Der neue Gott heißt Algorithmus

Mrz 14, 2018

Die Soziologin Elena Esposito spricht in ihrem Vortrag „Zukunft und Ungewissheit in der Digitalen Gesellschaft“ über unsere Gegenwart und Zukunft mit Algorithmen.

„Making sense of the digital Society“ lautet der Titel der Vortragsreihe, zu der das Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft und die Bundeszentrale für politische Bildung seit Dezember Expert*innen aus verschiedenen Bereichen einladen. Einmal mehr zeigt dieser Titel unser Bedürfnis, inmitten der digitalen Rasanz einen Moment lang durchzuatmen, zu reflektieren und zu verstehen, was um uns herum genau passiert.

An diesem Abend ist im Auditorium Friedrichstraße die italienische Soziologin Elena Esposito zu Gast. Zeit, Erinnern und Vergessen, Mode und Algorithmen sind nur einige der Themengebiete der  Systemtheoretikerin, die unter Niklas Luhmann promoviert hat. In ihrem Vortrag „Zukunft und Ungewissheit in der digitalen Gesellschaft“ spricht sie vor allem über so genannte „predictive algorithms“. Auch wenn dieser Begriff nicht allen bekannt ist, kommt jeder Internet-User tagtäglich damit in Kontakt: Wer kennt es nicht? Man „googlet“ etwas und – welch Überraschung – in Kürze wird einem die passende Werbung angezeigt. In diesem Falle heißt das dann „predictive shopping“.

Aber auch in anderen Bereichen treffen Algorithmen auf der Basis von „Big Data“, also dem kompletten Daten-Universum, Voraussagen. Beispielsweise in der Medizin, mit dem Ziel mögliche Krankheiten vorauszusehen, oder auch bei der Polizei. Mit der Methode des „predictive policing“ sollen mittels bekannter Daten Verbrechen vorhergesehenen und verhindert werden. Die Methode ist unter anderem deswegen umstritten, da sie Gefahr läuft, Personen zu Unrecht zu stigmatisieren, beispielsweise auf Grund von Wohnort oder Ethnizität. In Deutschland wird sie bereits in einigen Bundesländern angewendet. Algorithmen sind bereits fester Bestandteil unserer Gegenwart, aber was sagen sie über unsere Zukunft? „Algorithms don’t see the future, they manufacture the future“, stellt Esposito fest und macht damit die Macht der Algorithmen deutlich, die Zukunft nicht nur vorauszusehen, sondern zu kreieren.

Algorithmen produzieren Bedürfnisse

Und hier spannt Esposito einen interessanten historischen Bogen: Mit ihrem Versprechen die Zukunft vorauszusehen, glichen Algorithmen der antiken Prophezeiung. Während damals die Zukunft durch Gott in Stein gemeißelt war, werde sie heute durch Algorithmen kalkuliert.

Was sie dabei besonders auszeichne und sie von statistischen Datenerhebungen unterscheide, sei ihre Ausrichtung auf ein spezifisches Subjekt. Welches bestimmte Produkt möchte welche bestimmte Person kaufen? Dabei produzierten Algorithmen oftmals erst die Bedürfnisse, um sie dann zu stillen. Das klappe jedoch nicht immer, schließlich springen wir nicht auf jede Werbung an, die auf uns angepasst wurde. In dem Falle sei der Algorithmus gescheitert und habe damit sein ultimatives Ziel verfehlt: die reine Effizienz.

Bewusstsein und Skepsis

In der abschließenden Gesprächsrunde wird gerade diese Präzision von Algorithmen in Frage gestellt. Sei es nicht schöner, im Radio von Musik überrascht zu werden, anstatt von einer Maschine eine völlig durchkalkulierte Songauswahl aufgetischt zu bekommen? Sollten wir Algorithmen also nicht beibringen ein bisschen unaufmerksam, unpräzise – sprich menschlicher – zu werden? Das sei eher unwahrscheinlich, entgegnet Esposito. Eine Maschine, die Fehler mache, sei im Gegensatz zu uns Menschen nicht etwa überraschend oder kreativ, sondern schlicht und einfach kaputt.

Nichtsdestotrotz seien Algorithmen ein Spiegel der User. Ihr Wissen, ihre „Intelligenz“ basieren einzig und allein auf unserem Verhalten, was beispielsweise auch rassistische Algorithmen erkläre. Sind sie also doch irgendwie menschlich?

Der Abend bietet keine wertende Meinung über Algorithmen, künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen, aber durchaus ein gesteigertes Bewusstsein und ja, auch ein wenig Skepsis. Das kann nur positiv dazu beitragen, stets im Klaren über den Einfluss des digitalen Wandels zu sein, um negative Entwicklungen rechtzeitig zu verhindern. Zwei weitere Vorträge aus der Reihe „Making sense of the digital society“ finden in diesem Jahr noch statt.

Hier könnt ihr euch den ganzen Vortrag ansehen:

Jetzt LIVE bei ALEX: Vortrag von Elena Esposito – Zukunft und Ungewissheit in der digitalen Gesellschaft

Was bedeutet die Prognose durch Algorithmen und künstliche Intelligenz? Was können wir über diese technologischen Infrastrukturen unserer Gesellschaft wissen? Wie verändert KI unser Verständnis und unsere Produktion von Wissen? Und wie beeinflussen algorithmische Prognosen unsere Beziehung zur Zukunft? Elena Esposito spricht über Algorithmen und KI und wie diese uns helfen Unsicherheiten und unüberschaubare Datenmengen zu bewältigen – und was wir hierbei über uns und unser Leben preisgeben.

Publié par ALEX Berlin sur lundi 12 mars 2018

Text: Schahrzad Zamankhan

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