Charlotte Brandi: „Backstreet Boys fand ich jetzt nie so gut“

Dez 20, 2017
Die wundervolle Charlotte Brandi mit verträumt melancholischen Ausdruck

Charlotte Brandi, Keyboarderin und Gitarristin von Me And My Drummer, war zu Gast bei der ALEX-Radiosendung The Feature. Im Gepäck hat sie die musikalischen Schätze ihres Erwachsenwerdens.

Me And My Drummer sind die Kritikerlieblinge der Berliner Indie-Szene. Das sind ein Musiker und eine Musikerin, die sich vor Jahren am Landestheater Tübingen kennen lernen – dort schreiben sie Musik für die Bühnenstücke – und dann beschließen gemeinsam nach Berlin zu gehen. 2011 gehen sie ins Studio und im Mai 2012 erscheint das Debüt The Hawk, The Beak, The Prey, wonach Me And My Drummer vom Musikexpress als Berliner Pop-Hoffnung mit Aushängeschild-Potential für den internationalen Musikmarkt gefeiert werden.

Knapp fünf Jahre und einen weiteren Longplayer später hat Sängerin Charlotte Brandi das Bedürfnis ihre elektronischen Keys gegen ein staubiges Klavier zu tauschen und alleine Musik zu machen. All diese Dinge sind – neben der wunderbaren Musik von Me And My Drummer – Grund genug für Moderatorin Madlen Wittenstein, Charlotte Brandi in ihre Radiosendung The Feature einzuladen. Dort stellt Brandi allerdings trotz ihres neuen Solo-Albums The Magician nicht ihre eigene Musik vor, sondern spricht mit Madlen über die Musik, die sie in ihrer Jugend geprägt hat: Eine selten spannende Mischung aus finnischem Pop aus den 90ern, polnischer Avantgarde-Folklore oder russischer Chormusik.

Charlotte Brandi im The Feature-Interview

Madlen: Hallo Charlie, schön, dich heute hier im Studio zu haben. Deine Eltern sind unter anderem Musiker und haben bei Cochise mitgespielt, eine deutsche Band, die sich Ende der 70er mit politischen Pop- und Folksongs einen Namen machte. Inwiefern hat es dich und dein Musikverständnis geprägt, in einem musikalischem Elternhaus groß zu werden?

Charlotte Brandi: Insofern als immer viel Musik lief und dann auch meistens Musik, die in einer Stadt wie Dortmund jetzt eher unpopulär war. Dortmund ist so eine Zwitterstadt zwischen Provinz und Großstadt und deswegen gibt’s da, glaube ich, keine Szenen, die so krass ausgebildet sind, wo man viel experimentelle Musik hört.

Und experimentell in dem Sinne war die Musik, die wir zuhause gehört haben auch nicht, aber eben international. Wir haben immer viel Weltmusik gehört und Folklore aus anderen Ländern und das ist auch in die Band meiner Eltern eingeflossen. Mein Vater ist relativ bald aus dieser Band ausgestiegen, aber meine Mutter hat insgesamt neun Jahre dort gespielt, war Multiinstrumentalistin und die haben musikalische Einflüsse aus Afrika, USA, Irland, teilweise auch indianische Einflüsse: Also alles was so in den 70er Jahren Worldmusic und Folk-Rock mit politischem Appeal und einem ganzheitlichen Gedanken eingeschlossen hat.

Madlen: Sind all diese musikalischen Einflüsse, von denen du eben gesprochen hast, auch in deine Musik und in deinen kreativen Schaffensprozess mit eingeflossen?

