Der Kampf um die Zukunft am Ostkreuz

Nov 25, 2021
Plakat: Zukunft statt Ostkreuz Campus.

Im Spätsommer 2021 hat die Zukunft am Ostkreuz ihre Kündigung erhalten. Betreiber:innen, Engagierte und die Nachbarschaft kämpfen seitdem um die kulturelle Oase zwischen Bahngleisen und Plattenbauten.

Es ist ein kalter aber sonniger Samstagmittag in Berlin, knapp tausend Menschen haben sich rund um den Rudolfplatz, unweit dem ALEX-Studio in Friedrichshain, versammelt. Einige von ihnen tragen selbst gemalte Plakate: „Konzerte statt Konzerne“ oder „Kiezkultur – mon amour“ steht da. Und ein Wort taucht immer wieder auf: „Zukunft“. Denn genau um diese geht es bei der Kundgebung und Demo im Rudolfkiez, sowohl im übertragenen, als auch im konkreten Sinne: Der Club und Kulturort Zukunft am Ostkreuz steht vor dem Aus – und heizt damit die unbedingt notwendige Diskussion über die kulturelle Zukunft unserer Stadt weiter an.

Das Clubsterben geht weiter: Zukunft am Ostkreuz vor dem Aus

Schon seit Jahren wird um den Bahnhof Ostkreuz viel gebaut. Während auf der einen Seite der Gleise an der Rummelsburger Bucht (Luxus-)Neubauwohnungen und ein Aquarium entstehen, befindet sich auf der anderen Seite der sogenannte Ostkreuz Campus, ein moderner Co-Working-Space, im Aufbau. Quasi direkt an letzteres Gelände grenzt das Grundstück, auf dem sich in einem ehemaligen Filmlager seit 2011 die Zukunft am Ostkreuz befindet.

Nachdem der Kulturort es irgendwie geschafft hat, sich durch 1,5 Jahre Pandemie zu quälen, droht nun trotzdem das Aus: Dem Betreiber Tilsiter Lichtspiele wurde der zum 31.03.2022 auslaufende Mietvertrag nicht verlängert. Wenn sich der Vermieter nicht umstimmen lässt, heißt das: Nach knapp 11 Jahren ist Schluss für den letzten größeren Kulturstandort im Kiez.

Hunderte Menschen trafen sich am 13.11. bei der Demo für die Zukunft am Ostkreuz am Rudolfplatz.

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ –Treffender könnte ein Sprechgesang auf einer Demo kaum sein, bei der es nicht nur allein um die Rettung der Zukunft am Ostkreuz, sondern stellvertretend um die Zukunft vieler bedrohter Berliner Kulturstätten geht, die mit der fortschreitenden Gentrifizierung aus ihrer zentralen Lage verdrängt werden.

Ob es im Fall der Zukunft Ostkreuz gelingt, dies zu verhindern, ist noch unklar. Sicher ist aber: Mit der Zukunft Ostkreuz würde Berlin auch ein großes Stück kulturelle Identität verlieren.

Keine Zukunft ohne Kino, Kunst, Konzerte und Kneipenkultur

Doch was macht die Zukunft so einzigartig? Angefangen hatte alles mit der Einrichtung des Freiluftkinos Pompeji in den Brandruinen des alten Filmlagers. Mit den Jahren entwickelte sich die Location zu einer Oase für Kino, Kunst, Konzerte, Theater und Kneipenkultur. Ja sogar für Brauereikultur. Denn wer in lauen Sommernächten den urigen Biergarten besucht, kann neben der Fluppe auch an der hauseigenen „Goldene Zukunft“ nippen.

Von Filmfestival-Formaten wie ,,Berlinale goes Kiez“ über Gastspiele junger Theaterschaffender bis hin zu nationalen und internationalen Konzerten von Künstler:innen aus den Bereichen Jazz, Metal, Stoner, Doom oder Psychedelic Rock ist in der Zukunft alles möglich – vor allem erschwinglich und niedrigschwellig. Offen für unterschiedlichste Subkulturen, ist die Zukunft ein Ort für kreative Ideen, Experimente, Austausch und Vernetzung. Hier treffen Cineasten auf Punks, Maler auf Metalheads und Fotografen auf Schachspieler:innen. Die Betreiber:innen den Charme der Location so: „Sprungbrett und Auffangbecken – das gesamte kulturelle Angebot manch einer Kleinstadt im Brennglas von 2500 qm.“ 

Konzerte statt Konzerne
„Konzerte statt Konzerne!“ wünscht sich ein Anwohner am Ostkreuz

Wie kann es also sein, dass ein so verzauberter Ort wie die Zukunft weichen muss und womöglich in die Peripherie verdrängt werden soll? Den Menschen dahinter und allen langjährigen Besucher:innen wird damit ihre Existenz und ein zweites Zuhause genommen. Sind Kultureinrichtungen in Berlin denn weniger wert als Co-Working Spaces, Autobahnen, noch mehr Beton oder Gewerberaum, wenn jede:r vierte Tourist:in allein wegen der Clubs nach Berlin reist und die Stadt sich mit ihrem kreativen, unkonventionellen Arm-aber-sexy-Image rühmt?

