Antiziganismus – ein unterrepräsentiertes Thema

Okt 27, 2021
Rote Rosen umrahmen den Brunnen des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti:re und Rom:nja

Antiziganismus ist für betroffene Sinti:ze und Rom:nja stets präsent. In der Gesellschaft wird das Thema jedoch weitgehend ausgeblendet.

„Nur Tränen, nur Wasser, umringt von den Überlebenden, von jenen, die sich des Geschehenen erinnern, von denen, die das Grauen kennen und andere, die es nicht kannten.“ Mit diesen Worten unter anderem beschreibt Architekt Dani Karavan das von ihm direkt neben dem Bundestag entworfene Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti:ze und Rom:nja Europas.

Auf einer ruhigen Lichtung im Tiergarten ist ein kreisrunder, flacher Brunnen eingebracht. Im Mittelpunkt ein dreieckiger, versenkbarer Stein auf dem jeden Tag eine frische Blüte liegt. Um den Brunnen herum, in die Erde gedrückte Steine mit den Namen der Vernichtungslager versehen. Zwischen dem Rascheln der umgebenden Bäume – Musik: „Allein der Klang der Geige ist geblieben von der gemordeten Melodie, schwebend im Schmerz“.

Antiziganismus – eine Form von Rassismus

Jahrhunderte alte Vorurteile sind heute noch in den Köpfen der Menschen verankert und spiegeln sich in alltäglicher und institutioneller Diskriminierung und Ausgrenzung von Minderheiten wieder. Die diversen Communities der Sinti:ze und Rom:nja und Menschen, die als Zugehörige dieser Gruppen gelesen werden, sind von einer besonderen Form des Rassismus betroffen: dem Antiziganismus. Viele von euch lesen den Begriff vielleicht zum ersten Mal oder fragen sich was das genau heißt. ALEX Berlin sendete und produzierte in den letzten Wochen und Monaten einige Beiträge zu der Thematik. Wir stellen euch hier einige vor, nähern uns dem komplexen Thema an und fassen uns selbst an die Nase: Wie können Medienschaffende ihre Berichterstattung verbessern, ohne Stereotype zu verbreiten?

DIGGA TALK vom 31.Mai 2021 mit Estera Stan und Georgi Ivanov

Es gibt einige Vereine in Berlin, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen und einen Raum für Austausch bieten. Im Vordergrund steht das Engagement gegen Antiziganismus und eine Chance für Gerechtigkeit, Sichtbarkeit und Gleichberechtigung zu bieten. Wir stellen euch einige dieser Organisationen und ihre Arbeit vor:

Amaro Foro e.V.

“Antiziganismus sichtbarerer zu machen und Menschen aufzuklären”, ist die Intention laut des Vorstandsmitglieds Georgi Ivanov des Amaro Foro e.V, die er uns im DIGGA-Talk vom 31.Mai 2021 mitteilte. Der Verein wurde im Jahr 2010 gegründet und bedeutet übersetzt aus dem Romanesischen “Unsere Stadt”. Amaro Foro ist der Berliner Landesverband von Amaro Drom e. V. (siehe unten) und soll die Möglichkeit bieten, Betroffenen zu zeigen, wie sie gegen Antiziganismus vorgehen können. Ziel ist es, Kinder und junge Erwachsene mit  ihrer Rom:nja- Identität vertraut zu machen und Selbstbewusstsein zu fördern.

Amaro Foro beschäftigt sich seit der Vereinsgründung mit verschiedenen Projekten im Bereich Bildung, Soziales, Jugendarbeit, sowie Antidiskriminierungsarbeit. Darunter sind unter anderem zahlreiche  Workshopprogramme, sowie eine Registrierungsstellen für rassistische Vorkommnisse. Detaillierter Informationen sowie die Auflistung der Projekte findet ihr online beim Amoro Foro Verein.

Amaro Drom e.V.

Ein weiterer Berliner Verein, der sich gegen den Antiziganismus in Deutschland einsetzt, ist Amaro Drom, was übersetzt “Unser Weg” bedeutet. Junge Menschen sollen die Chance haben, sich mit Anderen zu vernetzen und sich gegenseitigen Respekt und Akzeptanz anzueignen. Der Verein arbeitet eng mit anderen Landes- und Jugendverbänden, wie “djo – Deutsche Jugend in Europa”, den “MSJO” Migrantenjugendselbstorganisation und dem Verband für interkulturelle Wohlfahrtspflege, Empowerment und Diversity zusammen. Mitte November (12.- 15.11. 2021) findet immer ein jährliches Bundesjugendtreffen statt, welches als größtes bundesweite Zusammenkommen von jungen (Nicht) Rom:nja und (Nicht) Sinti:ze gilt.