Charlotte Brandi: Auf jeden Fall. Ich bin auch ganz froh, dass du mir heute die Gelegenheit gibst, mal so ein paar Sachen zu zeigen, die sich ganz tief in mein Unterbewusstsein eingegraben haben. Das eben gehörte Lied von Värttinä, da war ich halt zehn. Da hatte ich von Gender keine Ahnung, da hatte ich von Mainstream und kommerziellem Druck keine Ahnung, da habe ich einfach gedacht: „Das ist eine Band, die macht was sie will.“

Die klingen unfassbar. Also unfassbar gut. Technisch, rein technisch unfassbar fit und gleichzeitig frei in dem was sie tun. Die bedienen sich ganz selbstverständlich allen möglichen Stilrichtungen und sind so eine schöne Fusion. Den Gedanken bin ich seitdem nicht losgeworden. Auch wie die Frauen singen. Ich finde, die singen irgendwie zu etwas hin. In den Stimmen angelegt ist dieses in den Himmel singen.

Ich glaube, die sind beeinflusst von diesen bulgarischen Chören. Ich glaube, das war zu der Zeit total hip. Es gab einmal dieses Phänomen der Voix Bulgares, der bulgarischen Chöre, die glaube ich so ein französischer Jazz Musiker entdeckt hat. Seitdem ist es im westlichen Weltmusikverständnis drin, diese Sopranstimmen zu benutzen, die mehrstimmig singen, ich glaube der Gesangsstil heißt Belten. Ach so viel geredet. Aber Värttinä steht für mich auf jede Fall für hohes technisches Können und ganz viel emotionale und musikalische Freiheiten. Das hat mich schon immer an denen gekickt.

Madlen: Ich würde sagen, wir hören uns das nächste von dir mitgebrachte Lied an: Warsaw Village Band, eine polnische Gruppe, deren Merkmal es ist, moderne Elemente mit polnischer Folklore zu vermischen. Gibt es noch etwas hinzuzufügen?

Charlotte Brandi: Ja, das war der Soundtrack zu meiner ersten eigenen Bude. Ich bin mit 19 von Zuhause ausgezogen. Erst mal nur in die Dortmunder Nordstadt in eine WG und dort hat ein stets besoffener Pole Namens Adam gewohnt. Der war mega cute und hat das eines Nachts so laut gehört, dass niemand mehr schlafen konnte und alle haben sich geärgert. Nur ich nicht, weil ich’s so geil fand.

„Ich habe mich immer dafür geschämt…“

Charlotte Brandi: Bei der Warsaw Village Band, das muss noch schnell gesagt werden, da habt ihr’s wieder gehört, die Frauenstimmen. Das hat mich irgendwie an Värttinä erinnert und deswegen war ich wahrscheinlich hooked, als ich das zum ersten Mal gehört habe.

Madlen: Wir haben einen roten Faden, der sich durch deine musikalischen Präferenzen zieht. Das sind die unschuldigen Sopran Stimmen. Ich frage mich, ob du eigentlich auch uncoolen trashigen Mainstream gehört hast, also das was die anderen Jugendlichen so hören, oder ob du nur so coole Musik gehört hast?

Charlotte Brandi: Also ich habe mich immer dafür geschämt, dass ich so etwas wie Värttinä gehört habe, weil ich das nicht cool fand. Jetzt ist es ja auch total trendy Backstreet Boys toll gefunden zu haben. Backstreet Boys fand ich jetzt nie so gut. Mein größtes Guilty-Pleasure ist das Lied „Viva Forever“ von den Spice Girls, das habe ich richtig gefeiert.

Madlen: Geil. Guter Pick.

Charlotte Brandi: Guter Pick, wa? Apropos Weltmusik, da sind auch so spanische Gitarren drin. Spice Girls fand ich schon ganz gut.

Madlen: Aber du fandst russische Musik auch ganz gut. Das war eine elegante Überleitung zum nächsten Lied. Wir haben heute so viel Musik, das wir gleich weiterhören. Charlie hat ein wunderschönes Lied mitgebracht „Pod Oknom“. Ein, zwei Worte bevor wir es uns anhören?

Charlotte Brandi: Es ist ein russischer Frauenchor der das singt. Ich hab keine Ahnung wer das genau ist und angeblich handelt es von einem Maulbeerbaum und von Sehnsucht, also jeder der der russischen Sprache mächtig ist, möge genau hinhören.