Kultur braucht zentrale Standorte, muss für alle zugänglich und erreichbar sein. Veranstaltungsorte sind soziale Orte, Schutzräume für Subkulturen und Teil unseres Lebens in der Stadt. Nicht umsonst wurden Clubs erst 2020, auch auf Nachdruck der Berlin Clubcommission, gesetzlich als Kulturstätten anerkannt und nicht mehr auf eine Ebene mit Vergnügungsstätten, wie Casinos oder Bordelle, gestellt. Sie erlangen damit einen besseren Schutzstatus, werden bei Bebauungsplänen mehr eingeschlossen und haben dadurch eine bessere Planungssicherheit. Wieso kann der Zukunft also einfach gekündigt werden?

„Die Zukunft am Ostkreuz ist eine Art zweites Wohnzimmer“

Schlichtweg geht es hier um Menschen, die mit dem Rausschmiss ihre eigene „Zukunft“ verlieren, für die ein Ort stirbt wie das letzte Fünkchen Hoffnung und der Glaube an nicht-kommerzielle Frei(t)räume. Einer von ihnen ist Jan: Der Musiker ist auch bei der Demo zum Erhalt der Zukunft dabei und erzählt, warum:

„So wie viele es sagen werden, ist die Zukunft eine Art zweites Wohnzimmer für mich geworden. Die Zukunft steht für weit mehr als einen Veranstaltungsraum. Die Zukunft steht für einen Multikulturalismus an Menschen, Kunst, Musik, Film und Bier. Ja auch Bierkultur kann hier genossen werden, durch das selbstgebraute Bier, wie der goldenen Zukunft. Man kann sagen, die Zukunft spiegelt genau das Bild in einem Mikrokosmos wieder, was Berlin ausmacht.

Kiezkultur, mon amour: „Bars statt Büros“

Die großen Immobilienfirmen werben auf ihren Seiten genau mit diesem Berlin, welches wir die Bewohner von Berlin über Jahrzehnte aufgebaut haben, wie zum Beispiel der neue Bürokomplex in der Nachbarschaft der Zukunft „Max und Moritz“. Doch wenn der Platz an diese immobilienfirmen wegfällt, wo soll diese Kultur dann noch entstehen?

Es gibt zwei Wege, welche Berlin noch einschlagen kann. Der erste wäre der Schutz aller Kulturstätten, um das Leben in Berlin lebenswert zu machen. Das zweite Szenarium, auf das wir schon sichtbar zusteuern, ist das einer Geisterstadt. Sehen wir nur etwas weiter auf den Mercedes-Benz-Platz oder den in Jahre gekommene Potsdamer Platz. Von Immobilienfirmen geplante Kultur mit einer Menge Restaurantketten und überteuerten Kulturtempeln. Diese Plätze sind nach Feierabend tote Plätze. Wollen wir das? Nein. Deshalb stehe ich für die Zukunft und den Erhalt der Kiezkultur auf der Straße.“

Mit Zukunft oder ohne: Wie geht es weiter?

Um sich weiterhin für den erhalt der Zukunft am Ostkreuz einzusetzen, haben die Betreiber:innen eine Petition erstellt, mit der sie eine Verlängerung des Mietverhältnisses, Bestandsschutz und langfristige Perspektiven für kulturelle Angebote fordern. Mit dieser Forderung sind sie nicht allein: Knapp 9.000 Personen haben die Petition schon unterschrieben, die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg solidarisierte sich bereits im August mit der Kulturstätte und appellierte an die Eigentümer des Grundstücks, die Kündigung zurückzunehmen. Ob dies genügt, wird sich zeigen.

Der eingangs erwähnte Ostkreuz Campus, welcher sich selbst mit Kieznähe, Urbanität und kreativem Umfeld bewirbt, müsste im Zweifel diese Beschreibung auch zum Leidwesen seines Klientels, der „digitalen Business-Avantgarde“, ändern, denn: Ohne die Zukunft am Ostkreuz, bleibt nicht mehr viel von Kiez und Kreativität in der Umgebung.

Zukunft am Ostkreuz bleibt
„Zukunft bleibt.“ – So ist zumindest die Hoffnung

Wer wissen will, wie es mit der Zukunft weitergeht, sollte unbedingt auf den Social Kanälen Insta und Facebook der Zukunft am Ostkreuz vorbeischauen, hier werden regelmäßig Updates gepostet. Wie ihr der Zukunft noch helfen könnt? Besucht Konzerte, Kinovorführungen, Theaterstücke und Lesungen… Auch wenn Corona gerade wieder in der vierten Well über uns schwappt: Behaltet eure gekauften Tickets, gebt sie nicht zurück und unterstützt damit Künstler:innen und die Location.

Mehr zum Thema „Clubsterben in Berlin“ erfahrt ihr in unserer Videoreihe „R.I.P. – Berliner Clubsterben„. Dort beleuchten wir, warum und wie die international einzigartige Clubkultur Berlins nach und nach vor sich hin stirbt – und was passieren müsste, um dies zu stoppen. Dazu haben wir sowohl mit Politiker:innen als auch mit Clubbetreiber:innen gesprochen.

Text: Madeline Kressler, Jan, Lisa Slaby/ Bilder: Lisa Slaby

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