Abschiebungen nach Gambia: Das Demokratie-Dilemma

Mai 24, 2019
drei Männer aus Gambia stehen mit Schildern gegen Abschiebung auf einer Demo

Seit dem Ende der Diktatur in Gambia werden Asylsuchende massiv abgeschoben. Die Umstände sind oft harsch – das Stigma als Versager ist belastend.

Es ist der 25. Februar 2019, ein Montag, als Flug DX 2461 der Danish Air Transport auf dem Internationalen Flughafen von Banjul landet. Unter den Passagieren an Bord der Maschine ist auch Fabu Tamba. Doch der 26-jährige Tamba ist nicht freiwillig in das Flugzeug gestiegen, das ihn von Frankfurt nach Banjul, der Hauptstadt Gambias, gebracht hat: Er wurde aus Deutschland abgeschoben.

Tamba, der eigentlich anders heißt, hatte den gesamten Besitz seiner Familie eingesetzt, um nach Europa zu kommen. Auf seiner Flucht im Jahr 2015 kam er nach Libyen und Italien, bevor er schließlich in Deutschland landete – genauer gesagt in Karlsruhe. Aber nun ist Tamba zurück in seinem Heimatland. Am Telefon erzählt er, wie er aufgegriffen wurde, als er auf seine Dokumente wartete – obwohl er erst wenige Wochen zuvor Vater eines Sohnes geworden war. Und er erzählt, wie sehr er unter der Abschiebung leidet, seelisch wie körperlich: Er will sich so stark gegen die Abschiebehaft gewehrt haben, dass er Brüche und andere Verletzungen erlitt. Schlussendlich schnitt er sich sogar die Pulsadern mit einer Rasierklinge auf. „Mein Ziel war es mich umzubringen, um die Abschiebung anderer Gambier zu verhindern.“

Eine Frau spricht auf einer Demonstration vor eine Menschenmenge

Die Autorin Nyima Jadama setzt sich für die Rechte von Geflüchteten ein.

Ein sicherer Ort

Bis vor zwei Jahren war Deutschland ein sicherer Ort für gambische Flüchtlinge. Während der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 stellten Gambier die drittgrößte Gruppe von Asylbewerbern in Deutschland: Über 11 000 von ihnen leben allein in Baden-Württemberg. Nach Zahlen des dortigen Flüchtlingsrats sind das etwa zwei Drittel der in Deutschland lebenden Asylsuchenden aus Gambia.

Doch im Januar 2017 veränderte sich die Situation schlagartig, als die Gambier den alternden Diktator, Präsident Yahya Jammeh, abwählten und durch den demokratisch gesinnten Adama Barrow ersetzten. Er ließ politische Gefangene frei, die teilweise in Regierungsämter kamen. Der Reformprozess geht allerdings nur sehr langsam voran und Gambia bleibt eines der ärmsten Länder der Welt. Seit diesem friedlichen Machtwechsel haben die Abschiebungen aus Europa nach Gambia deutlich zugenommen: Im Jahr 2018 wurden bereits 108 Menschen gegen ihren Willen aus Deutschland in das kleine afrikanische Land zurückgebracht; im ersten Quartal 2019 waren es schon 51.

Keine Chance

Einer von ihnen ist Alpha Cham. Im Februar 2019 sitzt der junge Mann im gleichen Flugzeug wie Fabu Tamba und weitere 18 Ausreisepflichtige – alles Männer. Auch Cham war 2015 nach Deutschland gelangt. Jetzt, Anfang 2019, steht er kurz davor, seine Ausbildung zum Maurer zu beenden. Doch stattdessen wird er in den frühen Morgenstunden des 25. Februar in seiner Unterkunft in Weil am Rhein aufgegriffen und zum Frankfurter Flughafen gebracht. Er war wegen Drogen zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Die Tat bestreitet er vehement.