Madlen: Das sind wieder die Frauenstimmen die hier auftauchen. Dieses Mal auf Russisch.

Charlotte Brandi: Ja, also, ich weiß auch nicht. Ich glaube nicht, dass man selber so bewusst nach Kategorien auswählt. Aber diese Musik berührt mich einfach. Die hat alles was ich gut finde: Eine elegante Komplexität, die für mich schlüssig ist, die mich geprägt hat, die mir irgendwie zeigt, wie man damals Musik gedacht hat. Was für ein Gehör, was für ein Kopf und auch was für ein Herz Musik geformt hat. Das ist mir irgendwie nahe, diese Art zu schreiben oder diese Art Melodieführung zu betreiben und Harmonieführung zu betreiben.

Madlen: Würdest du sagen, du entnimmst deine Melodien und Harmonien solchen Vorbildern, solchen Ideen?

Charlotte Brandi: Ich denke schon. Ich denke, dass man absolut das wiederkäut, was man am meisten hört und ich glaube auch, dass man, wie man ja so schön sagt, wenn man erwachsen ist, die meisten Verhaltensmuster aus seiner tiefsten Kindheit übernimmt. Ich glaube, dass das auf die Musik auch zutrifft. Das heißt, das was du als Kind hörst oder das womit du aufwächst, das wird immer den besondersten, tiefsten Kanal zu deinem Herzen öffnen können, auch wenn du erwachsen bist. Manche nennen das sentimental. Das ist es auch. Oder nostalgisch oder so, aber nicht zuletzt ist das einfach wesentlicher Baustein deiner Persönlichkeit und ein paar Bausteine von meiner Persönlichkeit darf ich heute endlich mal zeigen, weil du mir die Chance dazu gibst und weil ich auch gar nicht weiß, was für ein Radiosender solche Musik überhaupt spielen würde.

„Ich bin hoffentlich verrückt genug, mir meinen heiligen Raum für’s Komponieren erhalten zu können“

Madlen: Dankeschön an dieser Stelle.
Mit einem Künstler-Sein werden bestimmte Sachen assoziiert: Der typische Künstler, wie er leibt und lebt ist impulsiv, verrückt, sensibel, schwierig bla bla bla. Natürlich wissen wir mittlerweile, dass das Schwachsinn ist. Es gibt auch gut organisierte, spießige, oder Straight-Edger-Künstler. Ich bin neugierig, was von diesem Künstler-Typ auf dich zutrifft und was nicht und was du für ein Künstler-Typ bist.

Charlotte Brandi: Puh! Ich denke, ich bin hoffentlich verrückt genug, mir meinen heiligen Raum fürs Komponieren erhalten zu können und auch eine gewisse Abgrenzung von der Welt da draußen zu erhalten. Denn verrückt ist ja immer nur der, der von der Mehrheit nicht verstanden wird und die Mehrheit macht die Regeln. Als guter Künstler tut man gut daran, alles zu hinterfragen und das ist eine Eigenschaft, die auf jeden Fall in die Richtung Verrücktheit eingeordnet wird von dem Gros der Menschen. Aber das ist eine ganz große Qualität. Das trifft hoffentlich auch auf mich zu. Gleichzeitig versuche ich authentisch und ich selbst zu sein und meine Geschichte zu erzählen. Und unorganisierter werde ich immer weniger, ich versuche immer mehr, meine Struktur zu finden, weil das tatsächlich überlebenswichtig ist. Ja, insofern würde ich sagen, ich bin schon das was du gerade alles aufgezählt hast, zu einem großen Anteil, aber besorgniserregend ist es nicht. Bisher ist es wunderschön und ich treffe auch viele tolle Menschen, die mir vertrauen und die mitkommen in meiner Art zu denken oder in meiner Welt und dafür bin ich dankbar.

