Drei Jahre #MeToo am Theater – Eine Momentaufnahme

Okt 28, 2020
Schauspielerin Lotte Schubert auf der Bühne. Drei Jahre #MeToo.

Sechs Zeichen. Mehr brauchte es im Oktober 2017 nicht, um endlich diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die die Ungleichheit der Film- und Theaterwelt jahrzehntelang ausgenutzt hatten. Drei Jahre nach #MeToo befindet sich die Branche noch immer im Wandel. Doch wo sich erste Erfolge abzeichnen, stellt sich auch die Frage nach einem grundsätzlicheren Umdenken.

Ein Hashtag und seine Folgen

Es ist der 05. Oktober 2017. Die New York Times veröffentlicht einen Artikel, in dem Frauen über ihre Erfahrungen mit einem der einflussreichsten Filmproduzenten der Branche sprechen. Harvey Weinstein hat seine Machtposition jahrzehntelang missbraucht, um Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen sexuell auszunutzen, zu traumatisieren, zu vergewaltigen. Dabei profitierte er von einem System, dessen Angehörige nicht nur bewusst wegsahen, sondern Männer wie ihn durch die Verklärung zu künstlerischen Idolen auf einen Sockel der Unantastbarkeit hoben. Doch im Oktober 2017 ist Schluss damit. Mit dem Hashtag #MeToo sorgen betroffene Frauen endgültig für den weltweiten Aufschrei, der nicht nur die Film- und Theaterbranche für einen kurzen Moment aus den Angeln hob. 

Kurze Zeit später werden auch in Deutschland erste Fälle bekannt. So tritt Regisseur Dieter Wedel aufgrund mehrfacher Vorwürfe als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurück. Wer glaubt, dass #MeToo ein Phänomen Hollywoods ist, verschließt die Augen vor eigenen hausgemachten Problemen. Während also auch in Deutschland ein öffentlicher Diskurs über Sexismus am Arbeitsplatz entbrennt, beginnt an deutschen Theatern ein schwieriger Auseinandersetzungsprozess. Mancherorts werden grundlegende Strukturen neu gedacht, anderorts verschließt man sich vor Veränderungen. Auch künstlerisch hinterlässt die #MeToo-Debatte ihren Fußabdruck. Neuere Inszenierungen sind voll von Meta-Betrachtungen über die Rolle der Frau am Theater. Heute, drei Jahre nachdem ein Hashtag die Theaterlandschaft aus dem Winterschlaf gerissen hat, ist es Zeit für eine Momentaufnahme. Was hat sich in drei Jahren #MeToo-Debatte getan? Wo müssen Frauen noch immer für Gleichbehandlung kämpfen?

Studieren in Zeiten von #MeToo

Nahezu zeitgleich zum Aufkommen der weltweiten Sexismus-Debatte nimmt Lotte Schubert ihr Schauspielstudium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch auf. An der renommierten Schule im Herzen Berlins treffen täglich die einflussreichsten Persönlichkeiten deutschen Theaters aufeinander. Wer es bis hierher schafft, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit mal auf den großen Bühnen und Leinwänden des Landes wiederfinden. Lotte ist also nicht nur Zeugin, sondern Teil dessen was sich in drei Jahren #MeToo an deutschen Bühnen getan hat. Sie weiß, wie Grenzüberschreitungen im künstlerischen Alltag aussehen. Dennoch – oder gerade deshalb – zeichnet sie ein differenzierteres Bild als jene, die in ihrer Frustration zu Pauschalurteilen über die Branche greifen.

Lotte Schubert in „Der kaukasische Kreidekreis“, Schaubühne Studio. Foto: Axel Lauer

Lotte wird in eine Theaterfamilie hineingeboren, beide Eltern sind Schauspieler. Bereits als Kind steht sie auf der Bühne und wächst als junge aufstrebende Darstellerin hinein in eine Welt, die noch weit entfernt von einem offenen Diskurs über Geschlechterverhältnisse ist. „Lange wurde sowas gar nicht thematisiert. Ich selbst war aber auch voll lange nicht sensibilisiert genug dafür, obwohl es mich ja direkt betrifft“, erzählt sie. Als sie schließlich ihr Schauspielstudium aufnimmt, werden die leisen systemkritischen Töne in ihr erst einmal vom euphoriegeladenen Sound der berliner Theaterszene verdrängt. Doch obwohl ihr Studium von überwiegend positiven Erfahrungen geprägt worden sei, geriet auch Lotte in Situationen, in denen sie als Frau sexistischen Grenzüberschreitungen ausgesetzt war. 

