Bedingungsloses Grundeinkommen statt #AlarmStufeRot – Ein Kommentar

Okt 14, 2020
Menschen demonstrieren am Brandenburger Tor

Veranstaltungen unterliegen weiterhin strengen Auflagen. Der Unmut ist groß, so richtige Lösungen gibt es nicht. Warum nur ein Grundeinkommen die Kreativen und die Eventbranche noch retten kann. Ein Kommentar zum Thema Corona, Kunst und Grundeinkommen.

In zwei Wochen, am 28. Oktober, finden unter dem Titel #AlarmstufeRot wieder die Großdemonstrationen der Veranstaltungsindustrie statt. Bereits im Spätsommer rollten in Berlin die leeren Flightcases – von den Branchenvertretern wie Särge still vor sich hergeschoben – durch die Stadt. Die Forderungen sind in erster Linie finanzieller Natur: Soforthilfen, Überbrückungskredite, Steuererleichterungen. Dabei wäre genau jetzt der Zeitpunkt, die Kulturlandschaft entscheidend zu verbessern und  für die nächsten Jahrzehnte neu aufzubauen, den Müll rauszuschmeißen und stärker aus der Krise hervorzugehen: Mit einem Grundeinkommen.

Von Bendzko lernen heißt, über Grundeinkommen zu reden

Brav mit solidarischem einsfünfzig Abstand stehen sie zu Beginn des Sommers noch da und halten ihre Bilderrahmen hoch, ein etwas gezwungenes Lächeln, ein bisschen sich wohl der Absurdität bewusst, dass hinter ihnen eine glänzend Rote Seat Motorhaube mit der Unterschrift verschiedener Künstler*innen hängt: Die „Haube of Fame“. 400 Karren durften zu Tim Bendzkos ausverkauftem Autokinokonzert anreisen, dafür gab es den – von der Betreibergesellschaft selbst ausgedachten – „Sold out award“ in Düsseldorf.

So absurd die Szenerie aussieht, fasst sie den Zustand der gesamten Kreativbranche doch eigentlich super zusammen. Denn: Die haben auch alle keinen Bock auf Autokinos, aber die tun das, um ihre laufenden Rechnungen zahlen zu können. Und so geben sie sich Bendzko-like semi-lustvoll dem höchsten Zustand der Entfremdung hin und spielen vor der mit den Hupen grunzenden Blechlawine: UKW Signal, ab zweiter Reihe sieht man nichts mehr, Drinks am Steuer und gib ihm. Es verkauft sich eben (erstmal).

Eventbranche: Alles Quatsch

In der Politik herrscht angesichts dieser Bilder wie immer stilles Einvernehmen: Die Kreativen, die wurschteln sich schon durch, die sind immer zurechtgekommen. Die haben aus einer dreckigen, verfallenen und nach 40 Jahren immer noch irgendwie zerbombten Hauptstadt schließlich auch ein Tourismusmekka gemacht. Und so geht die Eventbranche nach Picknick-, Biergarten-, Autokino- und Onlinekonzerten, nach T-Shirt-Soliaktionen und Behelfs-Releases auf Spotify nun in einen unsicheren Winter, der uns wahrscheinlich wieder Streams und ein paar überteuerte Hallenkonzerte als finanzielle Nullsummenspiele der Branche halbgar vor die Füße klatscht. #AlarmstufeRot wird in der Berliner Politik (noch) nicht so richtig ernst genommen.

„Stoppt die Pleitewelle“ fordern Demonstrant*innen bei der #AlarmStufeRot Demo am Brandenburger Tor

Die Einsicht liegt nahe: Es ist alles Quatsch. Alles großer Quatsch. Doch auch wer sonst kein großer Kapitalismuskritiker ist, merkt, in Krisen wie diesen wie durch ein Brennglas vergrößert und vielleicht sogar am eigenen Leib: Bevor wir zurückbleiben, tun wir lieber etwas Unüberlegtes. „Haube of Fame“, klingt schmalgeistig, aber was soll man machen. Alle machen mit, weil alle Angst haben. Angst aus der Wohnung zu fliegen, Angst abgehängt zu werden, Angst an die Ersparnisse zu müssen, Angst um Fans und Follower, Angst um Firmen und Ich-AGs. Und eine Gesellschaft in Angst tut eben Dinge, die nicht der Verstand, sondern die Angst ihr gebietet. Wenn selbst ein Genie wie Leonardo Da Vinci mit seinen Erfindungen auch die Rüstungsindustrie ankurbeln musste, wer sollte dann über dem Sachzwang und ein paar hupende Autos mehr oder weniger erhaben sein? Kunst bleibt eben meist brotlos und ein bisschen unfrei waren die Künstler*innen, Bookingagenturen und Techniker*innen schon immer, nur jetzt merken sie es mal wieder so richtig.