Madlen: Wenn wir schon vom Künstlersein sprechen, dann kann ich an dieser Stelle erwähnen, dass du mir gerade eben erzählt hast, dass du ja eigentlich Pianistin bist und nicht Sängerin. Ich würde mal behaupten, dass man dich vor allem auch deiner Stimme wegen kennt, die sehr prägnant ist, die im Vordergrund steht und auch deine Musik stark ausmacht. Du hast ein Stück von Michael O’Sullibhain mitgebracht, dass dich als Pianistin sehr geprägt hat.

Charlotte Brandi: Ja, gebt euch das mal, wie dieser Mann spielt. Also das hat mich wirklich umgehauen, inspiriert, angespornt. So eine Musik ist selten auf der Welt.

Madlen: Musik machen und veröffentlichen ist ein komplexer Prozess. Auf der einen Seite stehen der Künstler und das Produkt, auf der anderen Seite das Publikum und die Rezeption. Man kann als Künstler seinen Teil leisten, der Rest ist dann abhängig davon wann und an wen die Musik geht. Es gibt wahnsinnig viel gute Musik, die nicht gehört wird. Und das heißt nicht, dass sie nicht gut ist, vielmehr dass diese Musik vielleicht nicht im richtige Moment rezipiert wurde. Wie fühlt es sich an ein Baby zu schaffen – also in deinem Fall deine Musik – und es dann in die Hände anderer zu übergeben, das Kind gehen zu lassen?

Charlotte Brandi: Ja, alles was du gerade sagst, kann ich erst Mal unterschreiben. Es gibt keine gerechte Welt da draußen, das wissen wir ja jetzt alle definitiv. Die Welt ist nicht gerecht, und gute Dinge brauchen Anwälte für diese guten Sachen. Ob mit Tatkraft, Geld oder Energie, oder mit Mund zu Mund Propaganda, was auch immer. Man ist angewiesen auf sein Netzwerk, man ist angewiesen auf seinen eigenen Radius und das ist insofern auch ganz schön beängstigend. Man muss sich cool machen, man muss sich locker machen, man muss sich tiefen entspannen.

Madlen: Was hat man Künstlerin in der Hand?

Charlotte Brandi: Du hast nur deine Kunst in der Hand. Du hast deine Kunst in der Hand und ein bisschen noch deine Person. Deine Person ist aber in der Öffentlichkeit und in dem Zusammenspiel mit Anderen mit Adrenalin so vollgepumpt, dass du viel Quatsch erzählst. Oder sagen wir mal so, du bist nicht so unbedingt die beste Version deiner Selbst. Auf der Bühne hilft Adrenalin sehr. Beim Moderieren und beim Kommunizieren kann es auch helfen, aber es kann auch verzerren. Und deswegen ist es gut, wenn man sich zumindest im ersten Schritt der Sache bewusst ist und versucht darauf einen Fokus zu legen. Auf Kommunikation und auf Verhandlungen und auf den Teil, der eben nicht nur Künstlerin ist, sondern auch Vermittler.

Madlen: Wenn du deine Kunst in der Hand hast, was haben die Anderen in der Hand?

Charlotte Brandi: Die anderen haben in der Hand ob sie das Geschenk annehmen und ob sie mitkommen auf die Reise in meinen Kopf, oder sagen ne, danke!

Madlen: Dieses Übergeben von Kunst oder Musik ist kein einfacherer Prozess und fühlt sich nicht immer gut an.

Charlotte Brandi: Es ist wie mit allem. Ich glaube, es ist wie mit Tinder oder mit allem, was zwischenmenschlich ein bisschen direkter ausgelegt ist und wo du einfach bewertet wirst. Und soll etwas funktionieren, dann musst du ehrlich sein und dein Gegenüber muss auch ehrlich sein. Ich glaube ja ganz fest daran, dass Menschen zu Menschen sprechen und entweder der Kanal ist längst da und der Empfänger hat auf den Sender gewartet oder eben nicht und der Kanal war nie offen dafür. Und man muss sich einfach die Mühe machen, diese eine Hälfte Menschen von der Anderen zu zerteilen und sich natürlich nur auf die konzentrieren, die deine Kunst und deine Musik schon verstehen.