„Man bekommt zum Beispiel von einem Mitspieler gesagt, was für einen geilen Arsch man in dem Kostüm hätte. Da sind wir bei so einem verschwimmen von Grenzen. Das ist in dem Moment meine Arbeitskleidung. Ich habe das nicht zum Spaß an oder weil ich toll aussehen will. Ich bin in dem Moment auf Arbeit.“

Lotte Schubert, Schauspielerin

Das Ausmaß sexueller Gewalt ist erschreckend

So wie Lotte geht es vielen Frauen an deutschen Bühnen. Oftmals entstehen diese Situationen in eben jenem Grenzbereich zwischen Professionalität und Privatem. Das bestätigt auch eine aktuelle Interviewstudie der Themis-Vertrauensstelle, einer im Herbst 2018 gegründeten Anlaufstelle für Opfer von sexueller Belästigung und Gewalt in der Film-, Fernseh- und Theaterbranche. „Das Schlimme ist an diesen Zwischenräumen sowas wie nach der Hauptprobe noch was trinken gehen. […] Was passiert, wenn ich dann betrunken mit dem in der Kneipe sitze? Ist das dann privat oder noch beruflich?“, heißt es in einem der Interviews.

Ein Jahr nach dem Aufkommen der #MeToo-Debatte gegründet, ist die Vertrauensstelle eine der erkennbarsten Reaktionen auf die seit langem bestehenden Missstände innerhalb der Branche. Neben Forschungsprojekten wie der genannten Studie, besteht die Arbeit der Anlaufstelle vor allem im Führen von Beratungsgesprächen. So meldeten sich dort allein in den ersten 18 Monaten des Bestehens über 250 Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz. „Das Ausmaß sexueller Belästigung und Gewalt im Kultur- und Medienbereich ist erschreckend“, teilte Kulturstaatsministerin Monika Grütters, eine der Hauptunterstützerinnen der Themis-Vertrauensstelle, mit. 

„Jetzt kannst du ja gleich mal bei #MeToo anrufen“ 

So wichtig die Arbeit von Einrichtungen wie der Themis ist, so wenig wird diese noch dort wahrgenommen, wo sie tatsächlich gebraucht wird. Lotte erinnert sich daran, zu Beginn ihres Studiums nicht ausreichend auf vergleichbare Zufluchtsorte aufmerksam gemacht worden zu sein: „Einem wird am Anfang des Studiums natürlich so ein Heft ausgehändigt, wo alle Telefonnummern drinstehen. Es wurde aber nicht explizit darauf hingewiesen, dass es Situationen sexueller Übergriffigkeit geben wird oder geben kann.“ Doch auch hier hat sich in drei Jahren #MeToo-Debatte bereits etwas getan. Lotte sehe durchaus, dass es Mut zur Veränderung gebe. „Es gibt jetzt bei uns eine Frauenbeauftragte, deren Türen auch immer offen sind. Das finde ich ist eine totale Verbesserung. Da glaub ich schon, dass das definitiv eine Reaktion darauf ist.“

Wo auf der institutionellen Ebene also bereits Veränderungen spürbar sind, wirft die Sensibilisierung für gefährdende Machtkonstellationen auch einige neue Fragen für das zwischenmenschliche Miteinander am Theater auf. Nicht wenige Menschen in Führungspositionen kokettieren aus Verunsicherung mit dem vielbeschworenen Generalverdacht. „Das äußert sich dann oft in so einer Ironisierung von #MeToo. Ich kann mich erinnern, dass es viele Witze gab. Oder jemand berührt dich am Arm und sagt sowas wie ‚Jetzt kannst du ja gleich mal bei #MeToo anrufen.‘ Nicht nur ältere männliche Kollegen, sondern auch Kolleginnen“, erzählt Lotte. Sie könne nachvollziehen, dass so ein beginnender Erkenntnisprozess unangenehm sei, aber eben dies sei nötig und auszuhalten: 

„Eine Gesellschaft oder ein Ensemble muss die Verunsicherung von bislang privilegierten Mitgliedern einfach in Kauf nehmen. Es ist deren Verantwortung, sich mit dem eigenen Privileg auseinanderzusetzen und sich dessen bewusst zu werden.“ 

Lotte Schubert, Schauspielerin

Durch Quote zur Gleichberechtigung?