Amaro Drom e.V. beschäftigt sich außerdem mit zahlreichen laufenden Projekten, bei denen das Augenmerk auf Empowerment, sowie Ausbildung liegt. Weitere Projekte, sowie detaillierte Informationen zu Amaro Drom gibt es auf der offiziellen Homepage: https://amarodrom.de

RomaTrial e.V.

RomaTrial e.V. ist eine transkulturelle Selstorganisation von Rom:nja und Nicht-Rom:nja und möchte mit seiner Arbeit die komplexen Problematiken des Antiziganismus auf die Bühne, die Bildschirme und in die Weite bringen. Den Schwerpunkt legt der Verein dabei auf verschiedene kulturelle und politische Bildungsarbeit gegen Antiziganismus und eigeninitiierte Kulturveranstaltungen. Beispielhaft ist hierbei das vom Verein seit 2017 organisierte Roma-Filmfestival „AKE DIKHEA?“, das dieses Jahr wieder Anfang Dezember stattfindet.

Veronika Patočková ist Mitbegründerin und Schatzmeisterin von RomaTrial e.V. und spricht in unserer Raum für Notizen Sendung vom 22. Oktober 2021 über die Motivation für ihre Arbeit, den Ansatz ihres Vereins und Perspektiven für eine diskriminierungsfreie Zukunft.

„Ein wichtiges Anliegen ist uns auch neue gesellschaftliche Räume zu schaffen, sodass Stimmen von Sinti, Roma und Menschen, die von Antiziganismus betroffen sind, sichtbar und hörbar werden.“
– Veronika Patočková bei „Raum für Notizen“

Veronika Patočková von RomaTrial e.V. im Interview bei „Raum für Notizen“ vom 22. Oktober 2021

Antiziganismus im deutschen Bildungssystem

Beginnend bei der Kita, bis hin zur Hochschule herrscht im deutschen Bildungssystem eine deutliche und anhaltende Benachteiligung der diversen Minderheit der Sinti:ze und Rom:nja. Das zeigt die zu Beginn des Jahres 2021 erschienene Studie der Arbeitsgemeinschaft RomnoKher e.V. über die Lage der Sinti:ze und Rom:nja in Deutschland. Über 600 in Deutschland lebende Menschen aus Communities der Sinti:ze und Rom:nja in verschiedenen Altersgruppen wurden befragt. 62% der Studienteilnehmenden gaben an Diskriminierung in der Schule aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit erlebt zu haben.

Aufgrund fehlender Auklärung seitens Mitschüler:innen und Lehrer:innen wird zum Beispiel immer noch das Z-Wort verwendet. Ob als Beleidigung oder Teil des Unterrichts in Schulbüchern ist es für Betroffene eine diskriminierende Fremdbezeichnung. „Ich finde es schon traurig, dass in den Schulen nicht über das Thema aufgeklärt wird. In meiner Schule existiert das Thema nicht mal,“ berichtet die 15-Jährige Romni Elisa in unserem Feature.

Das Bildungsniveau unter den befragten Personen der RomaKher-Studie ist gering. Laut der Untersuchung verlassen beispielsweise 14,9% der 18-25-Jährigen die Schule ohne Abschluss, das ist doppelt so viel im Verhältnis zur Gesamtgesellschaft. Aus einem fehlenden Schulabschluss resultiert natürlich auch ein erhöhtes Arbeitslosigkeitsrisiko. Doch wie kommt es zu dieser Ungleichheit? Im Mai 2021 stellt die Unabhängige Kommission Antiziganismus vom Bundestag fest, eine „Selbstreflexion des Bildungssystems hinsichtlich des darin verankerten institutionellen Rassismus“ gegenüber Sinti:ze und Rom:nja bleibe aus. Ein Ansatz um gegen Diskriminierung in der Schule vorzugehen ist neben einer Aufarbeitung der Bildungsinstitutionen eine Entwicklung konkreter Rahmenlehrpläne, um Lehrer:innen wie Schüler:innen nachhaltig aufzuklären und Antiziganismus in das Bewusstsein der Gesellschaft zu bringen.

Jugendliche als Vorbilder gegen Antiziganismus

Im Rahmen des Bildungsprogramms „WIR SIND HIER“ des bereits erwähnten Vereins RomaTrial e.V. haben sich jedoch vier Jugendliche Rom:nja vorgenommen als Peertrainer:innen aktiv gegen Antiziganismus in der Schule vorzugehen. Elisa, Naomi, Estera und David mussten selbst immer wieder Diskriminierung erfahren. Auf Augenhöhe halten sie verschiedene Workshops an Gleichaltrige. Zudem entwickelten sie ein Forumtheaterstück. Inwiefern sich Forumtheater von normalem Theater unterscheidet und was die Jugendlichen mit ihrem Engagement bewirken, erfahrt ihr in unserem YouTube-Feature „Auf Augenhöhe – Jugendliche als Vorbilder gegen Antiziganismus“.