Madlen: Das ist ein schönes Bild. Wir haben darüber gesprochen, was man in der Hand hat und was man nicht in der Hand hat. Dazu gehört auch das Image. Man hat ein Bild von sich selbst als Künstler, und der Zuhörer, oder die Fangemeinde, hat auch ein Bild von dir. Daraus entsteht zwangsläufig eine Diskrepanz. Inwiefern baut das Druck auf den Künstler auf? Und wie fühlt es sich an einem gewissen Bild entsprechen zu wollen?

Charlotte Brandi: Ich denke es ist eine Frage des Selbstverständnisses und der Reife. Wenn man als Persönlichkeit an einem Punkt ist – man ist jetzt schon über 30 und man muss nicht mehr Dinge vortäuschen, die man nicht ist – wo man sich nicht mehr mit der Frage auseinandersetzten muss, bin ich das oder bin ich das nicht, weil man das weiß, dann ist vielen einfacherer. Und ich habe das Glück mit vielen Menschen zusammenzuarbeiten oder befreundet zu sein, die das über sich schon lange vor ihrem 30 Geburtstag wussten. Die Quelle für alle richtigen Entscheidungen ist dein Kern. Dein Kern enthält deine Intuition, er enthält immer dieses Pendel, das ganz klar ausschlägt in Richtung ja oder in Richtung nein. Du kannst und musst dieses Pendel in bestimmten Situationen auch hinterfragen, aber in den allermeisten, wichtigsten Entscheidungen solltest du unbedingt darauf hören und nicht so weit in die Zukunft denken und dich verkonstruieren. Daraus erwächst dann auch die Musik, die du machst. Daraus erwächst das Auftreten, das du hast. Denn du hast ja nur dich selbst. Man muss darauf aufpassen, dass man sich nicht den Erwartungen anderer anpasst, denn die addieren sich im Zweifelsfall auch nur auf Null. Am stärksten leuchtet die eigene Kraft.

Charlotte Brandi posiert für das neue ALbum "The Magician" im hellbraunen Trenchcoat

©sashberg

Einfach atmen und eine Person sein

Madlen: Fazit: Das Bild das andere von dir haben ist gar nicht so wichtig?

Charlotte Brandi: Naja, es ist wichtig und unwichtig. Sagen wir mal so: Das Bild was andere von einem Künstler haben, ist unbedingt wichtig dafür ein gewisses Maß an Illusion zu erschaffen, was sich um die Kunst legt. So dass man gerade so viel Illusion hat, dass man es ein bisschen larger than life finden und bewundern kann. Aber es sollte unbedingt auch dem Kern der Person, die das macht entspringen. Man kann wie ein Schauspieler einen Teil von sich gern übertreiben, um sich ein bisschen griffiger in Szene zu setzten, aber man sollte sich auf keinen Fall verbiegen oder verraten oder grundsätzlich in Frage stellen, das ist glaube ich wichtig.

Madlen: Wie kann man sich als Künstler schützen?

Charlotte Brandi: Der Tag hat ja so und so viele Stunden und die Stunde hat ja so und so viele Minuten. Das ist Zeit. Das ist alles unsere Lebenszeit und die müssen wir ernst nehmen und gut nutzen. Und zwar morgens und abends vor allem. Also vor allem den Morgen in meinem Fall, ich finde morgens ist die beste Tageszeit.

Madlen: Bist du ein solarer Typ?

Charlotte Brandi: So weit will ich nicht gehen. Ich weiß nicht, ob ich ein Nacht oder ein Tag-Typ bin oder Schottland oder Portugal. Ich weiß das noch nicht über mich, ich glaube ich bin da ziemlich 50/50, aber vor allem darauf wollte ich hinaus: Ich glaube wenn man ein paar Regeln ernst nimmt, stärkt dich das.

