Der Ökologische Fußabdruck ist nur Betrug

Flüge in Privatjets sind in den letzten Wochen immer wieder Thema gewesen. Unsere Autorin fragt sich, wozu die Einschränkungen, wenn alles mit einem Flug zunichte gemacht wird. - Ein Kommentar von Lene Schargitz

In der letzten Zeit sind in meiner Social Media Blase immer wieder Memes aufgetaucht, die unterschiedliche Stars und ihre vielen Flüge mit Privatjets aufgreifen. Ein Hauch von Sommerloch liegt in der Luft. Ausgelöst durch einen Post von Kylie Jenner war das Thema auf einmal überall. Für Deutschland hat sich CDU-Chef Friedrich Merz mit seinem Flug von Berlin nach Sylt in die Diskussion eingeschaltet. Ob dessen Flugzeug nun mehr oder weniger als die Autos der Regierungsmitglieder ausstößt ist die eine Sache. Warum ich mir so viele Gedanken um meinen Ökologischen Fußabdruck machen soll, wenn dieser mit einem Flug im Privatjet schon eingeholt werden kann, die viel interessantere.

Fangen wir von vorne an. Der Ökologische Fußabdruck beschreibt die Fläche, welche ein Mensch für seinen persönlichen Ressourcenbedarf benötigt. Gibt man den Begriff in die Suchmaschine der Wahl ein, so finden sich viele Seiten, die eine Berechnung ermöglichen. Abgefragt wird etwa das eigene Konsumverhalten, die Ernährungsweise und die regelmäßig genutzten Transportmittel. Am Ende steht der jährliche Verbrauch in Tonnen CO2 oder die Anzahl der für den persönlichen Lebensstil benötigten Erden. Ich kann mich erinnern, dass solche Berechnungen Teil meines Schulunterrichts waren. Das Ergebnis war in der Regel deprimierend und wird mit Tipps geliefert, die den persönlichen Verbrauch verringern können. Eine Seite, auf der eine solche Berechnung möglich ist, zeigt das Logo einer Ölfirma.

Die Rolle der Ölfirmen

Mittlerweile ist nachgewiesen, dass den Ölfirmen bereits seit Jahrzehnten ihre Rolle in der Klimakrise klar ist. Ein internes Memo von 1982 etwa bestätigt, dass ExxonMobil eine Verbindung zwischen dem eigenen Geschäft und der Rolle der fossilen Brennstoffe in der Klimakrise kennt, aber nicht an die Öffentlichkeit kommuniziert. Bis in die 90er Jahre fokussierten sich die PR-Abteilungen darauf, die wissenschaftlichen Erkenntnisse anzuzweifeln. Bevor sich die Strategie ab den 2000ern änderte.

2004 startete British Petroleum, heute BP, eine Kampagne und stellte einen „carbon footprint calculator“ auf der eigenen Webseite online. Ziel war es, die Verantwortung für die Erderwärmung auf die einzelnen Konsument:innen zu übertragen und die Ölfirmen aus der Haftung zu nehmen. Möglichst viel Verantwortung soll auf dem Individuum liegen, wohlwissend, dass dieses die Situation nicht kontrollieren kann. Seitdem ist der Begriff „carbon footprint“ oder Ökologischer Fußabdruck nicht mehr aus der Öffentlichkeit wegzudenken. Man kann es als eine erfolgreiche Propagandastrategie bezeichnen. Zur Erinnerung: BP ist die Firma, in deren Auftrag die Bohrplattform „Deep Water Horizon“ betrieben wurde. Deren Explosion im Golf von Mexiko ist eine der größten Umweltkatastrophen.

Abstimmungen mit dem Geldbeutel bringen wenig

Das Problem ist: Der Einfluss des Individuums ist erschreckend gering, nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein Beispiel? Nehmen wir den ersten Corona-Lockdown im Frühjahr 2020. Die meisten saßen wahrscheinlich zu Hause, das Auto blieb stehen, die internationale Luftfahrt kam mehr oder weniger zum Erliegen, der Konsum war eingeschränkt. Zu diesem Zeitpunkt wurden 19% weniger CO2 ausgestoßen als im Vorjahr. Klingt erstmal nicht schlecht? Sicher! Am Ende des Jahres waren es aber nur noch 7% - trotz der extremen Maßnahmen, die sowieso keine dauerhafte Lösung sein können. Und aktuelle Zahlen zeigen, dass wir in der EU wieder fast auf dem Stand von vor der Pandemie gelandet sind.

