Heimat ist: Klatscht kräftig in die Hände!

Jun 20, 2018

Heimat bedeutet, Zugehörigkeiten frei wählen zu dürfen. Das war in Syrien nicht möglich. Von der Unterdrückung durch Geschlechterrollen, Religion und Diktatur.

Was ist Heimat? Ist sie der Ort, an dem man geboren wurde und sein Leben verbringt? Ein Stapel offizieller Dokumente unserer Vorfahren? Oder hat sie mit Zugehörigkeiten zu tun, mit unserer sozialen und politischen Zugehörigkeit zu Traditionen und Werten, unserer religiösen Zugehörigkeit? Wir als Volk des Nahen Ostens lebten unter einem autoritären und repressiven Regime. Man ließ uns keine Wahl, was unsere Zugehörigkeit angeht. Der Staat hat unsere Zugehörigkeit bestimmt, viele Überzeugungen und Traditionen wurden einem ganzen Volk von der religiösen und politischen Obrigkeit aufgezwungen.

Die Frau ist kein Anhängsel des Mannes

Schon früher, also in meinem „alten“ Leben, hatte ich nie das Gefühl, dass Aleppo meine Heimat ist. Und das, obwohl ich mehr als 20 Jahre meines Lebens dort verbracht habe. Ich verstehe mich einfach nicht jener gesellschaftlichen Mehrheit von Aleppo zugehörig, die die Frau als Anhängsel des Mannes betrachtet. In der die Frau von klein auf ihr Leben nur damit verbringt, darauf zu warten, einmal den passenden Mann zu heiraten – und brutale Ablehnung erfährt, falls sie nicht heiratet. In der die verheiratete Frau ihre Ehe unter keinen Umständen aufgeben darf – denn mit einer solchen Entscheidung würde sie durch das gesellschaftliche Raster fallen. Die Frau ist in dieser Gesellschaft, das ist meine ganz persönliche Meinung, eine Ware, deren Wert an ihrer Herkunft und Schönheit – je heller die Augen und blonder das Haar, umso besser –, ihrem Vermögen, ihrer Religionszugehörigkeit und zuletzt an ihrem Bildungsgrad gemessen wird. Für eine junge Frau also, die nach der Arbeit spät nach Hause kommt, die bei der Arbeit oder an der Uni viel mit Männern zu tun hat, enge Jeans trägt und bunte Blusen, ist es schlicht unmöglich, sich dieser Gesellschaft zugehörig zu empfinden. Und so wie ihr geht es vielen, vielen anderen Frauen, die sich noch nie als Teil dieses gesellschaftlichen Systems gefühlt haben.

„Koranrezitation“ war das schlimmste Fach für mich

Auch die Religionszugehörigkeit ist uns von Anfang an vorgeschrieben. Nicht nur, dass wir als Muslime geboren werden, wie andere Menschen als Christen, Juden, Buddhisten oder Zoroastrier. Wir werden dazu gezwungen, die Religion auf eine bestimmte Weise zu leben. Meine Lehrerin in der vierten Grundschule war eine unverheiratete, sehr religiöse Frau. Sie verschrieb ihr ganzes Leben dem Islam, lernte seine Lehren auswendig und interpretierte Koranverse. Mittwochs war immer der schlimmste Tag der Woche für mich. Wir mussten den Koran in unseren Schulranzen mit zur Schule bringen, denn die ersten Unterrichtsstunden waren dem Fach „Koranrezitation“ gewidmet – einem Fach, das überhaupt nicht im Unterrichtscurriculum stand, nicht zu verwechseln mit dem islamischen Religionsunterricht. Dort lernten wir, wie man den Koran „so liest, wie er gelesen werden soll“. Unsere Lehrerin war wohl der Meinung, etwas Gutes zu tun, wenn sie uns dieses Fach aufzwang.

Die Lehrerin erzählte uns von Höllenqualen

Wer mittwochs zu spät kam, galt als respektlos gegenüber dem Koran, wer nach Parfüm roch, als ungläubig. Wer den Koran zu Hause vergaß, wurde zum Opfer der Lehrerin. Sie bestrafte uns wie Sklaven. Ihrer Meinung nach hatte der Schöpfer ihr das Recht zu allem gegeben. So sagte es ihr Koran, ihr Gott. Sie erzählte uns Geschichten, die mich für viele Jahre nicht mehr loslassen sollten: über die Todesqualen, über die Hölle, über Tausende von Kindern, die Allah von oben herabwerfen würde, weil sie ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, über die Engel, die uns die ganze Zeit über begleiten und alles niederschreiben würden, über diesen Augenblick, in dem wir alle nackt sein und Rechenschaft ablegen würden. Alles, was ich je gemacht habe, würde auf einer großen Leinwand vor aller Augen zu sehen sein: das Eis, das ich am Tag davor heimlich gegessen hatte; die kurze Jeansshorts, die ich mir zurechtgeschnitten hatte, um größer zu wirken; das blaue Bikiniteil, das ich unabsichtlich verlor, weil eine Welle es mir entriss. All das würde auf dieser Leinwand zu sehen sein. Wir alle würden Rechenschaft ablegen müssen.