Erstens es gibt immer etwas zu tun, das stärkt einfach einen Charakter, wenn du weißt Machen ist die beste Medizin. Es gibt immer etwas zu tun, du kannst immer üben, du kannst immer etwas erschaffen und wenn du gerade nichts erschaffen kannst, dann kannst du deine Fingerfertigkeit üben, du kannst immer Büroarbeit machen, du kannst immer deine Finanzen machen und das stärkt dich. Das ist Arbeit an dir, an deinem Leben, das ist das sozusagen Instandhaltung, also auf Englisch „maintenance“, die man betreibt für sich. Und wenn man darauf gewisse Zeit am Tag verwendet, dann wird der Charakter auf jeden Fall gestärkt.

Dann wenn man noch einen Schritt weiter gehen will, dürft ihr gerne meditieren, das dauert 10/20 Minuten am Tag, in denen man einfach nur rumsteht oder sitzt – ich stehe dabei ganz gerne – und sich irgendeine tolle Meditationstechnik aussucht und einfach nur eine Person ist ohne irgendetwas ohne irgendeinen Gedankenknäul im Kopf:_“Ich muss in die Richtung, ich bin noch nicht in der Richtung“, oder keine Ahnung, „die Rechnung ist nicht bezahlt oder Streit mit meinem Vater“. Nichts davon, sondern einfach atmen und eine Person sein.

Madlen: Machst du das regelmäßig?

Charlotte Brandi: Das mache ich mittlerweile regelmäßig.

Madlen: Wir sprechen gerade davon, was man alles tun kann, damit es einem gut geht. Das ist alles super wichtig, aber im krassen Gegensatz dazu steht das schwere Leid und die Tragik, was auch ganz oft den Nährboden für tolle Musik und Kunst schafft. Eine direkte Frage an dich: Muss man leiden, um gute Kunst kreieren zu können?

Charlotte Brandi: Ich möchte hier Eva Briegel von der Gruppe Juli zitieren, die hat in einem Galor-Interview, ich glaube 2005 oder so, den besten Satz dazu gesagt: „Ich muss nicht leiden, um zu schreiben aber ich muss bei mir sein“. Ich muss mich spüren und das ist nicht unbedingt durch negative Emotionen nur möglich. Es ist durch jedwede intensive Emotion möglich kreativ zu sein, aber intensiv muss sie sein.

Madlen: Würdest du trotzdem die These unterschreiben, dass in Zeiten des Leides Kunst entsteht?

Charlotte Brandi: Ja, auf jeden Fall. Das liegt an der Wortlosigkeit. Sprachlosigkeit ist da, wo die Kunst dann anfängt. Ich glaube, dass wir über positive Dinge viel besser und viel natürlicher sprechen können, weil die Grundlage für eine funktionierende Gemeinschaft ist, über positive Dinge zu sprechen. Über negative Dinge zu sprechen fühlt sich für viele Gemeinschaften nicht natürlich an. Ich glaube, dass das etwas Trennendes ist. Deswegen ist die Kunst die Art von Sprache, die uns bleibt, um all diese Emotionen aus unserem System herauszukriegen. Emotionen, bei denen wir einfach Hemmungen haben sie mit unseren Mitmenschen zu teilen, weil wir nicht wissen was da für Konflikte auf uns zukommen. Oder weil wir nicht wissen, ob wir frustriert zusammenbrechen, wenn uns niemand anhört, oder niemand mitkommt an diese dunklen Orte. Weil es in der Sprachlichkeit weniger gut aufgehoben ist.

Madlen: Fazit: Bist du gerne eine Künstlerin?

Charlotte Brandi: Ja, ich bin sehr gerne eine Künstlerin. Das ist so ähnlich, als würdest du mich fragen „bist du gerne ein Mensch?“ oder „atmest du gerne, isst du gerne?“ Das ist für mich das einzig Natürliche.

Madlen: Es ist Zeit für Musik, wir hören den Soundtrack zu Werner Herzogs Herz aus Glas von Popol Vuh, „Hüter der Schwelle“.

Charlotte Brandi: Orgiastisches Lied! Habe ich gehört und musste ich auf Repeat hören, ungefähr eine Woche lang. Viel Spaß!

