. Obwohl die Impftermine meist zwischen 10:00 und 14:00 liegen, dauert die Vor- und Nachbereitung oft den ganzen Tag.

Ich bereite zuerst die unzähligen Einwilligungserklärungen vor. Wenn die Patient:innen ankommen, sollten sie bereits gedruckt, gestempelt, geordnet, geheftet und mit einem Stift versehen sein. Das ist wichtig, denn die Kollegin am Empfang hat genug zu tun. Sie muss die Impfpässe ausstellen und gleichzeitig im Auge behalten, wer gerade da ist, wer bald kommen soll und wer nicht erschienen ist.

Eine Impf-Dosis wird aufgezogen.
Nichts für den Autor vom Impfhelfer Blog: Beim Aufziehen der Impfdosen ist höchste Vorsicht geboten. (c) unsplash

Denn all das hat Einfluss auf die Arbeit der anderen Arzthelferin. Die Termine sind mit Bedacht so gewählt, dass keine Impfdosen übrigbleiben. Eine Ampulle Comirnaty (der Markenname des BioNTech-Impfstoffs) ergibt sechs Impfdosen. Bei SpikeVax von Moderna sind es zehn. Sobald die Spritzen mit den Impfdosen injektionsfertig vorbereitet sind, tickt die Uhr. Denn ungekühlt müssen beide Präparate innerhalb von einer Stunde verimpft werden. Erscheinen Patient:innen nicht, beginnt das große Rechnen.

Im Grunde ist die Terminplanung wie eine Aufgabe aus einer Mathearbeit der siebten Klasse, lineare Algebra. Abgesehen davon, dass Siebtklässler:innen beim Rechnen keine Arztpraxis am Laufen halten müssen. X und Y haben keine Vorbehalte gegenüber einzelnen Herstellern oder Impfstoffen, keine Krankheiten oder psychische Störungen. Schüler:innen der siebten Klasse machen nach der Schule Hausaufgaben, allerdings müssen sie nicht jede gelöste Aufgabe mit einer speziellen Abrechnungsziffer in ihre Akten eintragen.

3. Eintrag: zwei Impfhelfer, eine Patientin und ihre Eltern stehen am Empfang…

Um die Corona-Impfungen ist in der Praxis ein komplexes System entstanden. Vieles, was im Frühjahr 2021 improvisiert werden musste, wurde inzwischen zur Routine. Umso ärgerlicher, wenn eine Corona-Quarantäne bekannte Abläufe durchkreuzt. So geschehen bei meiner letzten Schicht.  Das Praxisteam bestand heute aus einer Arzthelferin weniger und bekam dafür Unterstützung von einer weiteren Impfhelferin. Die folgende Beobachtung vom heutigen Tag deckt Probleme auf, deren Ursprünge nicht nur in der Praxis liegen.

Die Zaheln gehen hoch – RKI: COVID-19-Dashboard vom 02.02.22

Während die Arzthelferin gerade die Impfdosen vorbereitete, kam eine Patientin zum Impftermin. Sie hatte ihre Eltern mitgebracht und fragte, ob wir die beiden impfen können. Die Patientin und ihr Mann, die eigentlich an diesem Tag einen Termin hatten, seien bereits geboostert. Anstatt den Termin abzusagen, hat die Patientin also „Vertretung“ organisiert. Diese eigentlich sehr weitsichtige Geste verursachte an diesem Tag Probleme.

Die Fehler im System

Problem Nummer eins: Wartezeit wegen Personalmangels. Weder ich noch die andere Impfhelferin konnten hier weiterhelfen. Sie mussten warten, bis die Arzthelferin mit dem Aufziehen der Spritzen fertig war. Das dauerte allerdings, da diese Aufgabe nicht unterbrochen werden sollte,

Dass wir der Patientin nicht weiterhelfen konnten, liegt an Problem Nummer zwei: Der unklare Impfstatus der Eltern. Die Eltern der Patientin haben einen Impfnachweis aus dem nicht-EU Ausland. Da aber Erst-, Zweit und Drittimpfungen unterschiedlich abgerechnet werden, müssen wir zuallererst klären, ob dieser anerkannt wird. Je nach dem entscheidet sich, welche Abrechnungsziffer verwendet werden muss. Wenn das nicht sofort geklärt wird, gibt es hinterher Chaos bei der Abrechnung.