Was würde sie mir vorwerfen?

In der zehnten Klasse mussten wir dann Entscheidungen treffen. Was sollten wir an der Universität studieren? Das konnte ich wählen – nicht aber, welche politische Zugehörigkeit ich habe. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem mich die Aufseherin in ihr Büro in der Schule zitierte. Ich zitterte vor Angst, tausende Gedanken gingen mir durch den Kopf. Da stand ich in meiner Militäruniform – im alten Regime sah die Schuluniform so aus wie die Militärkleidung – und fragte mich, was ich denn verbrochen hätte. Ich hatte weder Make-up im Gesicht noch trug ich Ohrringe oder Nagellack. Was also würde sie mir vorwerfen?

Kaum hatte ich an die Tür geklopft, ging die Fragerei los: „Was arbeitet dein Vater? Was arbeitet deine Mutter? Wer bist du? Erzähl mir etwas über dich!“ All diese Fragen kamen mir sehr seltsam vor, denn ich wusste genau, dass sie die Antworten darauf kannte. In meinem Land werden bei den kleinsten Organisationen die gleichen Untersuchungsmethoden angewendet wie in großen Gefängnissen. Als ich zum Antworten ansetzte, unterbrach sie mich und fragte: „Warum steht dein Name nicht auf der Liste der Mädchen, die der Baath-Partei angehören? Was soll das bedeuten?“ In Syrien ist die Baath-Partei die Regierungspartei, sie verfügt somit über die absolute Macht, sie bestimmt alles. Alle mussten dieser Partei angehören. Ja, es gab auch andere Parteien, aber sie waren entweder „eingefroren“ oder lachhaft, da sie alle unter der Führung und Anweisung der Baath-Partei tätig waren.

Dann lebe ich in einem Zelt!

Ich stand also zitternd vor ihr und hatte keine Ahnung, was ich nun antworten sollte. Fragen über Fragen gingen mir durch den Kopf: Sage ich ihr jetzt, dass ich nicht an die Prinzipien dieser Partei glaube und ich wüsste, dass es eine diktatorische Partei ist? Kann ich ihr sagen, dass ich dieser Partei nicht aus einem Zwang heraus angehören möchte? Kann ich ihr sagen, dass ich von den Veruntreuungen dieser Partei und den Massakern, die sie anrichtet, weiß? Soll ich die Hunderte von politischen Gefangenen erwähnen, die vielen Menschen, die ganz still und heimlich umgebracht wurden? Wie sollen wir einer Sache angehören, wenn wir dazu gezwungen werden?

Ach was! Klatscht kräftig in die Hände! Der Präsident hält eine wichtige Rede im Fernsehen! Applaudiert in eurem Zimmer, eurem Bad. Applaudiert einfach überall, ganz gleich, wo ihr gerade seid, sobald ihr seinen Namen hört oder sein Foto seht. Er ist der Beschützer des Volkes, der Held der Nation.

Sie schrie mir ins Gesicht, dass die Zugehörigkeit zu dieser Partei keine Frage der Wahl, sondern eine Notwendigkeit sei, wenn ich unter dem Schutz des syrischen Staates leben wollte. Gut, dann lebe ich eben in einem Zelt!

Was ist Heimat also?

Heimat bedeutet die Freiheit, meine Zugehörigkeit selbst zu wählen. Heimat ist eine Gesellschaft, die mich so akzeptiert, wie ich bin. Heimat ist der Duft des Essens, das meine Großmutter zubereitet. Heimat ist für mich ein sehr romantisches Wort. Und gerade jetzt bin ich lieber rational und frei, ohne irgendwelche Zugehörigkeiten. Kann Berlin meine Heimat sein? Darauf kann ich jetzt noch keine Antwort geben …

Text von Hiba Obaid.

Foto: Ali Ghandtschi / Mit freundlicher Genehmigung der Robert Bosch Stiftung.

Der Text erschien zuerst beim Tagesspiegel unter dem Projekt #jetztschreibenwir. Das Projekt #jetztschreibenwir begann mit einer Sonderausgabe im Oktober 2016, die inzwischen mehrfach preisgekrönt wurde. Alle Texte von und über Exiljournalisten findet ihr hier.

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