„Was die Leute eigentlich sagen ist: ‚Du machst keine kommerzielle Musik'“

Madlen: Bis jetzt hast du hauptberuflich in der Band Me And My Drummer gespielt, du bist gerade dabei an einem Soloalbum zu arbeiten, auf das wir uns schon freuen. Wie fühlt es sich an; alleine an so ein Projekt heranzugehen?

Charlotte Brandi: Es ist eigentlich nicht möglich. Das ist mein Gefühl bisher. Das Album ist so gut wie fertig. Ich bin sehr gespannt, wie ich mich alleine mache. Ich hatte vorher eine Bandkollegen, Matze Pröllochs, und den habe ich jetzt nicht mehr für mein eigenes Projekt und ich hoffe, dass ich über das Business und über meine eigene Person genug gelernt habe, um Beides in Einklang zu bringen. Und ich weiß, wie viel Rückschläge man einstecken muss, ich weiß wie viele Kommentare man sich anhören muss. Das ist ungefähr so als würde einem normalen Menschen den ganzen Tag gesagt, „tja, du hast aber auch eine große Nase“, oder „du hast aber auch rote Haare“, das ist schon speziell, mal gucken, wer dich so nimmt“, oder „mal gucken wer dich so attraktiv findet, so wie du so bist“.

Madlen: Das wird über deine Musik gesagt?

Charlotte Brandi: Genau. Was sie eigentlich sagen, die paar Leute mit denen ich schon gesprochen habe, ist, „du machst keine kommerzielle Musik!“ Das sagen sie eigentlich. Erstens würden sie es so nie ausdrücken, denn für die gibt es den Begriff gar nicht. Wir sagen ja auch nicht die ganze Zeit wir sind ein Mensch, weil wir voraus setzen, dass wir Menschen sind. Und die setzten voraus, dass Musik mit der man arbeitet, kommerziell gemeint ist und auch so geschrieben wird.

Also ich krieg schon zu spüren, dass der Markt für diese Musik nicht so vertreten wird von den Menschen, mit denen ich bisher gesprochen habe. Ich persönlich glaube daran, dass es das Publikum für diese Musik absolut gibt. Ich weiß, dass es ein Publikum für jede Musik gibt. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht, mein Album ist sehr gut geworden und ich bin sehr stolz darauf. Ich hatte einen wundervollen Produzenten: Joe Joaquin, der hat auch das letzte Maeckes Album gemischt und mit produziert und unser Ergebnis kann sich echt sehen lassen. Wir sind total euphorisiert und froh und deswegen vertraue ich den Dingen als solchen. Aber ich bin auf jeden Fall auf die nächsten Wochen und Monate gespannt und auf meine Reaktionen auf die Welt und die Reaktionen der Welt auf mich, allein ohne Matze.

Madlen: In welche Richtung geht denn das neue Album, vielleicht auch im Gegensatz zu Me And My Drummer?

Charlotte Brandi: Me And my Drummer hatte so einen sehr glasigen Thermalbad Sound mit Synthesizern und synthetischen Instrumenten angereichert. Mein Solo-Album ist anders, ich würde sagen holziger soul-folk. Es hat tatsächlich viele soulige Komponenten, es hat viele folkige Komponenten, es arbeitet kaum mit synthetischen Klängen und wenn ja, dann sind diese sehr platziert. Und es sind sehr viele Natur Instrumente. Es gibt Querflöte, es gibt Streicher, es gibt Akustik Gitarren, es gibt Chöre.

Madlen: Ich bin super gespannt! Vielen Dank für‘s Kommen, Charlie. Jetzt gibt es noch einen letzten Song für den Nachhauseweg: Micachu & The Shapes mit „Nothing“

Das Interview führte Madlen Wittenstein.

Die aktuelle Sendung könnt ihr in unserer Mediathek nachhören:
https://www.alex-berlin.de/mediathek/radio.html?category=106&a=rsc_1129

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