Glücksunterricht: Kann man Glück lernen?

Mathe, Deutsch, und… Glücksunterricht? In Berlin wird „Glück“ schon an einigen Schulen gelehrt. Wie funktioniert Glück als Schulfach und wie wird man zur Glückslehrkraft?

Im Rahmen der Themenwoche auf den Online-Kanälen von ALEX Berlin setzt sich unsere Autorin Jaqueline Frank näher mit dem Thema Glück auseinander. Glück – das ist ein Begriff, der sich je nach Disziplin unterschiedlich interpretieren lässt. Ob es nun eine günstige Fügung des Schicksals ist, die Erfüllung eines Wunsches, oder ganz simpel Zufriedenheit, ist tatsächlich eher eine Frage der Perspektive (mehr dazu in unserem Infopost).

Anlass unserer Glückswoche ist der Weltglückstag am 20. März. An dem Tag wird auch der jährliche World Happiness Report von der UN veröffentlicht. Platz eins im Länderranking erreicht Finnland und wurde somit zum fünften Mal in Folge zum glücklichsten Land erklärt. Auch die anderen skandinavischen Länder erreichen regelmäßig die Top Ten. Deutschland schafft es auf Platz 14.
Richtet man den Blick aber auf Berlin, sieht es weniger prickelnd aus: Im Bundesländervergleich des Glücksatlas 2021 schneidet es als schlechtestes Bundesland ab – hier ist die Bevölkerung also vergleichsweise am wenigsten glücklich (Hier kommst Du zu unserer Umfrage: Wie glücklich sind Berliner:innen und was bedeutet ihnen Glück?).

Glück lehren und erlernen

Allerdings gibt es in Berlin spannende Ansätze, Glück in der Gesellschaft kultivieren – zum Beispiel durch Bildung. Lehramtsstudierende der Technischen Universität Berlin können sich zur Glückslehrkraft ausbilden lassen. Die Ausbildung gibt es in Kooperation mit dem gemeinnützigen Unternehmen Sethasa, welches das Pilotprojekt Glück startete. Für die Schüler:innen bedeutet das konkret 90 Minuten Glücksunterricht pro Woche. Als Schulfach, genau wie Mathe oder Deutsch.

Der Ursprung der Sethasa gGmbH liegt schon weiter zurück: 2006 war das Unternehmen noch der gemeinnützige Verein Integration – Zukunftsperspektive für Kinder e.V. Dieser organisierte Workshops in Schauspiel, Tanz, Gesang und Kickboxen und führte anschließende Mentoringprogramme für die Stärkung der persönlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ein. Aus diesen Erfahrungen entstand 2013 das Pilotprojekt Glück.

Im Interview erklärt Ellen Scheiter, Geschäftsleiterin von Sethasa, was es mit dem Projekt auf sich hat, wie eine Stunde Glücksunterricht aussieht und wie die Schüler:innen darauf reagieren.


Glück durch Selbstbestimmung

Was ist das Pilotprojekt Glück genau und was wollt ihr damit erreichen?

Ellen Scheiter: Das Pilotprojekt Glück ist ein Konzept, um die Persönlichkeitsentwicklung und psychologisches Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Unser Ziel ist es, junge Menschen dazu zu befähigen, die eigenen Stärken einzusetzen, gelingende Beziehungen zu gestalten, gute Entscheidungen zu treffen, sinnvolle Ziele zu setzen, sich selbst zu motivieren, Misserfolge als Lernchancen zu begreifen und sich selbst zu reflektieren. Damit möchten wir insbesondere benachteiligten Kindern und Jugendlichen ermöglichen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten und an der Gesellschaft teilzuhaben.

Im Zentrum von Pilotprojekt Glück steht die Weiterbildung im sogenannten „Schulfach Glück“, in der wir Lehramtsstudierende und Lehrkräfte – zum Teil von Schulen, zum Teil selbstzahlend – über ein Jahr hinweg zu zertifizierten Glückslehrer:innen ausbilden. Das geht auch in Kooperation mit Lehrstühlen, zum Beispiel mir der TU in Berlin.

Als Außenstehende:r kann man sich kaum vorstellen, wie so eine Unterrichtsstunde abläuft. Wie lernt man Glück?

Ellen Scheiter: Glücksstunden haben eine gewisse Rahmenstruktur, aber einen vorgeschriebenen Stundenverlauf gibt es im „Schulfach Glück“ aber nicht. Unsere Glückslehrer:innen lernen eher, die jeweiligen Inhalte auf die Bedürfnisse der Lernenden sowie auf die eigene Persönlichkeit abzustimmen.

Die meisten Glückslehrkräfte beginnen die Stunde mit einem Ritual, um die aktuelle Stimmung in der Klasse zu erfassen. Danach folgt eine – je nach Bedürfnislage – aktivierende oder entspannende Kurzübung zur Einstimmung auf den Glücksunterricht. Den Hauptteil bildet eine meist erlebnispädagogische Übung, in der die Schüler:innen eigene Erfahrungen zum Thema Glück machen können. Beispielsweise entdecken sie in Stärkeninterviews positive Eigenschaften ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler oder lösen gemeinsam als Klasse eine herausfordernde Aufgabe. Wichtig ist die anschließende Reflexion über die Übung, in der die gewonnenen Erkenntnisse gefestigt werden.