Jene Privilegien führen letztlich zu den viel grundsätzlicheren Fragen – denn auch die hat die #MeToo-Debatte in den letzten Jahren ins Licht einer breiteren Öffentlichkeit gerückt. Ironischerweise greifen sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz zwar auf brutalste Weise in den kleinstmöglichen Raum, in die Intimsphäre der Betroffenen ein, sind aber dennoch auf der größtmöglichen strukturellen Ebene verankert. Wie so oft sind es nicht individuelle Handlungen, die den Kern des Problems ausmachen. Es ist das patriarchalisch geprägte Fundament des Theaters an sich. Obwohl im Programmheft nie mit aufgeführt, ist die strukturelle Benachteiligung von Frauen nach wie vor festes Ensemblemitglied an deutschen Bühnen. 

Diesem Missverhältnis hat der 2017 gegründete Verein ProQuote Bühne den Kampf angesagt. Bis vor kurzem fehlte es jedoch an offiziellen Fakten – auch das konsequente Schweigen von staatlicher Seite gehörte lange zum Problem. Als 2016 schließlich die von Kulturstaatsministerin Monika Grüters geförderte Studie „Frauen in Kultur und Medien“ erschien, war schließlich auch durch Zahlen belegt, was Frauen in Theaterberufen ohnehin schon ihr Leben lang zu spüren bekamen. „Da ist ein riesen Ungleichgewicht in Theaterberufen, vor allem in leitenden Positionen. Dazu kam dann die #MeToo-Bewegung, die das Ganze noch befeuert hat“, berichtet Vorstandsmitglied Helena Kontoudakis. 

Theater als Männerdomäne

So waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Studie 78% aller Intendanzen an deutschen Theatern männlich besetzt. Ebenfalls wurden 70% aller Stücke von männlichen Regisseuren inszeniert und 76% aller Stücke von Männern geschrieben. Es erscheint fast schizophren, dass sich gerade das Theater als so ungleich entpuppte. War es doch immer schon Ort der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Missständen. „Das Problem ist, das man sehr lange nicht auf die eigenen Strukturen geschaut hat“, so Kontoudakis. Daher setze sich ProQuote Bühne für eine 50-prozentige Frauenquote in allen Theaterberufen ein. Eine große Rolle spiele dabei auch die staatliche Finanzierung vieler Theater: „Es kann nicht sein, dass in einem staatlichen Betrieb die Parität, die im Grundgesetz verankert ist, nicht eingehalten wird.“ Zusätzlich bräuchte es ein grundsätzliches Umdenken von Hierarchien, betont Kontoudakis. Durch die steilen Hierarchien am Theater werde Machtmissbrauch begünstigt – unabhängig davon, ob an der Spitze nun ein Mann oder eine Frau stehe.

Drei Jahre #MeToo – Viel Lärm um nichts?

Letztlich ist es vor allem der aufkommende Diskurs, der die Theaterlandschaft in drei Jahren #MeToo geprägt hat. Um gemeinsame Probleme zu lösen, muss ein Bewusstsein bei allen geweckt werden, die davon betroffen sind. Daher ist es den Frauen von ProQuote Bühne besonders wichtig, dass Frauen* und Männer* am Theater noch immer zusammengehören: „Es geht nicht darum sich zu separieren. Man will ja zusammenarbeiten. Nur so kann man auch Perspektiven austauschen und sich gegenseitig künstlerisch bereichern.“ Auch Lotte liegt dieser Punkt besonders auf dem Herzen. Sich voneinander zu entfernen sei nicht die Lösung. Vielmehr gehe es darum die Ungleichheit zwischen allen Geschlechtern aufzuheben und sich als gleichwertige Mitglieder eines Ensembles wahrzunehmen. 

Zweifelsohne steht das deutsche Theater nach drei Jahren #MeToo nicht dort, wo es sein könnte und längst nicht dort wo es sein sollte. Dennoch hat die Debatte gerade den männlichen Teil der Branche gezwungen, sich mit Missständen und ihrem eigenen Anteil daran auseinanderzusetzen. Drei Jahre #MeToo waren keineswegs nur viel Lärm um nichts. Lotte, die nach ihrem abgeschlossenen Schauspielstudium bald zum Ensemble eines großen deutschen Theaters gehören wird, zeigt sich zuversichtlich: „Ich habe das Gefühl, dass heute schon viel mehr möglich ist. Dass wir uns längst auf einen Weg begeben haben, den man auch nicht mehr zurückgehen kann.“ 

Text: José-Luis Amsler, Titelbild: Axel Lauer

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