„Meine Meinung ist, dass wir alle gleich sind. Wenn wir in einem demokratischen Land leben, sollten wir auch demokratisch sein, ohne dass Menschen spüren, dass es Demokratie nur für die Leute gibt, die privilegiert sind.“
– Peertrainer David im Feature „Auf Augenhöhe – Jugendliche als Vorbilder gegen Antiziganismus“

Feature über das Bildungsprogramm „WIR SIND HIER“ vom 22. Oktober 2021

Die Verantwortung von Medienschaffenden

Antiziganismus stellt nicht nur in der Bildung ein großes Problem dar, sondern auch in der Medienlandschaft. Diskriminierende Muster demgegenüber haben heutzutage noch immer eine sehr starke Präsenz in den deutschen Medien und ist damit sogar die ausgeprägteste rassistische Form. Zwar haben in den letzten Jahren zahlreiche Gegenmaßnahmen stattgefunden, um diesem Problem entgegenzuwirken, doch die Resonanz ist noch immer sehr gering. Eine große Herausforderung ist die Beseitigung von Stereotypen gegenüber Rom:nja und Sinti:ze. Diese werden in den Medien mit Armut, Kriminalität, Obdachlosigkeit, sowie mit Betteln assoziiert. Dementsprechend werden antiziganistische Vorurteile, sowie Klischees notifiziert und in der Gesellschaft tief verankert. 

Der Verein Amaro Foro hat unter der Leitung von Andrea Wierich ein Medienprojekt in die Welt gerufen, um gegen den Rassismus von Rom:nja und Sinit:ze vorzugehen. 

“Amaro Foro macht seit Jahren Pro Aktive Pressearbeit und dabei ist uns immer wieder aufgefallen, dass der Sensibilisierungsgrad bei Medienschaffenden für Antiziganismus sehr gering ist und dass es oft auch wenig interesse gibt an Sensibilisierungsangeboten.”
– Andrea Wierich bei der Kick-Off Veranstaltung “500 Jahre Antiziganismus brechen!”

Kick-Off-Veranstaltung von Amaro Foro e.V. vom 29. September 2021

Ziel ist es, dass Medienschaffende ausführlich über die Problemstellung, sowie den Diskriminierungsgrad informiert werden. Ihnen soll bewusst gemacht werden, inwiefern die Darstellung von Stereotypen einen negativen Einfluss auf die Medienkonsument:innen haben kann. Außerdem soll auch im Rahmen von Workshopprogrammen aufgezeigt werden, dass Objektivität nur funktionieren kann, wenn man alle Seiten betrachtet und sich mit der Thematik intensiv befasst. Ebenfalls dieser Meinung ist Andrea Dernbach, Redakteurin des Tagesspiegel: “Ich glaube die Arbeit, die gerade die neuen deutschen Medienmacher machen, in eine Redaktion zu gehen und (…) ergänzende Perspektiven vorzustellen wird womöglich nachhaltiger.”

Ein weiterer wichtiger zielführender Punkt ist es, sich Wissen anzueignen und dieses zu vermitteln, sodass eine breite Berichterstattung möglich wird und damit das reale Leben von Betroffenen erleichtert werden kann. Die Fortbildungen für Medienschaffende können online über die Homepage von Amaro Foro e.V. gebucht werden, oder aber auch via E-Mail oder Social-Media Kanäle.

Wissen ist der Anfang: Weitere Infos zum Thema

Antiziganismus ist ein weitesgehend unterrepräsentiertes Thema. Das Bildungssystem trägt eine große Verantwortung dafür. Es sind jedoch auch Medienschaffende, die Stereotype reproduzieren und damit den Diskriminierungskreislauf fortsetzen. Viele tolle Vereine kämpfen aktivistisch für eine bessere Gesellschaft, sensibilisieren für die Thematik und leisten hervorragende Bildungsarbeit. Ihr möchtet wissen, was ihr gegen die Diskriminierung von Sinti:ze und Rom:nja tun könnt? Bildet euch weiter, werdet Expert:innen und engagiert euch in einem Verein oder einer aktivistischen Gruppe!

Hierunter könnt ihr euch weiter informieren:

Hier nochmal die Homepages der genannten in Berlin ansässigen Vereine:

Titelbild: Cora Schäfer, Text: Astrid Seitelberger & Cora Schäfer

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