Glück ist aber auch höchst individuell. Daher lernt man Glück nur durch eigenes aktives Handeln und Ausprobieren, über Beziehung und Austausch mit anderen sowie durch konstante Selbstreflexion – das ermöglichen wir Schüler:innen im Glücksunterricht.

Im Glücksunterricht wird die persönliche Entwicklung der Schüler:innen gestärkt.

„Unsere Grundhaltung: Vom Erdulder zum Gestalter

Wie wird man „Glücksvermittler:in“?

Ellen Scheiter: In der Weiterbildung vermitteln wir fundiertes Hintergrundwissen. Außerdem lernt man praktische Methoden zu den Themen Stärken, Visionen, Entscheidungen, Planung, Umsetzung und Reflexion. Glückslehrer:innen geben keine Ziele vor, sondern arbeiten mit dem, was von den Schüler:innen eingebracht wird sowie mit dem, was sie selbst gut können. Diese Balance erfordert eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit. Momentan bilden wir bundesweit an fünf Standorten 157 Glückslehrer:innen aus, die über 1800 Kinder und Jugendliche an unseren Projektschulen unterrichten.

Wie reagieren die Schüler:innen auf den Glücksunterricht?

Ellen Scheiter: Der Glücksunterricht schafft in der Schule einen Raum, in dem jeder Einzelne und die Klassengemeinschaft gestärkt werden und die Schüler:innen sich gegenseitig besser kennenlernen können – dies melden uns die Teilnehmenden an Pilotprojekt Glück zurück. Besonders gut gefällt ihnen außerdem, dass sie über ihre Stärken und Träume sowie über persönliche Themen sprechen können, für die in der Schule oftmals nicht genug Raum ist.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf den Glücksunterricht aus?

Ellen Scheiter: Die Corona-Pandemie hat das Interesse an Pilotprojekt Glück verstärkt, da der Distanzunterricht den Schüler:innen ein hohes Maß an Selbstorganisation und -motivation abverlangt. In Umfragen berichten viele Jugendliche außerdem von Zukunftsängsten, Einsamkeit, Überforderung und dem Gefühl, mit ihren Bedürfnissen nicht gesehen zu werden. Im Glücksunterricht haben sie Raum, um über ihre Erfahrungen, Sorgen, Emotionen usw. zu sprechen und erfahren, dass sie damit nicht alleine sind. Zum anderen geht es – unserer Grundhaltung Vom Erdulder zum Gestalter folgend – darum, mit den Kindern und Jugendlichen zu reflektieren, welche Gestaltungsspielräume sie trotz der zahlreichen Einschränkungen nutzen können.

„Globale Krisen bringen uns zurück zu urphilosophischen Fragen“

Warum sollten wir uns als Gesellschaft mehr mit dem Glücklichsein beschäftigen?            

Ellen Scheiter: Obwohl seit Jahren Vieles besser wird, wie medizinische Versorgung oder materieller Wohlstand, zeigt sich ein Anstieg psychischer Störungen – besonders bei jungen Menschen. Der Wandel von Gesellschaft und Arbeitswelt durch die Digitalisierung und nicht zuletzt globale Krisen wie die Corona-Pandemie bringen uns zurück zu den urphilosophischen Fragen: Wer bin ich? Was will ich? Was kann ich? und Was brauche ich?.

Sich bereits in der Schule mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, ermöglicht Kindern und Jugendlichen, sich für das eigene Wohlbefinden sowie das der Mitmenschen einzusetzen und kann zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe beitragen.

Ellen Scheiter, Leitung der Sethasa gGmbH

Du beschäftigst dich nun schon viele Jahre mit dem Thema Glück. Hast du einen persönlichen Ratschlag zum Glücklich(er)-Sein?

Ellen Scheiter: Sich immer wieder mit Bauch und Verstand eine Antwort auf die Frage geben „Was brauche ich gerade?“, um der Mensch zu sein, der ich sein will. Sich mit den Antworten, dann den Mitmenschen zumuten und gemeinsame Pläne mit ihnen daraus machen. Andersherum heißt das auch: Wahrnehmen, was die anderen gerade benötigen.


Glücksunterricht ist also als ein Raum zu verstehen, der Schüler:innen die Möglichkeit gibt, sich mit persönlichen Fragen auseinanderzusetzen und über die eigene Persönlichkeit nachzudenken. Das Konzept „Glück als Schulfach“ wurde übrigens 2007 zum ersten Mal von Ernst Fritz-Schubert in Deutschland eingeführt. Als damaliger Direktor machte er das an seiner eigenen Schule in Heidelberg. Mit dem nach ihm benannten Institut kooperiert auch Sethasa.

In Berlin scheint der Unterricht recht beliebt zu sein: Von 41 Partnerschulen der Sethasa bundesweit befinden sich 18 in Berlin. Da die Pandemie besonders Jugendliche psychisch trifft, ist auch die steigende Nachfrage solcher Angebote nachvollziehbar: In einer Studie wurde herausgefunden, dass besonders die Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung von jungen Menschen stark eingeschränkt ist. Die Glücksstunden bieten den Schüler:innen damit einen Ausgleich.

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