Und der spontane Austausch der geimpften Personen birgt Potential für ein weiteres Problem, das heute nicht auftrat. Aber angenommen, die Eltern hätten sich anderswo impfen lassen und brächten jetzt ihre Kinder mit. Der für die Eltern eingeplante Impfstoff von Moderna darf jedoch nicht an Personen unter 30 verimpft werden. Wieder blieben Impfdosen übrig. Aber, hätten die Eltern heute dann nicht mit Moderna geimpft werden können, um den knappen BioNTech-Impfstoff zu sparen? Wollen die Eltern Moderna?

All diese Probleme müssen vom Praxisteam gelöst und offene Fragen geklärt werden. Währenddessen bildet sich hinter der wartenden Patientin und ihren Eltern eine zweite Schlange vor dem unbesetzten Arbeitsplatz. Es zeigt sich: Allzu spontane Veränderungen und krankheitsbedingte Ausfälle können die entstandenen Prozesse behindern. Aber auch die sperrige Abrechnung und aussschweifende Bürokratie der Corona-Impfungen erschweren das Leben des Praxisteams.

4. Eintrag: Die Nachbesprechung

Manchmal sitzen wir nach der Arbeit noch zusammen, essen etwas und tauschen uns über die Erlebnisse des Tages aus. Diese gemeinsamen Mittagessen haben für mich oft den Charakter einer Nachbesprechung. Vieles, was ich während meiner Schicht beobachtet habe, kann ich jetzt besser einordnen. Bei einer dieser Runden habe ich ein Mikrophon mitgenommen. Aus der Nachbesprechung wurde ein Interview, das ihr hier in voller Länge lesen könnt: Im letzten Eintrag des Impfhelfer Blog erfahrt ihr: Welche Vorteile hat eine Hausarzt-Praxis beim Impfen? Was können die Patient:innen tun, um dem Praxisteam zu helfen? Welche Hoffnungen haben Ärztin und Artzhelferinnen für 2022?

die Küche, hier sitzen Hausärztin, Team nach den Impfungen
Zu Tisch: Hier wird sich Luft gemacht, besprochen und erklärt

Warum machen die das überhaupt?

Im Impfhelfer Blog ging es bisher vor allem um Probleme. Anhand von kleineren und größeren Beobachtungen wurden zahlreiche Fallstricke visualisiert. Nun könnten Leser:innen kritisch nachfragen: „warum machen die es dann überhaupt?“

Ein Grund hierfür ist, dass in der Hausarztpraxis viel besser beraten werden kann. Die Ärztin kennt ihre Patient:innen und die jeweilige Akte ist nur einen Klick entfernt. Dieses Setting schafft ein Sicherheitsgefühl, das für manche der letzte wichtige Anstoß ist, sich impfen zu lassen

Ein Teil entscheidet sich erst jetzt zur Impfung. Die sind halt noch unsicher, aber auch froh, wenn sie es in einer Hausarztpraxis machen können. Hier ist die Umgebung für sie vertrauter.

Dr. Ulrike Wiebelitz

Trotzdem stellt das Impfen besonders die Arzthelferinnen vor eine große Herausforderung. Die komplizierte Abrechnung war bereits Thema. Aber auch in der Vorbereitung gibt es Hindernisse. So sei schon die Bestellung der Impfstoffe „teilweise demoralisierend“. An diesem Stress-Faktor haben aber auch die Patient:innen ihren Anteil.