Mit Grundeinkommen raus aus dem Autokino

Was soll da also noch helfen? Debatten um ein bedingungsloses Grundeinkommen drehen sich meistens um die Finanzierung, die Überlastung der Sozialsysteme, um Fragen der Gerechtigkeit oder darum, dass eine Gesellschaft sofort die Schaufel fallen lässt, wenn sie nicht mehr zum Malochen gezwungen wird. Ein Frage, die weniger häufig gestellt wird, ist die nach dem sozialen Wandel, die eine solche Innovation bewirken kann.

Was passiert denn in einer Kunst- und Kulturszene, die existenziell zu jeder Zeit abgesichert ist: Sie kann endlich darüber nachdenken, was sie will, was wünschenswert ist und wer wir als Gesellschaft sein sollten. Gerade in der Krise wirkt es wie ein Diazepam auf die gesellschaftliche Panik und die Schnellschusslösungen, die aus dem Boden sprießen. Es muss sich nicht immer sofort jeder selbst der Nächste sein. Ein Tim Bendzko & Crew mit Grundeinkommen denkt über das Autokino anders nach, als eine Crew mit Zukunftsangst im #AlarmstufeRot-Modus. Das ewige „die Rechnung zahlen müssen“ hat schon immer Journalisten zu PR-Beratern, Autoren zu Werbetextern, Musiker zu Klingelton-Komponisten und Maler zu Produktdesginern gemacht.

Das bedingungslose Grundeinkommen hingegen ist die Verschaukelung dieses Sachzwangs. Es verändert kreativen Output. Es wertet ihn auf, durch das gründliche Zögern, dass fortan jeder künstlerischen Entscheidung eingebrannt wird. Die essentiellen Fragen – Muss diese B-Seite wirklich noch veröffentlicht werden, um den Backkatalog zu stärken? Muss es wirklich noch das nächste Textil oder Shopprodukt geben? Muss ich wirklich die Technik auf dieser und jener Messe betreuen? – bekommen plötzlich ein schwereres Gewicht. Bei einem Festival auf einer gesponserten Bühne zu stehen wird nicht mehr das Non-Plus-Utra in Form von Gagenmaximierung sein, Booking Agenturen müssen nicht mehr auf dem Drahtseil zwischen misogynem Act, der die Hallen ausverkauft und Herzensprojekt stehen. Die prekäre Situation von Künstler*innen muss nicht mehr in eine Kultur des Umsonst-Abgreifens und des Branded Content münden. Es muss in Corona-Zeiten niemand mehr offen gestehen: Leute, wir haben hier eine handvoll beschissener Lösungen, aber da müssen wir jetzt alle durch. Der ganze überschüssige Ballast kann von Bord geworfen werden. In eine sich seit der Erfindung der Compact Disk  aufblähende Industrie stößt endlich eine Nadel.

Gesundschrumpfen statt Aussterben

Am 15. Mai twitterte Satiriker Jan Böhmermann:

https://twitter.com/janboehm/status/1261231163580055552?lang=de

Und so ähnlich wirkt denn auch eine Eventbranche mit ihren Forderungen, die den ganzen Überbau, der ihnen oftmals so verhasst war – all die Events, die ökologisch unhaltbar waren, all die fragwürdigen Acts, die sie eigentlich nie betreuen wollten, sinnlose Preisverleihungen, kaum als solche gekennzeichnete Markenkooperationen, abgehobene Budgets und Studiokosten, letztlich die „Haube of Fame“ (sorry, Tim) – doch noch mitschleifen und durch die Krise prügeln wollen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte der Industrie jedoch beim dringend benötigten Gesundschrumpfen helfen, ohne den Opfern die permanente Bedrohung des Aussterbens vor die Nase zu halten.

Mehr zum Thema erzählt Tonia Merz, die zu Beginn der Coronakrise eine Petition zum Grundeinkommen startete, in der ersten Sendung von United We Talk.

Text & Bilder: Sören Frey

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