Noch klarer wird der individuelle Einfluss bei folgender Rechnung: Der globale Energiesektor produziert 73,2% aller globalen Treibhausgasemissionen. Das sind 36 Milliarden Tonnen pro Jahr, auf die Sekunde heruntergerechnet 1141 Tonnen. Ein durchschnittlicher US-Bürger, nun wirklich nicht für niedrige Emissionen bekannt, kann mit einer Lebensumstellung auf 0 Emissionen gerade einmal etwas mehr als eine Sekunde des Energiesektors aufwiegen.

Wie war das jetzt nochmal mit den Privatjets?

Während auf der einen Seite Menschen versuchen, ihren persönlichen Verbrauch zu minimieren, etwa durch eine Umstellung der Ernährung, den Verzicht auf Reisen mit dem Flugzeug oder sogar auf eigene Kinder, emittieren private Flugzeuge mehr als 33 Millionen Tonnen Treibhausgase pro Jahr. Und da so wenige Menschen in ihnen transportiert werden – wenn sie nicht sogar leer fliegen – sind sie pro Person 5 bis 14 mal schädlicher als herkömmliche Linienflüge.

Und jetzt? Soll jede:r die individuellen Maßnahmen wieder verwerfen? Das Fahrrad bleibt stehen, ab jetzt wird wieder der SUV genommen! „Jet Set“ von Carmen Geiss ist aufgedreht, Malle nicht nur einmal im Jahr.

Es ist zwar zu kurz gedacht, sich nur auf den persönlichen Ökologischen Fußabdruck zu konzentrieren und dabei die Industrien aus den Augen zu verlieren. Generell ist der Begriff aber gekommen, um zu bleiben. Es ist wichtig, weniger tierische Produkte zu essen, das Auto öfter stehen zu lassen und Flugzeuge seltener zu betreten. Dabei sollte aber kein schlechtes Gewissen mehr entstehen, weil die eigenen Emissionen weiterhin zu hoch sind. Scham führt sowieso eher dazu, dass Menschen weniger gewillt sind Veränderungen vorzunehmen.

Was können wir also tun?

Eine Maßnahme: Straßen in Fahrradstraßen umwandeln. | Quelle: Wikimedia (User: Fridolin freudenfett)

Diese Maßnahmen sind allerdings nicht mehr als Schadensbegrenzung. Die größten Veränderungen können Bürger:innen nicht mit ihrem Konsum machen; ein Engagement darüber hinaus ist wichtig. Dazu zählt nicht nur alle paar Jahre zu wählen, sondern das Thema immer wieder aufzubringen – und nicht nur, wenn gerade wieder Brandenburger Wälder brennen und der Rhein austrocknet. Menschen in Führungspositionen können viel erreichen. Zum Beispiel Stadtplaner:innen, die immer wieder Straßen zu Fahrradstraßen umbauen, aktuell in Pankow geschehen. Nudging ist ein Stichwort, was immer wieder in diesem Zusammenhang fällt. Dabei werden Menschen zu anderen Verhaltensweisen bewegt, ohne dabei Zwang auszuüben. Etwa durch ein Bonus/Malus-System im Supermarkt. Oder durch das Anbieten von vegetarischen und veganen Optionen als Standard, wie etwa in den Mensen der Berliner Hochschulen, die Fleischgerichte immer mehr von den Speiseplänen streichen.

Vor allem braucht es aber einen öffentlichen Druck auf Politiker:innen und andere Entscheider:innen. Diese haben in der Vergangenheit lieber Plastikstrohhalme und -tüten verboten, als die großen Klimaprobleme anzugehen. Am Ende des Tages liegen alle Optionen auf dem Tisch und die Zeit rennt davon. Wir müssen uns ehrlich machen: Einige der Lösungen können und werden unbequem sein. Teilweise sind es hohe Kosten, die Staat und Bürger:innen stemmen müssen. Am Ende des Nichtstuns warten allerdings noch viel höhere Kosten – und vor allem ein zerstörter Planet.

Zurück

Empfohlen