Nach seiner Erinnerung war er an dem Morgen der Abschiebung gerade dabei, sich für die Berufsschule fertigzumachen, als eine Gruppe schwer bewaffneter Polizisten die Flüchtlingsunterkunft besetzte. Sie hätten ihm seine Verhaftung und die unmittelbare Ausreise nach Gambia innerhalb der nächsten Stunden verkündet – und ihm somit keine Chance gelassen, sich in Ruhe mit seinem Anwalt und seinem Arbeitgeber zu beraten. „Ich hatte keine Ahnung von meiner bevorstehenden Abschiebung“, sagt Cham. „Zwar war mein Asylantrag 2017 abgewiesen worden; zu Beginn meiner Ausbildung habe ich sofort eine Duldung beantragt, aber auch diese wurde abgelehnt.“ Also war er juristisch gegen diese Entscheidungen vorgegangen – ohne Erfolg.

ein junger Männ im blauen Fussballtrikot lächelt in die Kamera

Kurz vor Abschluss seiner Ausbildung wurde Alpha Cham abgeschoben.

Der Europarat hat Deutschland erst im Mai dafür kritisiert, dass Abschiebungen aus Deutschland den Betroffenen häufig zu kurzfristig angekündigt werden. Es sei unerlässlich, den Menschen rechtzeitig mitzuteilen, dass sie Deutschland verlassen müssten, hieß es in dem Bericht des Gremiums.

Ein zweifelhaftes Abkommen

Laut Flüchtlingsrat Baden-Württemberg finden Abschiebungen offenbar auf der Basis eines entsprechenden Rückführungs-Abkommens zwischen der EU und Gambia statt – und dies könnte bedeuten, dass die gambische Regierung unter Druck gesetzt wird. So vermutet es zumindest der Flüchtlingsrat.

Die Geschichte dieses Abkommens beginnt im August 2018. Damals reist eine hochrangige EU-Delegation inklusive einiger Abgesandter der Mitgliedsstaaten nach Gambia. Sie sollen herausfinden, welche technischen und finanziellen Voraussetzungen nötig sind, um in Gambia ein „Migrations-Management“ zu etablieren. Schon diese erste Reise führt zur Zusage von mehr als 20 Millionen Euro durch die Europäer. Im Oktober 2018 folgt dann ein zweiter Entwurf des Abkommens, bis eine finale „Absprache über bewährte Verfahren“ steht. Laut der EU sagt Europa darin zu, die gambischen Behörden bei der Aufnahme und Reintegration zurückgekehrter Personen zu unterstützen – und auch bei der Entwicklung der Gemeinden, aus denen die Rückkehrer stammen.

Menschen demonstrieren mit Schildern auf der Straße

Immer wieder kommt es zu Demonstrationen gegen die aktuelle Abschiebepraxis.

Seit Gambias neuer Präsident Adama Barrow im Amt ist, hat seine Regierung schon über 200 Millionen Euro von der EU bekommen. Allerdings ist unklar, wofür dieses Geld verwendet wird. Wirtschaftlich geht es kaum voran. Perspektiven für die Rückkehrer gibt es kaum.

Doch auch die Erwartungen von Familie und Gesellschaft belasten die unfreiwilligen Rückkehrer stark. „Mein Herz brannte und ich hatte Probleme zu atmen – wegen des Traumas, des Stigmas und der gesellschaftlichen Diskriminierung, die mich erwarteten“, sagt Alpha Cham am Telefon. Auch Fabu Tamba hatte aus diesen Gründen – trotz aller Entbehrungen und Hindernisse auf der Reise nach Europa – nie daran gedacht, nach Gambia zurückzukehren. Alpha Cham drückt es am Telefon so aus: „Meine Familie hatte all ihre Hoffnungen in mich gesteckt, nun sind die Träume zerstört. Meine Mutter ist in Tränen ausgebrochen, als sie mich gesehen hat.

Die Autorin Nyima Jadama (26) kommt aus Gambia und ist Volontärin der Medienanstalt Berlin-Brandenburg bei ALEX Berlin.

Der Text erschien zuerst beim Tagesspiegel unter dem Projekt #jetztschreibenwir. Das mehrfach preisgekrönte Tagesspiegel-Projekt, das von der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit und der Robert Bosch Stiftung unterstützt wird, begann im Herbst 2016 mit einer ganzen Tagesspiegel-Ausgabe mit Texten von Exiljournalisten. Nach „Wir wählen die Freiheit“ (September 2017) und „Heimaten“ (Juni 2018) erscheint mit „Wir in Europa“ (Mai 2019) die dritte Beilage, die von Exiljournalisten gestaltet wurde.

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