Berliner Impfbusse – Warum Ungeimpfte auch strukturell bedingt sind

Nov 17, 2021
Berliner Impfbusse

Ungeimpfte Menschen, die durchs Raster fallen, hatten bisher keine Möglichkeit sich impfen zu lassen. Impfbusse helfen gegen strukturelle und soziale Hürden.

Bis in den November hinein fahren Berliner Impfbusse täglich durch die ganze Stadt und impfen die Bevölkerung. Impfangebote an Einkaufszentren, Straßenmeilen oder Kirchen sollen die Menschen spontan überzeugen, sich impfen zu lassen. Aber nicht nur dort werden niederschwellige Angebote gebraucht, sondern auch an Wohnungsloseneinkünften wie der ASOG-Unterkunft des Betreibers ABAS Soziales Wohnen u. Verwaltungs Gmbh in der Storkower Str. 114. In einer Pressemitteilung der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales wird hier der Impfbus am 27.Oktober als eine von drei „Impfaktionen für migrantische Communities in Berlin“ angekündigt.

Migrantische Communities in einer Wohnungslosenunterkunft?

ASOG steht für Allgemeines Sicherheits- und Ordnungsgesetz. Bezirke sind dazu verpflichtet Menschen ohne Wohnung ein Dach über dem Kopf zu geben. „Viele dieser Menschen haben eine Einwanderungsbiographie“, sagt Imke Radig, Koordinatorin für Flüchtlingsfragen im Bezirksamt Pankow. Sie hat die Impfaktion organisiert.

„Menschen, die Asyl beantragen, durchlaufen ein Asylverfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Während dieses Verfahrens ist das Landessamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) für die Unterbringung zuständig. Sobald das Asylverfahren mit einem Status beendet ist, ist nicht mehr das LAF für die Unterbringung der Menschen zuständig, sondern sie sollten sich dem Grunde nach eine eigene Wohnung mieten können. Da bezahlbarer Wohnraum Mangelware in Berlin ist und es geflüchteten Menschen in der Regel besonders schwer fällt, eine eigene Wohnung zu bekommen, werden sind dann wie wohnungslose Menschen allgemein von dem jeweils zuständigen Bezirk in Wohnungsloseneinrichtungen untergebracht. Deshalb sind so viele Menschen mit Migrationshintergrund in Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe“, erklärt Radig. Und deshalb ist der Bus auch hier, an der Storkower Straße 114.

Berliner Impfbusse gegen strukturelle Hürden

Personen, die in solchen Wohnungslosenunterkünften leben, sind eigentlich laut Corona-Verordnung in der Prioritätsgruppe zwei. Warum sind diese Menschen dann noch nicht geimpft? Warum bedarf es Berliner Impfbusse, um diese Menschen zu erreichen?

„Die Menschen sind oftmals aufgrund von verschiedenen Problemlagen – z.B. Sprachschwierigkeiten, manchmal auch Abhängigkeiten oder psychische Leiden – alleine nicht in der Lage, sich um einen Termin für die Corona-Schutzimpfung zu kümmern.“, meint Radig. „Man sollte sich fragen, in was für einer Gesellschaft wir leben und ob wir diese Menschen ignorieren wollen.“ Man hört Wut in Ihrer Stimme:

„Mich ärgert, dass sie wieder die Letzten sind.“

Bitte einsteigen! –  Berliner Impfbusse von Innen

Immerhin ist er jetzt da, Ende Oktober. Vorne auf der Fahrerseite eingestiegen, kommt man direkt zur ersten Impfstelle: Der Impfbus hat getönte Scheiben und der vordere Bereich im unteren Stock ist mit einer matten Plastikfolie in eine Praxis verwandelt, in der eine Liege und ein Tisch aufgestellt sind. Geht man die Treppe nach oben findet man eine solche Ausstattung im hinteren Teil des Busses. Einmal geimpft, muss man zehn Minuten sitzen – dafür kann man sich easy in eine der Sitzbänke setzen. Und wenn man durch ist, geht’s zur Hintertür des Busses wieder raus. Pro Stunde können hier bis zu 20 Impfungen durchgeführt werden.

Eine Ärztin bereitet die nächste Impfung vor

Impfung ohne Anmeldung und Ausweis

Diese Aktion wird vom Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) Berlin durchgeführt, der vom Senat beauftragt wurde. Dr. Sarah Maasz ist die Projektleitung des ASB und zieht eine positive Bilanz zu den Impfaktionen: „Die Angebote werden gut angenommen – natürlich kann man die Zahlen nicht mit denen eines Impfzentrums vergleichen, aber es geht hier darum, die Randgruppen zu impfen und jede Person zählt.“ Sie hält vor allem die Sprachbarriere für einen Grund, weshalb sich einige Menschen nicht impfen lassen konnten und: „Manche haben kein Internetzugang oder Laptop, um einen Termin online zu buchen, oder kein Geld, um sich ein BVG-Ticket zum Impfzentrum zu leisten.“

Vor Ort sind fünf Dolmetscher:innen im medizinischen Bereich und zehn Integrations-Lotsen, die bei der Betreuung der Menschen helfen und in u.a. arabisch, west-afrikanisch, persisch, vietnamesisch und französisch über die Impfung informieren. Ein Patient sagt zu dem Angebot: „Ich bin froh, dass man mir in meiner Muttersprache die Impfung erklärt hat.“

Schilder in verschiedenen Sprachen weisen den Weg zum Impfbus.

Eine weitere Person meint: „Ohne das hier hätte ich mich vermutlich nicht impfen lassen.“ Und eine andere: „Ich habe mich das erste Mal wo anders impfen lassen, das war sehr anstrengend. Jetzt hab ich hier zum Glück die Möglichkeit mich zum zweiten Mal Impfen zu lassen.“

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