Wir kriegen aus der Apotheke zu hören: „Ihr kriegt nur einen Impf-Vial mit sechs Impfungen pro Woche von BioNTech.“ Aber die Patienten wollen alle nur BioNTech.

Arzthelferin Jessica Lenz

Be patient: Was Patient:innen tun können

Kurz gesagt, wir wünschen uns Flexibilität, Verlässlichkeit und etwas Vorbereitung. Wenn zum Beispiel kein Impfstoff von BioNTech verfügbar ist, können über 30-jährige oft problemlos auf das Präparat von Moderna wechseln. Diese Flexibilität hilft, wenn einmal der Terminplan durcheinanderkommt.

Das geschieht, wie erinnern uns, wenn Patient:innen ihre Termine nicht absagen. Daher ist Punkt Nummer zwei die Verlässlichkeit. Anrufen oder kurz vorbeikommen und Bescheid geben, dass ein Termin nicht eingehalten werden kann, hilft ungemein. So bleiben am Ende keine Impfdosen übrig und das Praxisteam ist zufrieden.

Zuletzt können Patient:innen auch einiges Vorbereiten, um den Ablauf zu erleichtern. Den Impfpass und die Versichertenkarte halten die meisten bereit. Zusätzlich kann sich jede/r die Einwilligungserklärung und den Anamnesebogen ausdrucken und ausgefüllt mitbringen. Das ist insbesondere wichtig, wenn Patient:innen über eingeschränkte Sehkraft verfügen, nicht gut deutsch sprechen oder Analphabeten sind. Ihnen im laufenden Betrieb beim Ausfüllen der Formulare zu helfen kann viel Zeit kosten.

Ausblick: das Vorbild Grippe-Impfung

Die Zukunftswünsche des Praxisteam lesen sich ein wenig wie die Hoffnungen auf das endemische Ende der Pandemie. Wir alle müssen lernen, mit dem Virus zu leben. Das Virus wird genauso wenig verschwinden wie die Notwendigkeit, sich durch eine Impfung vor ihm zu schützen. Die Frage ist nur, wie tief der Schutz in unser aller Leben eingreifen muss.

Genauso hofft das Praxisteam, mit dem Impfen zu leben. Das heißt: weniger Termine sowie einfachere Bestellung und Abrechnung der Impfungen. Als Vorbild wird hier die Grippe-Impfung genannt: „Die kann man während der Sprechstunde machen und muss nicht dafür extra Zeit aufwenden, um Patienten extra außerhalb der Sprechzeit zu bestellen“

Also mich würde es sehr freuen, wenn das Impfen bald wenigstens in die Praxis-Routine einfließen könnte. So wie die Grippeimpfung zum Beispiel.

Arzthelferin Jessica Lenz

Wann das Corona-Virus Teil einer unaufgeregteren Lebens-Routine werden kann, weiß ich nicht. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass eine einwöchige Quarantäne zwischen Krankheitssymptomen, willkommener Ruhepause und Home-Office gut integrierbar ist. Wenn die Impfquote ihr Soll erreicht, sind auch Holzhammer-Methoden wie ein Lockdown nur noch schwer denkbar. Irgendwann wird sich das Virus an uns und wir uns an das Virus angepasst haben. Bis dahin beachten Sie bitte die Hinweise für Patient:innen aus dem vorherigen Absatz!

Das Ende vom Impfhelfer Blog!

…ist jetzt erreicht. Der Impfhelfer Blog wollte Probleme sichtbar machen und zeigen, was schiefläuft. Er wollte Tipps geben, mit denen Patient:innen selbst das Team ihrer Hausarztpraxis unterstützen können. Diesen Anspruch betrachte ich als erfüllt. Daher möchte ich den Blog mit folgenden Worten beenden: Danke! Danke an alle, die an der Impfkampagne beteiligt sind und tagtäglich Menschen vor COVID-19 schützen. Impf on.

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